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Corona-Krise : Seuchenschutz oder Datenschutz?

Handschuhe, Mundschutz, aber kein Mindestabstand: Paar in Madrid Bild: dpa

Handydaten können helfen, die Pandemie einzudämmen. Aber wir brauchen keine chinesischen Verhältnisse, um sie auszuwerten. Es gibt klügere Methoden.

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          Verhindert der Datenschutz die Eindämmung der Corona-Pandemie? Dieser Eindruck drängte sich in der vergangenen Woche auf. Der Bundesgesundheitsminister wollte Mobilfunkanbieter dazu verpflichten, die Ortungsdaten für die Handys ihrer Kunden herauszugeben, damit die Behörden daraus die Kontaktpersonen von Infizierten ermitteln können. Auf den letzten Drücker gelang es seiner Kabinettskollegin, der Bundesjustizministerin, diesen Passus aus dem neuen Infektionsschutzgesetz herauszuhalten. Der Schutz der Daten ist ihr wichtiger.

          Können wir uns solche Feinheiten noch leisten, wenn dem Gesundheitssystem der Kollaps und der Volkswirtschaft das Desaster droht? Manch einer sehnt sich schon nach chinesischen Verhältnissen. Dort werden die GPS-Daten der Handys rigoros ausgewertet und klassische Geheimdienstmethoden nun eben für den Seuchenschutz eingesetzt.

          Mit dem Smartphone gegen die Pandemie

          Manche Städte verpflichten ihre Einwohner zur Nutzung einer Smartphone-App, die aus diesen Daten individuelle Risikoprofile erstellt und mit Verhaltensregeln versieht: relative Bewegungsfreiheit für die einen, häusliche Quarantäne oder Ausschluss vom öffentlichen Nahverkehr für andere. So lässt sich die Ansteckungsgefahr senken, die allgemeinen Kontaktbeschränkungen lassen sich lockern. Es ist verlockend, daraus den Schluss zu ziehen: Der Zweck heiligt die Mittel, also ran an die Daten.

          Zum Glück ist die chinesische Methode nicht alternativlos. Im Gegenteil, es gibt eine klügere Methode als die massenhafte, staatlich angeordnete Auswertung von Ortungsdaten, um Infektionsketten nachzuverfolgen und Personen mit erhöhter Ansteckungsgefahr schnell zu identifizieren. Dafür muss man nicht wissen, wo jemand in den vergangenen Tagen überall gewesen ist. Aufschlussreicher ist, wem er oder sie dabei begegnet ist. Diese Begegnungen aus den GPS-Daten zu errechnen, ist aufwendig und fehlerbehaftet. Wie dafür gemacht ist dagegen Bluetooth, die Funktechnik zur Übertragung von Daten über kurze Distanzen. Ist sie eingeschaltet, registriert das Handy, welche anderen Handys sich in der Nähe befinden.

          Die Corona-App, auf die alle warten

          Auf dieser Technik könnte die Corona-App basieren, die das Robert-Koch-Institut gerade entwickeln lässt. Seuchenschutz und Datenschutz wären damit sogar vereinbar, etwa so: Nur wenn bei einem Nutzer eine Infektion nachgewiesen ist, wird dies der in der App hinterlegten Telefonnummer zugeordnet, um eine Meldung mit der Aufforderung zu einem Corona-Test an alle anderen Nutzer zu verschicken, deren Handys im Bluetooth-Register des Infizierten auftauchen. Man darf hoffen, dass die deutschen Handynutzer sich so ein Programm millionenfach freiwillig herunterladen werden, sobald es zur Verfügung steht, und auch der Nutzung ihrer damit erfassten Daten zustimmen.

          Man braucht keinen Überwachungsstaat, um dem „Shutdown“ zu entkommen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass die Corona-App, auf die nun alle warten, noch viel mehr leisten könnte, wenn Deutschland es in der Vergangenheit nicht so sehr versäumt hätte, den technischen Fortschritt im Gesundheitswesen zu nutzen. Längst könnte die Video-Sprechstunde zum Alltag gehören. Dann wären jetzt nicht so viele Arztpraxen aus Angst vor Ansteckungen geschlossen, über Datenleitungen überträgt sich Sars-CoV2 ja nicht. Wenn mehr chronisch Kranke telemedizinisch behandelt würden, wären in den Krankenhäusern mehr Betten für Notfälle frei. Wenn die Gesundheitsämter digitalisiert wären, müssten Laborärzte jetzt nicht Tausende von Befunden durch die Republik faxen, und die Statistik der obersten deutschen Infektionsschutzbehörde hinkte nicht der einer Privatuniversität in Amerika hinterher.

          Viel zu oft waren Datenschutzbedenken in der Vergangenheit bloß ein Vorwand von Besitzstandswahrern, um Neuerungen zu blockieren. Als ob Patientendaten im Karteikasten unter der Praxistheke vor jedem Missbrauch geschützt wären. Und als ob die digitale Technik selbst darauf aus wäre, Schindluder mit Daten zu treiben. In Wahrheit kommt es darauf an, die Technik klug zu nutzen. Die Corona-App könnte zeigen, wie das geht.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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