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Cybersicherheit im Homeoffice : „Wenn nur jeder zweite Bremsversuch funktioniert, ist das okay?“

Findet offene Worte: BSI-Präsident Arne Schönbohm Bild: dpa

Fast drei Viertel der deutschen Unternehmen haben ihre Ausgaben für digitale Sicherheit auch in der Pandemie nicht erhöht. Das ist deutlich zu viel, findet das BSI. Und demonstriert die Folgen von Hackerangriffen.

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          Mit Beginn der Corona-Pandemie sind Millionen von Arbeitnehmern in Deutschland ins Homeoffice gewechselt. Das war für viele von ihnen nicht nur ungewohnt und zuweilen unangenehm, sondern für sie und ihre Unternehmen durchaus auch gefährlich. Denn arbeiten Mitarbeiter von zu Hause, ergeben sich dadurch weit größere Angriffsflächen für Cyberkriminelle.

          Bastian Benrath
          (bth.), Wirtschaft

          Trotzdem hatten mehr als 70 Prozent der deutschen Unternehmen bis zum Spätherbst vergangenen Jahres ihre Ausgaben für IT-Sicherheit nicht erhöht. Das geht aus einer repräsentativen Befragung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hervor, welche Deutschlands technische Cyber-Abwehrbehörde am Donnerstag vorstellte.

          BSI-Präsident Arne Schönbohm fand dafür offene Worte: „Sagen Sie beim Autofahren: Wenn nur jeder zweite Bremsversuch funktioniert, ist das doch okay?“

          Die Umfrage zeigt weiter, dass 95 Prozent der Unternehmen in Deutschland weniger als die Hälfte ihres IT-Budgets für Sicherheitsbelange ausgeben. Mehr als der Hälfte der Unternehmen verbucht dafür sogar nur maximal 10 Prozent des Budgets. Dass sich das rächen kann, zeigt die Zahl der erfolgten Cyberangriffe.

          Kleine Unternehmen können an Schäden zugrunde gehen

          Von 1000 befragten Unternehmen wurden 127 zwischen März und der Befragung im Oktober und November Opfer von Hackern. Ein Viertel davon erlitt durch den Angriff sehr schwere oder existenzbedrohende Schäden. Besonders schwerwiegend waren die Folgen für kleinere Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten.

          Dass digitale Sicherheit in den Chefetagen offenbar einen so geringen Stellenwert hat, überrascht vor allem, weil eine Mehrheit der Unternehmen zugleich davon überzeugt ist, dass das Homeoffice kam, um zu bleiben. 58 Prozent der Befragten wollen ihr aktuelles Heimarbeitsangebot auch nach der Pandemie aufrechterhalten oder sogar noch ausweiten.

          „Cybersicherheit wird in diesem Bereich ein wichtiges Thema bleiben“, sagte Achim Berg, der Präsident des Digitalwirtschaftsverbands Bitkom. Er warnte davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen: „In jedem Unternehmen ist etwas zu holen.“ Sein Verband schätzt die Schäden durch Sabotage, Datendiebstahl oder Spionage – digital und analog – auf insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr.

          In der Cyberkriminalität habe man zuletzt eine umfassende Professionalisierung erlebt. „Wir haben es mit hochprofessionellen Banden zu tun, teilweise mit staatlicher Unterstützung“, sagte Berg. Als Beispiel dafür kann die breit angelegte Ausnutzung mehrerer Schwachstellen in Microsofts E-Mail-Architektur Exchange Server gelten, deren initiale Urheber in China vermutet werden.

          BSI-Präsident Schönbohm betonte aber, es gehe nicht darum, irgendeinen Staat zu beschuldigen; wichtig sei, dass das Sicherheitsniveau in Deutschland steige. Die „breite Masse“ der Hackerangriffe stamme aus der organisierten Kriminalität ohne politischen Hintergrund.

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