https://www.faz.net/-gqe-9kpsj

Internet-Pionier Berners-Lee : Wie wir das Netz bekommen, das wir wollen

  • -Aktualisiert am

Sir Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden. Bild: Reuters

Hackerangriffe, Hass, Hetze, perverse Anreize: Das World Wide Web muss besser werden. Und die halbe Menschheit braucht dringend Zugang. Ein Gastbeitrag zum 30. Geburtstag.

          4 Min.

          Heute, 30 Jahre nach meinem ursprünglichen Vorschlag für ein Informationsverwaltungssystem, ist die halbe Welt online. Das ist ein Zeitpunkt, um zu feiern, wie weit wir gekommen sind. Aber auch eine Gelegenheit darüber zu reflektieren, wie viel noch zu tun ist.

          Das Netz ist ein öffentlicher Platz geworden, eine Bibliothek, ein Geschäft, eine Schule, ein Design-Studio, ein Büro, ein Kino, eine Bank, und so viel mehr. Natürlich wird mit jedem neuen Feature, jeder neuen Webseite, die Teilung zwischen denen, die online sind, und denen, die es nicht sind, größer. Umso zwingender ist es, das Netz für alle verfügbar zu machen.

          Und während das Netz Gelegenheiten geschaffen, marginalisierten Gruppen eine Stimme gegeben, und unser alltägliches Leben leichter gemacht hat, hat es auch Chancen für Betrüger geschaffen, denjenigen eine Stimme gegeben, die Hass verbreiten, und es leichter gemacht, alle möglichen Verbrechen zu begehen.

          Drei Hauptursachen für Probleme

          Vor dem Hintergrund der Nachrichten darüber, wie das Netz missbraucht wird, ist es verständlich, dass viele Menschen Angst haben und unsicher sind, ob das Netz eine Kraft für das Gute ist. Aber angesichts dessen, wie sehr sich das Netz in den letzten 30 Jahren geändert hat, wäre es pessimistisch und phantasielos anzunehmen, dass das Netz, wie wir es kennen, nicht in den nächsten 30 Jahren zum Besseren verändert werden kann. Wenn wir darauf verzichten, ein besseres Netz zu konstruieren, dann hat nicht das Netz uns im Stich gelassen. Dann haben wir das Netz im Stich gelassen.

          Um die Probleme anzugehen, müssen wir sie klar umreißen und verstehen. Ich sehe drei Quellen von Fehlfunktionen, die das Netz von heute betreffen:

          1. Absichtlich böswilliger Vorsatz, zum Beispiel staatlich unterstütztes Hacking und Angriffe, kriminelles Verhalten und Online-Belästigung
          2. Systemdesigns, die perverse Anreize schaffen, in denen der Nutzerwert geopfert wird, zum Beispiel werbebasierte Geschäftsmodelle, die Clickbait und die virale Verbreitung von Fehlinformationen kommerziell belohnen
          3. Unabsichtliche negative Folgen von gutgemeintem Design, zum Beispiel aufgeregter und polarisierender Ton und die Qualität von Online-Diskussionen

          Während es unmöglich ist, die erste Kategorie komplett auszulöschen, können wir dieses Verhalten mit Gesetzen und Code minimieren, so wie wir es schon immer offline getan haben. Für die zweite Kategorie müssen wir Systeme auf eine Weise neu gestalten, die Anreize verändert. Für die letzte Kategorie braucht es Forschung, um bestehende Systeme zu verstehen und neue zu entwerfen oder die, die wir schon haben, zu verbessern.

          Ein neuer Vertrag für das Netz

          Wir können nicht nur eine Regierung, ein soziales Netzwerk oder die menschliche Natur beschuldigen. Grob vereinfachende Erzählungen riskieren, dass wir unsere Energie bei der Jagd nach Symptomen verschwenden anstatt uns auf die Wurzeln der Probleme zu konzentrieren. Um das richtig hinzubekommen, müssen wir als globale Netzgemeinschaft zusammenkommen.

          An wegweisenden Momenten haben Generationen vor uns für eine bessere Zukunft zusammengearbeitet. In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte waren vielfältige Gruppen von Menschen in der Lage, sich auf unentbehrliche Grundsätze zu einigen. Im Seerecht und dem Weltraumvertrag haben wir neue Schutzräume für das Gemeinwohl geschaffen. Auch jetzt, da das Netz die Welt verändert, haben wir eine neue Verantwortung, sicherzustellen, dass es als Menschenrecht anerkannt und für das Gemeinwohl gebaut wird. Deshalb arbeitet die Web Foundation mit Regierungen, Unternehmen und Bürgern zusammen, um einen neuen „Vertrag für das Netz“ zu entwerfen.

          Dieser Vertrag wurde auf dem Web Summit in Lissabon initiiert. Er bringt eine Gruppe von Menschen zusammen, die sich einig sind, dass wir klare Normen, Gesetze und Standards etablieren müssen, die dem Netz zugrunde liegen.

          Diejenigen, die den Vertrag unterstützen, befürworten seine Grundsätze und arbeiten zusammen an konkreten Verpflichtungen in jedem Bereich. Keine einzelne Gruppe kann das alleine tun, und jeder Beitrag wird begrüßt. Regierungen, Firmen und Bürger tragen alle dazu bei und wir wollen ein Ergebnis später in diesem Jahr erzielen.

          Alle müssen handeln

          Regierungen müssen Gesetze und Regulierungen auf das digitale Zeitalter übertragen. Sie müssen sicherstellen, dass Märkte wettbewerblich, innovativ und offen sind. Und sie haben die Verantwortung, die Rechte und Freiheiten der Menschen online zu schützen. Wir brauchen Unterstützer des offenen Netzes in den Regierungen – Bürger und gewählte Politiker, die einschreiten, wenn die Interessen der Privatwirtschaft das Gemeinwohl gefährden. Und die aufstehen, um das offene Netz zu schützen.

          Unternehmen müssen mehr machen, um sicherzustellen, dass ihr kurzfristiges Profitstreben nicht auf Kosten von Menschenrechten, Demokratie, wissenschaftlichen Fakten oder der öffentlichen Sicherheit geht. In der Gestaltung von Plattformen und Produkten müssen Privatsphäre, Vielfalt und Sicherheit bedacht werden. Dieses Jahr haben wir gesehen, wie Angestellte in der Technologiebranche aufgestanden ist und bessere Geschäftspraktiken gefordert haben. Wir müssen diese Haltung fördern.

          Am wichtigsten ist, dass Bürger Unternehmen und Regierungen für die Verpflichtungen, die sie eingehen, zur Verantwortung ziehen und verlangen, dass beide das Netz als globale Gemeinschaft mit Bürgern im Mittelpunkt respektieren. Wenn wir keine Politiker wählen, die ein freies und offenes Netz unterstützen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, konstruktive und gesunde Online-Unterhaltungen zu fördern, wenn wir weiterhin per Klick einwilligen, ohne zu verlangen, dass unsere Datenrechte respektiert werden, dann gehen wir unserer Verantwortung aus dem Weg, diese Themen auf die Prioritätenliste unserer Regierungen zu setzen.

          Der Kampf um das Netz ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Heute ist die halbe Welt online. Es ist drängender als jemals zuvor, dass die andere Hälfte nicht offline zurückgelassen wird und dass jeder zu einem Netz beiträgt, das Gleichberechtigung, Chancen und Kreativität stärkt.

          Der „Vertrag für das Netz“ darf keine Liste von kurzfristigen Lösungen sein, sondern er muss ein Prozess sein, der eine Veränderung in der Art signalisiert, wie wir unsere Beziehung zu unserer Online-Gemeinschaft verstehen. Er muss klar genug sein, um als Leitstern für den weiteren Weg zu fungieren, aber flexibel genug, um sich dem schnellen technologischen Wandel anzupassen. Es geht um unsere Reise aus der digitalen Pubertät in eine reifere, verantwortungsvollere und integrativere Zukunft.

          Das Netz ist für alle da und zusammen haben wir die Macht, es zu verändern. Es wird nicht einfach sein. Aber wenn wir ein bisschen träumen und viel arbeiten, können wir das Netz bekommen, das wir wollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Im Fernsehen, wie hier beim letzten Triell, traten die Kandidaten mit offenem Visier an. Im Netz wird aus dem Hinterhalt geschossen.

          Hetze im Internet : Der schmutzige Wahlkampf

          Sie finden der Kampf ums Kanzleramt zwischen Baerbock, Laschet und Scholz sei eine müde Sache, langweilig und gebremst? Die Kampagnen im Netz zeigen etwas anderes.
          Geplagt vom Chipmangel: Der Standort von MAN in München

          Mangel an Halbleitern : Harter Kampf um die Mikrochips

          Von Traton bis VW: Den Chipmangel bekommen immer mehr Unternehmen mit voller Wucht zu spüren, die sonst viel mehr verkaufen könnten. Es gibt wenig Aussicht auf Besserung.
          In Luxemburg steht die nächste Abschalteinrichtung im Abgasskandal auf dem rechtlichen Prüfstand.

          EuGH-Gutachter : VW-Thermofenster ist rechtswidrig

          Das Thermofenster in bestimmten Dieselmotoren von Volkswagen verstößt gegen das EU-Recht, meint der Generalanwalt in Luxemburg. Der Konzern ist weiter einer anderen Meinung. Bis zum Urteil bleiben noch viele Fragen offen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.