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Wirecards Gläubigerbanken : „Von uns hat keiner den Stecker gezogen“

Was wird aus Wirecard? Bild: dpa

Dem Zahlungsabwickler Wirecard droht die Zahlungsunfähigkeit. Die Gläubigerbanken sind verwundert. Die Insolvenz scheint sie kalt erwischt zu haben.

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          Wirecard ist insolvent. Am Donnerstag teilte der börsennotierte Zahlungsabwickler in einer Adhoc-Meldung mit, dass der Vorstand entschieden habe, beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen. Es werde geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften der Wirecard-Gruppe gestellt werden müssen, hieß es.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Innerhalb einer Woche ist das Unternehmen nach der ersten Meldung über fehlende 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz vom Dax-Konzern zu einem Pleitekandidaten geworden. Das hat es in der Geschichte der Deutschen Börse noch nicht gegeben.

          Dazwischen lagen ein rasanter Kurssturz der Aktie und die Verhaftung des vor einer Woche zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun, der seit Dienstag gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro wieder auf freiem Fuß ist. Ihm werden „unrichtige Angaben“ in den Wirecard-Bilanzen und Marktmanipulation vorgeworfen. Ein Haftbefehl liegt auch gegen seinen langjährigen Vorstandskollegen Jan Marsalek vor, der sich Berichten zufolge derzeit in Manila aufhalten könnte.

          „Von uns hat keiner den Stecker gezogen“

          Seit einigen Tagen verhandelte der neue Interimschef James Freis mit 15 Gläubigerbanken über die Verlängerung von Krediten über 1,85 Milliarden Euro. Nachdem Wirecard am 19. Juni keine testierte Bilanz vorlegen konnte, hatten die Banken das Recht, die Kredite zu kündigen.

          Nach Informationen der F.A.Z. fanden diese Verhandlungen unter großem Zeitdruck statt. Die gesamte Liquidität des Konzerns liegt in der Wirecard-Bank, die von der Finanzaufsicht Bafin reguliert wird. Diese Liquidität stand dem Vernehmen nach dem Wirecard-Konzern nicht zur Verfügung, so dass er selbst seinen akuten  Zahlungsverpflichtungen, darunter die zum 30. Juni fälligen Gehälter für die rund 5000 Mitarbeiter, nicht nachkommen konnte.

          Hier hätten die Gläubigerbanken einspringen müssen – und taten es nicht. Womöglich glaubten sie aber auch nicht, dass die Liquiditätslage so angespannt ist, dass sich der Vorstand veranlasst sehen würde, unmittelbar einen Insolvenzantrag zu stellen.

          Das ist jedoch nicht die einzige Version, die aus dem Umfeld der Verhandlungen zu hören ist. „Von uns hat keiner den Stecker gezogen. Die Gespräche waren bis zuletzt konstruktiv“, hieß es aus dem Kreis der Gläubigerbanken, die sich vom Insolvenzantrag überrascht zeigten.

          Besonders betroffen sind Commerzbank und LBBW

          Zur Wochenmitte hatte sich das Bankenkonsortium gerade darauf verständigt, bis Freitag still zu halten, also ihre Kredite weder zu kündigen noch über den 30. Juni hinaus zu verlängern. Vielmehr wollten sich die Banken bis Freitag einen Überblick über die Lage des Konzerns machen und dann entscheiden. Einen offiziellen Kommentar gab niemand ab.

          WIRECARD

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          Am frühen Nachmittag teilte Wirecard mit, dass es ohne eine Einigung mit den Kreditgebern „die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni und 500 Millionen Euro zum 1. Juli“ bestanden habe. Daher sei der Vorstand „zu der Überzeugung gelangt, dass in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine positive Going Concern Prognose nicht gestellt werden kann.“ Damit sei die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt, hieß es.

          Die größten Verluste verzeichnen die beiden deutschen Banken Commerzbank und LBBW sowie die beiden holländischen Banken ABN Amro und ING. Diese vier Kreditinstitute haben Wirecard jeweils 200 Millionen Euro an Kreditlinie zugesagt, die je nach Bank von Wirecard zu 90 bis 95 Prozent gezogen worden sein sollen. Die Banken müssen nun nach dem Insolvenzantrag ihren Kredit abschreiben, also als Verlust buchen.

          Damit drückt der Kreditausfall absehbar die Quartalsergebnisse und auch das Jahresergebnis der Banken. Neben den vier großen Gläubigerbanken haben auch die DZ Bank, das Spitzeninstitut der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken 120 Millionen Euro, die Deutsche Bank mit 80 Millionen Euro und die österreichische Raiffeisenbankengruppe mit  175 Millionen Euro.

          Parallel zu den Verhandlungen zeichnete sich ab, dass einige Kunden nervös wurden und die Dienste des Münchner Zahlungsabwicklers nicht mehr in Anspruch nehmen wollten. Die Deutsche Börse setzte am Donnerstagmorgen den Handel mit der zuletzt tief gefallenen Wirecard-Aktie für eine Stunde aus, danach brach der Kurs um weitere 80 Prozent auf 2,50 Euro ein. Seit der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019 in der Vorwoche und dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe verlor das Papier damit fast 98 Prozent seines Wertes.

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