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Zukunft der Tech-Konzerne : Wo lernt das Silicon Valley eine neue Moral?

  • -Aktualisiert am

Geht die Sonne auf oder unter? Das Silicon Valley befindet sich in einer Findungsphase. Bild: © Pumpernickel Films

Der Traum einer heilen Tech-Welt ist vorbei. Datenklau, Manipulation und Kommerzialisierung sind die Realität. Einige CEOs aus dem Silicon Valley haben Schuldgefühle, können nachts nicht schlafen – und sind auf der Suche nach Heilung.

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          Meistens erreicht man Ben Tauber auf einem seiner Meditationsretreats irgendwo auf der Welt. Heute zum Beispiel steht Tauber am Ufer des Zürichsees, im Hintergrund leichtes Wellenplanschen und Bergluftrauschen. Es ist Taubers fünftes Retreat für dieses Jahr, seine Stimme klingt wie die eines aufgeräumten Mönchs, und so ähnliche lässt sich Taubers Job beschreiben. Er leitet Esalen, das renommierte Institut in Big Sur, Kalifornien. Ein Ort für neues Bewusstsein und „Awareness“. Tauber ist hier Direktor und versucht, eine neue Tech-Moral fürs Silicon Valley zu etablieren. Das ist ungefähr so, als wollte eine einzige Person die Klimafrage über Nacht lösen.

          Doch Tauber ist kein Missionar, er muss niemanden überreden, herzukommen. Große Silicon-Valley-Macher wollen zu ihm. Streng genommen, um zu beichten, in welchen Dreck sie den Tech-Karren in den letzten Jahren gefahren haben. Tauber spricht über den Zustand der Tech-Welt wie über einen Trauerfall: „Tech verbessert unser Leben nicht mehr. Die alte Euphorie ist verschwunden. Eine Weile dachten wir, dass Disruption etwas sehr Positives ist, es gab diese ,magic moments‘ im Silicon Valley. Momente, in denen wir sahen: Von hier aus verändern wir die Welt. Doch dann übernahm eine bestimmte Aufmerksamkeitsindustrie unsere Welt. Und dann ging es bergab.“

          Eine neue, revolutionierte, bewusstere Idee von Tech

          Die Lage ist ernst. Nicht zuletzt durch den Wahlgewinn von Donald Trump, unterstützt durch einen Datenwahlkampfhelfer namens Cambridge Analytica, sank das Vertrauen in den „guten“ Tech. Plötzlich erwachte ein neues Bewusstsein, eine tägliche Bestätigung dessen, dass Tech mit Abhängigkeitsstrategien arbeitete, viele Apps und die sozialen Medien sich plötzlich als universelles Problem darstellten, statt als tolle Möglichkeit zum Netzwerken.

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          Tauber ist nicht der Einzige aus der Tech-Welt, der das so sieht. Da ist auch Tristan Harris, ehemals „design ethicist“ bei Google, wo er „ethics of human persuasion“ erforschte, also wie die Abhängigkeit der Konsumenten von Google-Produkten funktioniert. Harris stieg 2015 aus und gründete die Non-Profit-Organisation „Time Well Spent“, die Apps nach Abhängigkeitsfallhöhen einordnet. Harris, so der „Atlantic“, sei, „was man am ehesten als so etwas wie das Gewissen des Silicon Valley bezeichnen könnte“. Jetzt betreibt er das Center of Human Technology und sucht nach einer Sprache für eine neue, revolutionierte, bewusstere Idee von Tech.

          Auch Kara Swisher, gefürchtete Tech-Rezensentin und Podcasterin von „Recode/Decode“, gehört zur Garde der Reformisten. Seit langem interviewt sie alle großen CEOs der Bay Area von Mark Zuckerberg bis Tim Cook. Der „New York Times“ sagte sie kürzlich: „Es fühlt sich an, als ob einige ,digital leaders‘ ihren Verstand verloren haben.“

          Ben Tauber will nicht nur kritisieren. Er hat sich vorgenommen, in Esalen nicht nur den Silicon-Valley- Verstand wieder ins Lot zu bringen, sondern gleich noch „ein paar große CEOs von ihren Schuldgefühlen zu befreien, mit denen sie seit ein paar Jahren aufgrund ihrer Erfindungen und deren Auswirkungen auf die Welt zu kämpfen haben. Es gibt CEOs, die nachts nicht mehr schlafen.“ Wer kommt, sagt er nicht. Zuckerberg ist nicht dabei, heißt es. Einige wüssten nicht mehr, ob sie Opfer, Ausgestoßene oder Täter seien. Die Antworten suchen sie hier, praktisch vor ihrer Haustür.

          New Age, Meditation und Gestalttherapie

          Esalen in Big Sur ist gewissermaßen die Urquelle amerikanischer Bewusstseinsinnovation. 1962 von den zwei wohlhabenden Stanford-Absolventen Michael Murphy und Dick Price gegründet, spielte der Ort in der „Human Potential“-Bewegung der sechziger Jahre der Wellness-Bewegung, wenn man so will. New Age, Meditation und Gestalttherapie wurden hier erforscht.

          Hunter S. Thompson und „Rolling Stone“-Magazin-Gründer Jann Wenner trafen sich in Esalen zu „Rolling Stone“-Jahreskonferenzen auf LSD, Joni Mitchell, Joan Baez und Joseph Campbell hielten hier Hof. Esalen ist einer der Orte, an denen spirituelle Ideen für die Zukunft zuerst gedacht wurden. Und zwar bewusst ohne kommerziellen Hintergrund. Hier verbindet sich die Geschichte von Esalen und Taubers Passion für eine neue, menschlichere Tech-Welt. Die neue, eben noch nicht fertiggedachte Idee ist es, den CEOs beizubringen, wie eine „bewusste“ Tech-Welt aussehen und vor allem in ihren Unternehmen ankommen könnte.

          Das klingt zunächst erst einmal naiv. Und ist ein junger Ex-Googler tatsächlich in der Lage, mit der Hybris und Ignoranz solcher Macher zu arbeiten? Das Gute ist: Tauber war selbst einer, stammt aus der Welt, die er jetzt therapeutisch begleitet. „2011 kaufte Google mein Start-up, und ich begann, an Produkten wie Google Hangouts zu arbeiten, an Strategien, die den User möglichst lange am Produkt halten. Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere und fühlte mich so leer wie noch nie. Ich besuchte Esalen, meditierte, sprach mit Therapeuten und begann, auf mich zu hören. Ich spürte auf einmal, dass ich in meinem Job nichts anders tat, als die Wissenschaft der Sucht und Abhängigkeit zu studieren und auf Menschen anzuwenden“, sagt Tauber.

          Der Institutsdirektor weiß also, wie sich diese Art von Aufwachen anfühlen kann. Er weiß, was in ein paar Entscheiderpsychen derzeit möglicherweise passiert und welchen Einfluss Esalen auf sie haben könnte. Laut Tauber ist das der wirksamste Weg, um eine neue Ära einzuleiten. „Wir versuchen, die größten ,Influencer‘, die CEOs, zu beeinflussen. Und das ist nur an einem unabhängigen Ort ohne finanzielle Interessen möglich, einer Art übergeordneten Instanz, einer Art drittem Auge, wenn man so will.“

          Ihr drittes Auge dürfen die Tech-Bosse in Esalen nicht zuhalten. Wörter wie „Namaste“ oder „the universe“ wollen hier ernst genommen werden. Genauso wie die Welt aus Teslas, Elektrofortbewegungsmitteln und Kale-Salat. „Gearbeitet“ wird in kleinen Gruppen, ohne Telefon, ohne Internet. Körperarbeit, Psychedelics, persönliches Wachstum. Alles ist dabei, wenn es um eine neue Moral gehen soll. Wenn nur ein paar wenige mächtige Powerplayer nach einem Seminar in Esalen ethischere Entscheidungen träfen, so die Idee, wäre der Welt schon geholfen. Und auch den CEOs mit „ihren Schlafproblemen und Schuldgefühlen“, sagt Tauber.

          Die Seminartitel klingen zunächst harmlos: „Connect to Your Inner-Net: Mindful Practices for Life and Work“. Man tanzt, meditiert und übt, wie man beispielsweise „achtsam“ eine E-Mail schreibt, statt digitale Giftpfeile abzuschießen. Ein anderes Seminar hieß „Consciousness Hacking: Meditation and Technology“. Ein Hacker und ein Experte in alten Mediationstechniken gaben das Seminar gemeinsam, Entscheider sollten lernen, auf den eigenen Herzschlag zu hören.

          Es geht Tauber, so absurd das klingen mag, um die Heilung der Mächtigen. Nicht um reine Selbstkritik, nicht mehr um die Optimierung eines größenwahnsinnigen Individuums. „Bisher ging es immer um die Reise, um die Kreation eines Einzelnen. Ab jetzt aber geht es um eine kollektive Bewegung. Siehe Greta Thunberg. Und das wird der große Unterschied sein in den nächsten Tech-Jahren, die vor uns liegen.“ Dahinter verbirgt sich durchaus das nächste Businessmodell, welches aus der Seelenkrise des Silicon Valley hervorgehen wird; die Kommerzialisierung der Instrumente, die uns helfen, die Tech-Seelen zu reinigen. Tauber glaubt fest daran, dass er genügend meditiert hat, um durch „Coachings und Gespräche“ die Mächtigsten verändern zu können. Allerdings erscheint die Strategie von Kara Swisher momentan möglicherweise doch noch etwas effektiver: Sie will 2020 als Bürgermeisterin von San Francisco kandidieren. Sollte sie gewinnen, könnte sie den kranken Seelen des Silicon Valley eine ganz gesunde Standpauke halten.

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