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Das Gold im Smartphone

Von ANDRE PIRON (Grafik) und STEPHAN FINSTERBUSCH (Text)

30. März 2022 · Sie sind klein, leicht und haben es in sich: Neben Kupfer, Eisen und Aluminium sind in jedem Gerät auch kostbare Edelmetalle – und zwar tonnenweise.

Jede Zeit hat ihre Techniken, Maschinen und Geräte: Das 19. Jahrhundert hatte die Dampfmaschinen und das 20. Jahrhundert die Autos, das 21. Jahrhundert die Smartphones. Die sind zwar kaum größer als eine Spielkarte, doch ihr Innenleben ist hochkomplex und kompliziert. Hochfrequenz-Sendeempfänger und Hüllkurven-Verfolger, Chips für die Energieverwaltung und die Audio-Kodierung, Prozessoren mit Milliarden Transistoren, Fotolinsen von der Größe eines Stecknadelkopfes – und all diese Teile brauchen ganz spezielle Stoffe und Materialien. Ein Smartphone wiegt zwischen 110 und 140 Gramm. Davon entfällt knapp die Hälfte auf Metalle, ein Drittel auf Glas, der Rest auf Kunst- und Verbundstoffe. Alles in allem sind in so einem Gerät 60 verschiedene Elemente enthalten: Kupfer, Eisen und Aluminium, die Edelmetalle Silber und Gold, Palladium und Platin. So wird Gold mit seiner sehr guten Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit für stark beanspruchte Kontaktflächen verwendet. Kupfer zur Verkabelung, Gallium in Leuchtdioden, Tantal in Kondensatoren.

Die Touchscreen-Funktion eines Displays wird durch eine hauchdünne transparente Schicht Indiumzinnoxid ermöglicht. Für die werden nach einer Studie der Deutschen Rohstoffagentur und der Bundesanstalt für Geowissenschaften 0,0004 Gramm Indium gebraucht. Auf der Leiterplatte lassen sich weitere 0,0026 Gramm finden. In den Magneten von Lautsprecher, Kamera und dem Vibrationsmotor sind alles in allem bis zu einem Gramm an Metallen der sogenannten Seltene-Erde-Elemente wie Neodym, Dysprosium und Gadolinium enthalten.

 So sind in jedem einzelnen Smartphone nur winzige Mengen der jeweiligen Substanzen und Elemente verbaut. Für eine Jahresproduktion von zuletzt aber alles in allem 1,4 Milliarden Geräten werden tonnenweise Rohstoffe benötigt. Allein in der vergangenen Dekade sind mehr als 10 Milliarden Smartphones in aller Welt verkauft worden. Die Lebensdauer eines Geräts liegt im Durchschnitt bei zweieinhalb Jahren – und mit jedem Gerät, das entsorgt wird, gehen auch ein paar Milligramm an Gold und Platin, ein paar Gramm Aluminium, Eisen oder Silizium über die Wupper.

Dabei ist der ursprüngliche Abbau dieser Rohstoffe nicht nur sehr kapital- und personalaufwendig, er geht oft auch mit tiefen Eingriffen in die Natur einher. Zur Gewinnung etwa einer Tonne Kupfer werden bis zu 200 Tonnen Erdreich bewegt. Damit sich der Abbau von Gold lohnt, müssen in einer Tonne bewegtes Erdreich wenigstens 5 Gramm Gold stecken. Jedes Jahr werden nur rund 2200 Tonnen Gold auf der Welt gefördert, das meiste in Südafrika. Die im dortigen Transvaal abgebauten Quarzgesteine sind besonders ergiebig. Sie enthalten bis zu 45 Gramm Gold je Tonne.

 Ein anderes Element ist Aluminium. Das häufigste Metall in der Erdkruste kommt dort nur in gebundener Form vor – etwa in Bauxit. Große Vorkommen lagern in Guinea und Brasilien. Um Bauxit zu fördern, müssen dort ganze Regenwälder gerodet und toxische Verfahren eingesetzt werden. Bei der Gewinnung einer Tonne Aluminium fallen vier Tonnen Giftschlamm an. Auch braucht es für eine Tonne Aluminium so viel elektrische Energie, wie vier Vier-Personen-Haushalte in einem Jahr benötigen.

Für sämtliche Metalle, die ein einziges Smartphone mit einem Gesamtgewicht von etwa 110 Gramm zum Funktionieren benötigt, müssten alles in allem knapp 140 Kilogramm Erdreich bewegt und entsprechend verarbeitet werden. Macht man sich nun ans Recycling, kann die Ausbeute aus alten Smartphones gar höher sein als die in der Natur. So finden sich in einer Tonne dieser weggeworfenen Geräte ganze 155 Gramm an Gold. Das ist knapp viermal mehr als in den nach wie vor ergiebigsten Minen der Welt, denen in Transvaal.

Wie jede Zeit ihre Maschinen hat, so hat sie auch ihr eigenes Verständnis vom Recycling. Während der ersten industriellen Revolution waren in den englischen Midlands bewährte, aber ausrangierte Wasserräder für den Einsatz in den damals neu erbauten Textilmühlen eingesetzt worden. 1774 hatte der Göttinger Jurist Justus Claproth einen Weg gefunden, aus bedrucktem Alt- neues Schreibpapier zu machen. Um 1850 gingen die Weber im italienischen Prato daran, im großen Stil alte Lumpen zu neuen Stoffen zu verarbeiten. Was damals Papier und Stoff waren, sind heute Computer und Handys.

So sind alte Smartphones aufgrund ihres Metallgehalts für die Recycling-Industrie eine lukrative Quelle, faktisch eine Art Mini-Mine für Sekundärrohstoffe. Nach Angaben der Rohstoffagentur und der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe sind Elemente wie Kupfer, Silber oder Platin durch Standard-Recycling-Verfahren relativ einfach zurückzugewinnen. Die Ausbeute betrage bis zu 98 Prozent. In hoch entwickelten Anlagen können noch weitere Stoffe wie Blei, Indium oder Nickel gewonnen werden. Alles in allem lassen sich bis zu 85 Prozent der in einem Smartphone verwendeten Metalle recyceln.


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Quelle: F.A.Z

Veröffentlicht: 24.03.2022 18:39 Uhr