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Secondhand-Mode : Der Kleiderschrank kommt ins Internet

Wirklich echt? Auch Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire besuchte schon ein Logistikzentrum von Vestiaire Collective. Bild: Reuters

Secondhand-Mode hat solchen Zulauf, dass selbst Luxushersteller den Trend nicht mehr ignorieren können. Der französische Anbieter Kering wagt deshalb einen Millionendeal.

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          Gebrauchte Klamotten sind schon lange nicht mehr die Domäne von Flohmärkten oder privaten Verkäufen in Hinterhöfen und Wohnzimmern. Heute sind sie der Stoff aus dem die so genannten Einhörner unter den Gründerunternehmen gemacht werden – Firmen mit einer Marktbewertung von mehr als 1 Milliarde Dollar.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die französische Secondhand-Plattform Vestiaire Collective hat am Montag bekanntgegeben, dass eine Gruppe von Investoren mit 178 Millionen Euro in das Unternehmen eingestiegen ist. Damit wird Vestiaire Collective mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet.

          Der Trend, den eigenen Kleiderschrank für Käufer aus dem Internet zu öffnen, hat sich derart verstärkt, dass ihn auch die Luxuswarenhersteller nicht mehr ignorieren können. Erstmals steigt mit dem französischen Hersteller Kering ein großer Produzent hochwertiger Ware in den Secondhand-Markt ein.

          Sein Vorstandsvorsitzender François-Henri Pinault spricht von einem „echten und tief verwurzelten Trend, insbesondere bei jüngeren Kunden“, der durch die Pandemie noch wesentlich intensiver wurde. Kering übernimmt als Teil der neuen Investoren rund 5 Prozent des Kapitals. Die Kering-Marke Alexander McQueen will dabei besonders eng mit Vestiaire Collective zusammenarbeiten.

          Ein Deutscher leitet die Plattform

          Das französische Unternehmen will mit dem Geld unter anderem ein Software-Entwicklungszentrum in Berlin aufbauen. Mehr als 150 Mitarbeiter sollen zu der Belegschaft von 400 Beschäftigten hinzukommen.

          Vestiaire Collective ist 2008 gegründet worden und wird seit zwei Jahren von dem Deutschen Maximilian Bittner geleitet. Dieser baute einst in Südostasien im Auftrag von Rocket Internet den Online-Versender Lazada auf, um ihn dann für mehrere Milliarden Euro an Alibaba zu verkaufen. Sein neues Jagdgebiet ist es, Käufer und Verkäufer von meist hochwertigen Modeartikeln zusammenzubringen.

          Das passt auch gut zum Nachhaltigkeitstrend, den die Modebranche bitter nötig hat - vor allem im Bereich der preiswerten Bekleidungsstücke, die unter dem Stichwort „Fast Fashion“ massenweise gekauft, doch kaum getragen werden. „Wenn wir über Nachhaltigkeit reden, ist die Modeindustrie wahrscheinlich einer der größten Verbrecher“, sagt Bittner im Gespräch mit der F.A.Z.. Ausdrücklich nimmt er dabei die Luxusindustrie aus, weil sie meist langlebige und haltbare Ware produziere.

          Vestiaire Collective prüft auf Echtheit

          Er sieht zwei Effekte durch die Online-Plattformen: Die Leute passen mehr auf ihre Sachen auf, weil sie vielleicht wieder verkauft werden. Zudem greifen sie zu besseren Artikeln. „85 Prozent unserer Kunden kaufen weniger, aber höherwertige Sachen“, sagt Bittner. Die Luxushersteller springen gerne auf diesen Zug auf, denn zum einen wird ihre Botschaft der Langlebigkeit verbreitet, zum anderen gilt sogar mehr Geschäft als möglich: Der Kauf einer Handtasche von 2000 Euro fällt leichter, wenn man sie nach einigen Jahren vielleicht für 1000 Euro weiterverkaufen kann.

          Auf den Internet-Plattformen präsentieren Verkäufer ähnlich wie bei Ebay selbst fotografierte Artikel. Vestiaire Collective übernimmt die Prüfung auf Echtheit der Marken und des Zustandes. Dafür lässt sich das Unternehmen die Artikel zuschicken, was eine umständliche Logistik erfordert.

          Vor ein bis zwei Jahren fing Vestiaire Collective allerdings auch das Geschäft des Direktversandes an, der nach Auskunft von Bittner heute „für mehr als die Hälfte der Produkte steht“. Damit sparen sich das Unternehmen und die Kunden Transportwege, sie senken die Kommission und können sich noch größerer Nachhaltigkeit rühmen. 

          Konkurrenten wie der vor allem aus Deutschland heraus arbeitende Anbieter Rebelle kümmert sich noch intensiver um die Produkte seiner Kunden, denn er lässt sie sich zuschicken, übernimmt im Rahmen seines „Concierge“-Services den gesamten Internetauftritt und lagert die Waren in Hamburg. „Die letzten Monate waren die besten unserer Unternehmensgeschichte“, berichtet eine Sprecherin. Im reinen Luxuswarengeschäft sieht sich Rebelle mit 200.000 Designer-Unikaten sogar vor Vestiaire Collective. Doch das bestreitet der Anbieter aus Frankreich, der auch in Deutschland die Nummer eins sein will.

          Allgemein rückt die Branche kaum Zahlen heraus. Vestiaire-Collective-Chef Bittner berichtete im vergangenen Jahr, dass sein Unternehmen zuletzt 400 Millionen Euro Umsatz machte. „Das ist heute deutlich mehr“, sagt er jetzt. Im vergangenen Jahr war sein Unternehmen nach eigenen Angaben noch nicht profitabel, jetzt will er sich dazu nicht mehr äußern. Seine Online-Gemeinde umfasst 11 Millionen Mitglieder.

          Ein Vermögen von 1000 Milliarden Dollar

          Auf mehr als dreimal so viele Nutzer kommt indes der litauische Anbieter Vinted, der in Deutschland früher Kleiderkreisel und Mamikreisel hieß. Vinted bezeichnet sich als Europas größter Online-Marktplatz für Secondhand-Mode und konzentriert sich nicht nur auf Luxus, sondern hat auch etwa T-Shirts für 3 Euro im Programm. Auch der Anbieter aus Litauen, der seine Belegschaft im vergangenen Jahr auf 600 Beschäftigte verdoppelte, hat in Berlin einen großen Standort und stellt dort nach Angaben einer Sprecherin weitere Mitarbeiter ein.

          Nach einer Studie der Boston Consulting Group, die Vestiaire Collective im vergangenen Jahr in Auftrag gab, hat die Pandemie die Bereitschaft der Verbraucher verstärkt, auf nachhaltige Produkte zu setzen. 30 bis 40 Milliarden Dollar wurden 2019 mit Gebrauchtwaren im Bereich Schuhe, Kleider und Accessoires umgesetzt. Das waren nur 2 Prozent des Gesamtmarktes, doch sie haben Wachstumspotential.

          Die Secondhand-Waren könnten in den nächsten fünf Jahren um 15 bis 20 Prozent zulegen, schätzt Boston Consulting. Vestiaire Collective-Chef Bittner machte in einem Interview eine andere Rechnung auf: „Die Luxuswaren-Industrie setzt weltweit jährlich rund 300 Milliarden Dollar um. Man kann also grob schätzen, dass in den Kleiderschränken ein Vermögen von rund 1000 Milliarden Dollar schlummert. Das Angebot ist im Grund genommen unbegrenzt.“

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