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Branchen für Start-ups : Wo Europa noch eine Chance hat

Ein Seniorin erklärt einem Arzt während einer Videosprechstunde, wo sie Kopfschmerzen fühlt. Bild: Your_Photo_Today

Auch der Digitalmarkt ist langsam, aber sicher verteilt. Fachleute sehen die Chancen für deutsche Start-ups primär in zwei Branchen – in denen Deutschland einen Startvorteil gegenüber anderen Ländern hat.

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          Wer mit Kopfschmerzen aufwacht oder einen juckenden Hautausschlag bemerkt, geht in Zukunft möglicherweise nicht mehr zum Arzt, sondern holt sein Handy heraus. Digitale Sprechstunden-Apps wie die des aus Schweden stammenden Start-ups Kry ersetzen den klassischen Arztbesuch durch einen Videotermin. Am anderen Ende der Leitung sitzen nach Angaben des Unternehmens ganz normale Ärzte mit deutscher Zulassung, die Symptome diagnostizieren, Rezepte und Krankschreibungen ausstellen und, sollte die Videosprechstunde nicht ausreichen, auch an einen niedergelassenen Arzt überweisen können.

          Bastian Benrath
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Vorteile sind geringere Wartezeiten auf einen Termin, keine Anfahrt und keine Ansteckungsgefahr im Wartezimmer. Fragt man in der deutschen Investorenszene herum, wird einem die Branche der digitalen Gesundheitsdienstleistungen häufig als einer der zwei wichtigsten Wachstumsmärkte genannt. Der andere sind Start-ups, die Innovationen für die industrielle Produktion entwickeln. Beide seien „Bereiche, in denen Europa noch eine Chance hat“, sagt Uwe Horstmann, Mitgründer der rund 500 Millionen Euro verwaltenden Risikokapitalgesellschaft Project A aus Berlin.

          Im klassischen digitalen Dienstleistungsbereich, in dem die amerikanischen Tech-Konzerne groß wurden, sei dagegen „nicht mehr so viel zu holen“, sagt Horstmann: „Wir fragen nicht: Wo ist das nächste Facebook? Sondern eher: Wo ist das nächste SAP?“ An der Schnittstelle von Digitalem und Industrie könne Deutschland von seiner Tradition im produzierenden Gewerbe profitieren. Christophe Maire, Gründer und Chef der Risikokapitalgesellschaft Atlantic Labs, stimmt zu: Besonders im industrienahen Bereich sei Deutschland „sehr stark aufgestellt“.

          Der Mittelstand will die Innovationen der Start-ups

          Der deutsche Mittelstand seinerseits ist sehr interessiert daran, die Innovationen aufzunehmen, die in der Start-up-Szene entstehen. Der Wiener Frühphaseninvestor Speedinvest etwa hat einen eigenen Fonds aufgelegt, der speziell nur in industrienahe Start-ups investiert – und zu dessen Geldgebern vorrangig Industrieunternehmen gehören. „Für Industrial Tech ist in Deutschland der Boden bereitet“, sagt die leitende Partnerin Marie-Helene Ametsreiter. „Es gibt sehr starke bestehende Ökosysteme um Universitäten und große Unternehmen, zum Beispiel um die TU München.“

          Die bayerische Landeshauptstadt ist inzwischen international bekannt für digitale Technologie. Während im deutlich größeren Start-up-Zentrum Berlin das Online-Handels- und Vertriebsgeschäft um Branchengrößen wie Zalando, Hellofresh oder Delivery Hero dominiert, liegt in München der Fokus auf technischen Anwendungen. Apple unterhält dort neben seiner Deutschland-Zentrale ein Designzentrum, in dem 300 Ingenieure an stromsparenden Chips forschen. Auch Google beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter in München; beide Unternehmen wollen ihre Standorte weiter ausbauen. Um die Großen herum gruppieren sich zahlreiche Start-ups, die zum Beispiel an der automatischen Generierung von Modellen für den 3D-Druck mittels Künstlicher Intelligenz werkeln.

          Industrie funktioniert anders als E-Commerce

          Doch auch Stuttgart muss sich nicht verstecken: Dort konnte in der vergangenen Woche das Start-up Laserhub, welches eine digitale Bestellplattform für individuell gefertigte Metallteile entwickelt hat, eine erste größere Finanzierungsrunde (Series A) abschließen. Das Jungunternehmen sammelte einen höheren einstelligen Millionenbetrag von Investoren um Acton Capital aus München ein. Mit dabei als Bestandsinvestor ist ebenfalls Project A. Dass Laserhub von Adrian Raidt gegründet wurde, der zuvor mehr als acht Jahre beim mittelständischen Laser-Spezialisten Trumpf arbeitete, zeigt, wie Mittelstand und Start-up-Szene sich gegenseitig befruchten.

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          Jungunternehmen aus dem industriellen Bereich funktionieren allerdings anders als etwa Online-Handelsplattformen, sagt Speedinvest-Partnerin Ametsreiter. Sie hätten in der Regel nicht so schnelle Wachstumsperspektiven – seien nicht so „skalierbar“, wie es in der Fachsprache heißt. „Ich glaube trotzdem, dass man in sie investieren sollte, denn dort wird dann am Ende für die Technik bezahlt, nicht für den Umsatz“, sagt die Investorin. „Viele etablierte Industrieunternehmen stehen bereit, um Start-ups mit innovativer Technologie aufzukaufen – für diese ist es nämlich in der Regel billiger und vor allem schneller, so etwas einzukaufen, als es selbst zu entwickeln.“

          Die Erfahrungen im Online-Handel können Deutschland hingegen im anderen Zukunftssegment, der digitalen Gesundheitspflege, helfen. Davon ist zumindest Alexander Frolov, Chef von Target Global, mit mehr als 800 Millionen Euro verwaltetem Kapital einer der größten Spätphaseninvestoren in Deutschland, überzeugt. „Gesundheitsversorgung wird in der Regel durch staatliche Krankenkassen bezahlt“, sagt er. „Deshalb haben sich viele internationale Digital-Health-Start-ups darauf konzentriert, die Kassen zu überzeugen, und darüber die Erfahrungen der Patienten vernachlässigt.“ Speziell der deutsche Online-Handel habe aber Erfahrung darin, gute Anwendungen für Endverbraucher zu entwickeln – ein Beispiel sei etwa Zalando. „Ich denke, dieser Erfahrungsschatz wird deutschen Gesundheits-Apps sehr helfen.“ Target Global werde demnächst eine größere Investition in ein Berliner Gesundheits-Start-up verkünden, fügt Frolov hinzu, ohne jedoch Details zu nennen.

          Entscheidend für die Branche der digitalen Gesundheits-Apps ist, ob Patienten die Kosten von den Krankenkassen erstattet bekommen. Wenn es dazu weitgehend kommt, sei sogar ein „digitales Gesundheits-Silicon-Valley“ in Deutschland denkbar, sagt Project-A-Gründer Horstmann. Gesetzlich hat sich dort einiges getan: Mitte Dezember trat das sogenannte „Digitale-Versorgung-Gesetz“ in Kraft, welches die Grundlage für eine solche Erstattung liefert.

          Die eingangs erwähnte Sprechstunden-App Kry, in die auch Project A investiert hat, spekuliert deshalb darauf, im Laufe des Jahres in die gesetzliche Versorgung aufgenommen zu werden. Ein weiteres Beispiel ist die an der Berliner Charité entstandene und dann als Start-up ausgegründete Neurodermitis-App Nia, welche kürzlich eine Kooperation mit der Krankenkasse DAK-Gesundheit bekanntgab.

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