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F.A.Z. exklusiv : Schotter-Start-up Schüttflix sichert sich in Krise Millionenfinanzierung

Schüttflix-Bagger und -Laster in Gütersloh Bild: Schüttflix

Wenn man sich die analogsten aller Güter ausdenken müsste, würde man wohl bei Sand, Kies und Schotter landen. Doch zwei Gründer wollen diesen Markt digitalisieren – jetzt auch mit internationalem Investor.

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie hat die Investitionen von Wagniskapitalgebern in Start-ups weitgehend eingefroren. Das digitale Schüttgut-Start-up Schüttflix hat sich gegen diesen Trend jedoch eine millionenschwere Finanzierung sichern können, wie die F.A.Z. erfahren hat. Demnach investiert der aus Wien stammende Investor Speedinvest zusammen mit anderen Partnern und den Gründern selbst insgesamt 8 Millionen Euro in das Jungunternehmen aus Gütersloh.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine solche, im Vergleich eher geringe Summe bekommen Start-ups in der Regel als sogenannte „Seed“-Finanzierung, um einfach mal auszutesten, ob das Geschäftsmodell funktioniert. Interessant bei Schüttflix ist, dass es dieses Unternehmen hingegen schon seit rund einem Jahr gibt – und es seine Expansion bislang allein aus dem eigenen Umsatz finanzierte. In Gütersloh heißt es, man habe den monatlichen Umsatz von 3000 Euro auf 500.000 Euro steigern können. Damit kommt Schüttflix rechnerisch jetzt schon auf einen Jahresumsatz von 6 Millionen Euro.

          Das Start-up bietet eine digitale Plattform zum Kauf und Verkauf von Schüttgütern wie Schotter, Erde oder Sand an. Produzenten wie Kiesgruben können ihre Angebote in die Plattform einstellen, Bauherren aus dem Hoch-, Tief-, Garten- oder Landschaftsbau das Schüttgut dann per Handy-App bestellen. Die Software im Hintergrund soll stets die günstigste Liefermöglichkeit berechnen und dafür sorgen, dass eine Spedition das Schüttgut bringt. 450 Lieferanten und 450 Spediteure sind inzwischen auf der Plattform.

          Digitale Plattform für eine analoge Branche

          Schüttflix ist von Nordrhein-Westfalen aus gewachsen und liefert mittlerweile in allen 16 Bundesländern, wenngleich die Plattform zum Beispiel im Südosten noch wenig vertreten ist. Bis Jahresende soll ein flächendeckendes Netz von Lieferanten in ganz Deutschland stehen. In seinem Heimat-Bundesland liefere Schüttflix schon jetzt innerhalb von vier Stunden nach Bestellung, wirbt das Unternehmen. Solch kurze Lieferzeiten seien im Schüttgutgeschäft vorher kaum denkbar gewesen. Zudem waren Preisvergleiche zwischen den einzelnen Lieferanten und Baustoffhändlern zuvor kaum möglich. Denn alle hatten nur eigene Preislisten, die sie zumeist auf Papier herausgaben – ein zentrales Verzeichnis fehlte.

          Grund für die lokale Verankerung in Ostwestfalen ist, dass einer der beiden Schüttflix-Gründer Thomas Hagedorn ist, der mit der Hagedorn-Unternehmensgruppe in Gütersloh eines der führenden Abbruchunternehmen Deutschlands führt. Zweiter Gründer und Geschäftsführer von Schüttflix ist Christian Hülsewig, der zuvor Microsofts weltweite Versandaktivitäten verantwortete. Beide haben sich nun auch abermals mit eigenem Geld an der Finanzierungsrunde beteiligt, wie es vom Unternehmen hieß.

          Mit dem Geld soll das Wachstum über Deutschland hinaus finanziert werden. „Wir sind absolut on track, Deutschland bis Ende des Jahres dicht zu haben“, sagt Hülsewig der F.A.Z. „Und dann müssen wir ja irgendwo weitermachen.“ Internationalisierung sei in ihrem Geschäft sehr naheliegend. „In Holland zum Beispiel gibt es einfach geologisch keinen Schotter – da können auch wir den dorthin liefern“, sagt Hülsewig. Der Plan sei, ab 2021 mit den Nachbarländern zu beginnen und dann fernere Länder ins Visier zu nehmen.

          Marie-Hélène Ametsreiter, Partnerin bei Speedinvest

          „Das Schöne an Schüttflix ist, dass es kein klassischer Marktplatz ist, wo man mit viel Geld Angebot und Nachfrage zusammenbringen muss“, sagt die bei Speedinvest zuständige Partnerin Marie-Hélène Ametsreiter. „Stattdessen hat derjenige, der auf der Baustelle steht, durch die Schüttflix-App technologisch eine solche Erleichterung, dass man die Kundenseite sehr leicht rekrutieren kann – und die Produzentenseite kommt dann gerne dazu.“

          „Es gibt europaweit bis dato nichts Vergleichbares“

          Speedinvest ist ein Frühphasen-Investor mit rund 400 Millionen Euro verwaltetem Kapital. Das Risikokapital-Haus ist bei knapp 200 europäischen Start-ups an Bord, prominent etwa beim Elektroroller-Anbieter Tier oder der Versicherungsplattform Wefox. Ametsreiter ihrerseits sitzt in der Jury der österreichischen Ausgabe der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ und ist die Ehefrau von Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter, auch wenn das eigentlich gar nichts zur Sache tut. Sie traf Schüttflix-Gründer Hülsewig auf einer Veranstaltung – und fühlte sich von der Idee so angesprochen, dass sie ihm Speedinvest intuitiv vorstellte, ohne groß darüber nachzudenken, ob ein Investment überhaupt infrage komme, erzählt sie.

          Eine eingehendere Prüfung folgte später. „Wir haben uns den Markt sehr genau angeschaut, bevor wir investiert haben – und es gibt europaweit bis dato nichts Vergleichbares“, sagt Ametsreiter. Zudem käme es nicht oft vor, dass ein Start-up ein Geschäftsmodell habe, „das von seiner Logik her ganz natürlich auch global ausrollbar ist“.

          Auch die Corona-Krise hat Speedinvest nicht aufgehalten. „Jeder Venture-Capital-Fonds ist vorsichtiger geworden“, gibt die Investorin zu. „Allein schon, um sich ein gewisses Reservoir an Liquidität übrig zu behalten, um das eigene Portfolio stützen zu können.“ Doch die mündliche Zusage, in Schüttflix zu investieren, habe es schon vor der Krise gegeben. „Und ich finde, dann kann man es sich nicht leisten, in so einer Situation zurückzuziehen“, sagt Ametsreiter. Doch auch unabhängig davon stehe sie hinter der Investition. Die Gewinner der Viruskrise seien am Ende die Digitalunternehmen. „Daher wird die Attraktivität von Venture Capital und Private Equity weiter steigen. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass man in der Krise besonders gute Deals machen kann.“

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