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Folgen für Start-ups : Preisdrücken mit Wirecard

Sieht einen Rückschlag für Deutschland als Start-up-Standort: Investor Carsten Maschmeyer Bild: dpa

Schadet der Skandal um den Zahlungsdienstleister dem Start-up-Standort Deutschland? Unter Investoren gehen die Meinungen auseinander – einige lassen es an scharfen Worten nicht mangeln.

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          Von „gewerbsmäßigem Bandenbetrug“ ist in den Ermittlungen gegen Wirecard inzwischen die Rede. Dabei galt der Zahlungsdienstleister lange als Beweis dafür, dass auch Tech-Unternehmen hierzulande zu Dax-Konzernen aufsteigen können. Doch längst steht Wirecard für den nächsten deutschen Betrugsfall, der international für Aufsehen sorgt und vielleicht sogar den VW-Diesel-Skandal in den Schatten stellt.

          Bastian Benrath
          (bth.), Wirtschaft
          Gustav Theile
          (guth.), Wirtschaft

          Wird er Deutschland aber langfristig schaden? Die eine Seite beschwichtigt und argumentiert, es handle sich um einen Einzelfall. Die andere mahnt und sieht einen schwerwiegenden Imageschaden.

          Zu den prominentesten Mahnern gehört der Investor Carsten Maschmeyer, dem mit dem Finanzberatungsunternehmen AWD einst selbst zweifelhafte Geschäftspraktiken vorgeworfen wurden. „Ich kenne internationale Investoren, die sagen: In Deutschland investieren wir nur noch in etablierte Traditionsunternehmen“, sagt Maschmeyer. „Ihr habt eure neuen Unternehmen nicht im Griff. BASF und Allianz sind gut, aber neue Titel, die kontrolliert ihr nicht intensiv genug.“

          Er sieht einen großen Rückschlag: „Viele Jahre hatten wir das Image des Saubermanns. Jetzt haben wir Betrüger made in Germany.“ Zudem sieht er die Gefahr, dass Regulierung nun die Geschäfte erschwert. „Die Fintechs stehen fast unter einem Generalverdacht. Die Investoren werden fragen: Kann ich euch trauen? Der Kampf um Glaubwürdigkeit hat begonnen.“

          Munition für Preisdrücker

          Christian Wiens, Chef der Versicherungs-App Getsafe, will Emotionen und Sachlage trennen: „Die Fakten sprechen dafür, dass es ein Einzelfall ist“, sagt er. Für künftige Abschlüsse sei aber auch das Emotionale wichtig: „Die Investoren nutzen durchaus alle möglichen Signale, um Preise zu drücken. Investoren könnten mit dem Finger immer wieder auf Wirecard zeigen.“

          Viele große Risikokapital-Fonds beschwichtigen dagegen. „Es gibt immer einzelne Unternehmen, die ihre Probleme haben“, sagt Alexander Frolov, Geschäftsführer des Berliner Investors Target Global, der mehr als 800 Millionen Euro verwaltet. Auswirkungen auf Investitionsrunden anderer Fintechs fürchtet er nicht.

          Ähnlich äußert sich Uwe Horstmann, Geschäftsführer des Frühphaseninvestors Project A, der etwa 500 Millionen Dollar verwaltet. „Der Fall Wirecard ist in Investorenkreisen noch kein großes Thema“, sagt er. „Das Problem haben eher die Wirtschaftsprüfer und die Bankenaufsicht.“ Generell zu lax sei die Aufsicht für Fintechs in Deutschland aber sicherlich nicht. „Alle Start-ups, die mit der Bafin zu tun haben, wissen, dass deren Angestellte genau hinsehen und da nicht viel mit Laissez-faire ist.“ Was im Fall Wirecard falsch gelaufen sei, müssten die Ermittlungen zeigen.

          Dass der Wirecard-Skandal den Fintech-Standort Deutschland nicht beeinträchtige, zeige sich auch daran, dass kurz nach dem Wirecard-Insolvenzantrag Ende Juni ein Fintech mit sehr ähnlichem Geschäftsmodell eine große Finanzierungsrunde erfolgreich durchgeführt habe, fährt Horstmann fort: Die Solarisbank, die als Zahlungsdienstleister, Finanzierungs- und Kreditanbieter unter Investoren quasi als Wirecard-Nachfolger gesehen wird, sammelte 60 Millionen Euro ein. Ähnlich wie die Wirecard-Bank hat sie eine Vollbanklizenz und bietet Unternehmenskunden als „White Label“-Lösung die Abwicklung von Finanzdienstleistungen an, ohne dass diese dafür eine Banklizenz brauchen.

          Mit Holtzbrinck Ventures führte ein deutscher Investor die Finanzierungsrunde an. Doch auch Übersee-Investoren seien trotz Wirecard sehr an Finanz-Start-ups aus Europa interessiert, sagt Horstmann. „Amerikaner finden europäische Fintechs schon ziemlich heiß.“

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