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Starkes Plus durch Streaming : Deutscher Musikmarkt wächst um 9 Prozent

The Weeknd während seiner Super Bowl-Halbzeitshow: Sein Song „Blinding Lights“ war laut GfK die Nummer 1 in den deutschen Jahrescharts 2020. Bild: Reuters

Die Pandemie trifft viele Musiker hart. Der deutsche Markt für Musikaufnahmen aber hat 2020 stark zugelegt – und Schallplatten bringen mittlerweile mehr Umsatz als Downloads.

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          Der deutsche Markt für Musikaufnahmen ist 2020 deutlich gewachsen: Ein Umsatz von 1,79 Milliarden Euro bedeutet ein Plus von 9 Prozent. 2019 hatte der Gesamtumsatz bei 1,64 Milliarden Euro gelegen. „Die Zahlen unterstreichen, dass 2020 primär durch das starke Wachstum im Streaming-Bereich für unsere Branche trotz der Pandemie ein gutes Jahr war“, erklärt Florian Drücke, der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), im Gespräch mit der F.A.Z. „Aber natürlich lassen uns die enormen Auswirkungen der Krise auf den Live-Sektor und die Folgen für Künstlerinnen und Künstler nicht unberührt.“

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die fehlende Perspektive für Konzerte und Touren sowie die Unsicherheit darüber, was dieses Jahr noch möglich ist und was nicht, belaste viele sehr. Der BVMI repräsentiert nach eigenen Angaben rund 200 Musikunternehmen, die zusammen mehr als 80 Prozent des deutschen Marktes abdecken.

          Die Umsätze über Dienste wie Spotify, Apple, Amazon Music und Deezer beliefen sich im vergangenen Jahr auf 63,4 Prozent (1,13 Milliarden Euro) – ein Plus von 24,6 Prozent im Vergleich zu 2019. Die CD dagegen hat auch 2020 weiter an Boden verloren und steht nunmehr noch für einen Umsatzanteil von 21,6 Prozent (387 Millionen Euro). Derweil konnte die Schallplatte mit einem Plus von 24,7 Prozent im Vorjahresvergleich die Downloads (minus 24,8 Prozent) sogar überholen. Der Vinyl-Marktanteil lag so 2020 bei 5,5 Prozent (99 Millionen Euro), Downloads kamen auf 4,2 Prozent. Mit Blick auf die Umsatzanteile der Genres bleibt Pop (26,6 Prozent) führend, dahinter folgen Hip-Hop (18,6 Prozent) und Rock (17,9 Prozent) – wobei die klare Abgrenzung naturgemäß nicht immer leicht ist.

          Die Lizenzeinkünfte der Labels durch Musiknutzung in Filmen, Werbung oder Videospielen (sieben Millionen Euro) wurden separat aufgeführt, ebenso wie jene über Leistungsschutzrechte, deren Wert (216 Millionen Euro) am Donnerstag allerdings nur geschätzt angegeben wurde.

          Die zwei Kernaspekte der Streamingdebatte

          Die Beliebtheit der Schallplatte hat dazu geführt, dass der Digitalanteil im Vergleich zum Halbjahr 2020 über das Gesamtjahr gesehen leicht abgenommen hat. Nach den ersten sechs Monaten hatte das Digitalgeschäft für 74,2 Prozent des Umsatzes gestanden, zum Ende des Jahres waren es 71,5 Prozent. Durch Ladenschließungen und Verzögerungen beim Versand war das Geschäft mit physischen Tonträgern gerade zu Beginn der Pandemie beeinträchtigt.

          In Amerika hatte der Umsatz mit den in der Regel teureren Schallplatten derweil schon zum Halbjahr erstmals seit 1986 den mit CDs übertroffen. Insgesamt stieg der Umsatz auf dem global größten Markt für Musikaufnahmen laut dem Branchenverband RIAA in 2020 auf 12,2 Milliarden Dollar. Deutschland folgt nach Großbritannien und Japan auf Platz 4. „Das starke Vinyl-Wachstum zeigt, welche Chancen auch der physische Bereich weiterhin bietet – nicht zuletzt für Künstlerinnen und Künstler, die nicht so digital unterwegs sind“, sagt Drücke. Der hohe Digitalanteil unterstreiche aber auch, „dass belastbare Rahmenbedingungen im Netz für unsere Branche existenziell sind“. Die deutsche Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie dürfe nicht dazu führen, dass die „filigrane Lizenzarchitektur“ beschädigt werde.

          Der Wegfall der für viele Musiker enorm wichtigen Live-Einnahmen hat indes die Debatte über die Verteilung der Ausschüttungen aus dem stetig wachsenden Streamingbereich befeuert. Kleine und mittlere Künstler können alleine von ihren Streaming-Einnahmen oft nicht leben. Gerade bei den großen Labels mit umfangreichen Katalogen im Rücken sieht das Bild natürlich anders aus. Branchenprimus Universal Music etwa generierte 2020 einen Gesamtumsatz von 7,4 Milliarden Euro; 3,8 Milliarden im Recorded-Bereich stammten aus dem Streaming, wie es am Dienstagabend von Mehrheitseigner Vivendi hieß.

          In Zukunft werde noch mehr als heute gelten, „dass es sehr kompetenter Partner bedarf, um im globalen Musikgeschäft hör- und sichtbar zu sein, über alle Plattformen, in einem sich schnell ausdifferenzierenden Digitalmarkt“, sagt BVMI-Chef Drück. Es werde dabei auch klar, „wie wichtig künstlerisch mehrere solide Standbeine sind – digital wie analog, von live bis in die Cloud.“

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