https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/stephan-b-in-halle-vom-ballerspiel-zum-mordanschlag-16441218.html

Vor Corona : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag?

Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile Bild: Screenshot F.A.Z.

Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Unsere Autoren haben sich im vergangenen Oktober auf Spurensuche begeben – in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann oder bitterer Ernst.

          8 Min.

          Der Massenmörder Anders Breivik schrieb 1516 Seiten, um seinen Wahnsinn zu erklären. Er faselte von Kulturmarxismus und islamischer Kolonisierung. Der Massenmörder Brenton Tarrant kam auf 74 Seiten. Er bezeichnete sich als „ethnonationalistischen Ökofaschisten“. Der Attentäter von Halle, Stephan B., schrieb nur elf Seiten. Aber sein Text ist kein Manifest. Er ist eher eine Spielanleitung.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Über neun Seiten führt B. seine Waffen vor, zum Beispiel eine „12 gauge Slam-Bang shotgun with tactical front grip“. Seine Ziele sind ihm dagegen nur vier Sätze wert: „1. Belege die Funktionsfähigkeit improvisierter Waffen. 2. Hebe die Moral anderer unterdrückter Weißer durch das Verbreiten der Kampfaufnahmen. 3. Töte so viele Anti-Weiße wie möglich, bevorzugt Juden. Bonus: Sterbe nicht.“ Dann zählt er mögliche „Achievements“ auf, so heißen Errungenschaften in Computerspielen. Zum Beispiel: „Knuspriger Kebab – Brenne eine Moschee nieder“. Er wollte die Tat aber nicht nur so beschreiben wie ein Spiel, sondern auch so aussehen lassen. Mit einer Helmkamera übertrug B. seine Morde live im Internet, das Video glich einem Ballerspiel. In seiner Vernehmung sagte B., er habe die vergangenen Jahre viel Zeit im Internet verbracht. Dort, wo sein Slang und seine Taten nicht nur verstanden, sondern auch gefeiert wurden.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Dem Sieg ordnet er alles übrige unter: Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch auf dem Weltraumbahnhof Wostotschnyj in Ostsibirien im April 2022.

          Putins Demontage des Staates : Mobilmachung als Regierungsmethode

          Putins Perestroika: Russlands Herrscher hat den russischen Staat planmäßig auf seine autokratische Urgestalt zurückgebaut. Er verschiebt Grenzen und bedroht jeden, der mit ihm nicht einverstanden ist. Ein Gastbeitrag.

          Mutmaßliche Spionageaktion : China protestiert gegen Abschuss seines Ballons

          Peking wirft den Vereinigten Staaten einen Angriff auf ein ziviles Luftschiff vor. Amerika will die Trümmer nachrichtendienstlich untersuchen. Das chinesisch-amerikanische Verhältnis erreicht einen neuen Tiefpunkt.
          Emmanuel Macron spricht 2020 per Videokonferenz mit Wladimir Putin (links). Zwei Jahre später sagt Putin dem Franzosen, er müsse sich fügen, ob es ihm gefalle oder nicht.

          Russlands Präsident : Wie Putin ausländischen Politikern droht

          Er wollte den georgischen Präsidenten „an den Eiern aufhängen“ und eine „Rakete“ auf die Downing Street abfeuern. Der diplomatische Ton von Wladimir Putin ist rau.