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Traditionskonzern im Wandel : Softwareschmiede Siemens

Roland Busch Bild: Reuters

Früher war General Electric der große Rivale, heute heißt die Konkurrenz SAP und Amazon: Warum Siemens-Chef Busch die Zukunft im Software-Geschäft sieht.

          3 Min.

          Virtuelle Pressekonferenzen und eine Hauptversammlung hat Roland Busch schon hinter sich gebracht. Doch mit dem ersten Kapitalmarkttag hat der formal seit Februar amtierende Vorstandsvorsitzende des Technologiekonzerns Siemens seinen richtig großen Auftritt vor Investoren gehabt. Mit einem geänderten Geschäftsmodell, erhöhten Gewinnzielen bis 2025 und einer Garantie für steigende Dividenden hat Busch indes keinen Eindruck hinterlassen, zumindest unter den Anlegern an der Börse – und anders als sein Vorgänger Joe Kaeser, der die Märkte mit seinem Konzernumbau am Ende überzeugen konnte. Der Dax-Wert jedenfalls schwächte sich Donnerstag im positiven Umfeld ab.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Dabei hat der neue, 56 Jahre alte Siemens-Chef nach der Abtrennung der Energietechnik in die Siemens Energy und mit der Konzentration auf digitale Industrie, Infrastruktur, Mobilität und Medizintechnik eine klare Stoßrichtung vorgegeben. „Unsere Wachstumsmotoren sind Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit“, sagte er. „Dies ist das Fundament unserer Wachstumsstrategie, um noch profitabler zu wachsen.“

          Das geht einher mit der Abkehr bisheriger Geschäftsmodelle, der nach den Worten des Siemens-Chefs im Geschäftsmodell zu einer „grundlegenden Transformation“. Software wird eine zentrale Rolle spielen. Statt des mehr traditionell ausgerichteten Produkt- und Lizenzgeschäftes stellt Siemens auf cloud-basierte Geschäfte um, indem Produkte aus der Datenwolke angeboten und gesteuert werden. Dies betrifft zunächst die größte und ertragreichste Sparte Digitale Industrie als Anbieter von vernetzter Produktion und Automatisierung. Doch wird diese Philosophie auf die anderen Geschäftsbereiche Bahntechnik (Mobility), Gebäudeinfrastruktur (Smart Infrastructure) und die börsennotierte Medizintechnik (Siemens Healthineers) abstrahlen.

          Die von Busch vorgestellte Strategie ist die Konsequenz aus der neu aufgestellten Unternehmensgruppe, die nicht mehr allein den bekannten Konkurrenten General Electric, ABB Rockwell, Tyco oder Schneider Electric gegenübersteht. Zunehmend dringt Siemens in Software-Sphären vor.

          Busch zieht für diesen Wandel gern den Vergleich mit Amazon heran. Der amerikanische Konzern ist nicht nur Versandhändler oder Logistiker, sondern mit AWS auch ein Anbieter von Cloud-Services. Und es scheint, als schiele Busch mehr auf den Softwarekonzern SAP als Vorbild denn auf den gefallenen Erzrivalen General Electric.

          Zum Paradigmenwechsel gehört für den Siemens-Chef genauso, dass die Umstellung im Unternehmen vom Kunden her getrieben werde – nicht mehr von Ingenieuren und Entwicklern aus dem Hause. So will Siemens die Position auf seinen Märkten ausbauen und Anteile gewinnen – vor allem aber neue Kunden hinzugewinnen, die bisher nicht auf dem Radar waren; kleine und mittelständische Unternehmen etwa. Das soll für Busch mit den Cloud-Angeboten gelingen.

          Adressiert Siemens derzeit mit seinen Aktivitäten einen globalen Markt von 440 Milliarden Euro, sollen nun „angrenzende, hochattraktive Märkte“ mit einem Gesamtvolumen von zusätzlich 120 Milliarden Euro erschlossen werden. Über den Zukauf von Supplyframe als Onlineanbieter von elektronischen Komponenten ist der Einstieg in digitale Marktplätze gelungen. Mit der Großakquisition von Varian durch Healthineers für 14 Milliarden Euro wird die Medizintechnik um die Krebstherapie deutlich erweitert. Über das Internet der Dinge sollen Unternehmenskunden Dienstleistungen für die digitale Transformation angeboten werden.

          Vor nicht allzu langer Zeit hätte wohl BioNTech nicht zur bevorzugten Klientel gehört. Nun aber intensiviert Siemens sogar die junge Kooperation mit dem ersten Entwickler des Corona-Impfstoffes. Beide Seiten haben vereinbart, neue Fertigungsstätten für die Covid-19-Impfstoffprodukion – etwa in Singapur – aufzubauen, mit dem von Siemens ausgerüsteten Marburger Werk als Muster.

          Mehr Profitabilität

          So soll der Konzernumsatz soll vom Geschäftsjahr 2021/22 (30. September) an bis 2025 jährlich um 5 bis 7 Prozent zulegen, stärker als der Markt und die bisherige Prognose von 4 bis 5 Prozent. Besonders groß soll die Dynamik im Digitalgeschäft sein, das derzeit mit 5,3 Milliarden Euro rund 9 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht, bis zum Jahr 2025 jedoch jährlich um 10 Prozent wachsen soll.Dabei ist eine deutlich erhöhte Profitabilität anvisiert. Das Ergebnis je Aktie soll sich jährlich „im hohen einstelligen Prozentbereich“ verbessern, also um bis zu knapp 10 Prozent.

          Welche Rolle für die Ertragskraft die Software mit ihren hohen Renditen spielt, zeigt das Renditeziel für die Automatisierungssparte Digital Industries. Das bleibt mit 17 bis 23 Prozent unverändert, obwohl in den nächsten Jahren die Umstellung auf das neuen Software-Geschäftsmodell belastet. Zum Vergleich: Für Smart Infrastructure ist die operative Zielmarge leicht auf 11 bis 16 (bisher 10 bis 15) Prozent, für Mobility auf 10 bis 13 (9 bis 12) Prozent aufgestockt worden.

          Busch und Thomas sind so überzeugt von ihrer Strategie, dass sie das Versprechen einer „progressiven Dividendenpolitik“ abgegeben haben. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Ausschüttungsquote 40 bis 60 Prozent des Jahresüberschusses erreichen soll. Stattdessen wird künftig die Dividende nicht mehr sinken. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wird sie für ein Geschäftsjahr erhöht, erreicht die Ausschüttung eine neue Basis, die nicht mehr abgesenkt wird. Erstmals seit Jahrzehnten ging die Dividende für das Corona-Jahr 2019/20 zurück. Die Garantie ist zumindest für die Industrie ungewöhnlich, während Allianz und Munich Re diese Gepflogenheiten schon länger verfolgen.

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