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Fernsehen : Wer braucht noch TV-Sender?

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An der Börse zeigt sich die Entwicklung deutlich: Lineares Fernsehen verliert, Internetvideos gewinnen. Der Aktienkurs der RTL Group ist innerhalb von drei Jahren um fast 30 Prozent gesunken. Noch härter trifft es Pro Sieben Sat 1, die deutsche Konkurrenz aus Unterföhring: Ihr Aktienkurs ist in drei Jahren um zwei Drittel gefallen, was diese Woche wieder zu Spekulationen um eine Übernahme führte.

Lokale Videostreaming-Champions aufbauen

Auch hier muss ein neuer Mann an der Spitze zeigen, wie er den Wandel im Fernsehgeschäft meistern kann. Seit Juni des vergangenen Jahres lenkt Max Conze, 49, den Konzern. Er leitete zuvor den britischen Staubsaugerhersteller Dyson und ist mit seinem Zwischenergebnis in Unterföhring unzufrieden. Er sieht den gewaltigen Umbruch mit neuen Geschäftsmodellen und neuer Konkurrenz als größte Herausforderung.

Netflix hingegen hat den Aktienkurs in drei Jahren mehr als verdreifacht. An der Börse ist der Konzern 142 Milliarden Euro wert, während RTL nur mit knapp 8 Milliarden Euro und Pro Sieben Sat 1 mit 3 Milliarden Euro bewertet wird.

Max Conze, Vorstandsvorsitzender der Pro Sieben Sat.1 Media SE

Für Bertelsmann ist der Geldzufluss aus Luxemburg entscheidend: Mehr als die Hälfte seines operativen Gewinns von 2,7 Milliarden Euro erhält der Bertelsmann-Konzern von RTL. Die Konkurrenz aus Amerika bringt diese Einnahmen in Gefahr. Rabe muss zeigen, wie der Fernsehkonzern in seinen Ländern lokale Videostreaming-Champions aufbauen kann. In Deutschland hat RTL im Dezember sein Internetportal TV Now umgebaut: Gegen eine Monatsgebühr gibt es dort Liveübertragungen der Fernsehprogramme wie die Tanzshow „Let‘s Dance“ und eigene Serien wie die Krimi-Staffel „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Spannendes Fernsehgeschäft

Dabei hat RTL nicht vor, Amazon und Netflix zu schlagen. Dem Konzern geht es darum, die Nummer 1 der Anbieter aus Deutschland zu werden. Denn auch in der Heimat legt die Konkurrenz zu: Die Telekom betreibt Bezahlfernsehen im Internet mit Magenta TV und der Serie „Deutsch-Les-Landes“ mit Christoph Maria Herbst. Der Bezahlsender Sky zeigt Serien wie „8 Tage“ oder „Game of Thrones“ auch im Internet. Pro Sieben Sat 1 plant mit dem amerikanischen Discovery Communications ebenfalls ein Streamingportal, das im Sommer mit Inhalten von ZDF und Axel Springer an den Start geht.

Da hat das Publikum die Wahl – auch inhaltlich: Zwischen der Fantasy-Reihe „Game of Thrones“ und der RTL-Serie „Der Lehrer“ liegen Welten. Will der Zuschauer in eine weit entfernte Fiktion abtauchen, oder bleibt er nah am eigenen Umfeld? Deutsche Sender setzen auf lokale Protagonisten. Doch auch Netflix erzählt etwa mit dem Drama „Dark“ Geschichten aus Deutschland, wie auch Amazon in der Komödie „Pastewka“ oder in „Beat“ über das Berliner Nachtleben. Schwer fällt es, ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen, das den Zuschauer zum Zahlen bewegt.

Schon bereiten sich neue Konkurrenten vor. Apple gab den Start eines Videodienstes mit selbstproduzierten Serien von Steven Spielberg, Reese Witherspoon und Jennifer Aniston bekannt. Disney beginnt zum Jahreswechsel einen Videodienst mit vielen Programmschätzen wie einer „Star Wars“-Serie. Der Zuschauer hat heute schon viele Möglichkeiten, um sich sein eigenes Fernsehprogramm fernab des linearen Fernsehens zusammenzustellen. Bald werden es noch viel mehr.

Für den großen Serienspaß muss der Zuschauer aber auch immer öfter bezahlen. Macht er das tatsächlich, und gibt er neben der Haushaltsgebühr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch viel mehr Geld aus? Wechseln viele dann von anderen Anbietern oder holen sich mehr Menschen weitere Fernseh-Abos? Das sind entscheidende Fragen für Rabe und Conze im Wettstreit gegen die amerikanische Konkurrenz. Spannend sind damit nicht nur die neuen Serien, sondern auch das Fernsehgeschäft an sich.

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