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Fitbit-Kauf : Widerstand gegen Google-Fitbit-Übernahme

Eine Smartwatch von Fitbit Bild: Reuters

Google will den Fitnessarmband-Hersteller Fitbit kaufen. Europäische Experten melden da Bedenken an – mit scharfen Worten.

          3 Min.

          Vierzehn europäische Wettbewerbsökonomen haben sich gegen Pläne der Europäischen Kommission gewandt, Google den Kauf des Fitnessarmband-Anbieters Fitbit zu erlauben. „Der Kauf würde nicht einfach nur ein weiteres Gerät in Googles Ökosystem bringen“, heißt es in einem zwölfseitigen Brief, der der F.A.Z. vorliegt. „Sondern eines mit sehr sensiblen Daten, die den Verbrauchern wahrscheinlich Schaden bringen in Sachen Krankenversicherung, medizinischer Versorgung und sogar auf dem Arbeitsmarkt.“ Ein Verbot der Übernahme löse nicht alle Probleme um Gesundheitsdaten, aber es vermeide eine Verschärfung.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu den Unterzeichnern des Briefs gehören unter anderem die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer, Paul Heidhues von der Universität Düsseldorf und Tomaso Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, zudem Ökonomen aus Mannheim sowie aus Frankreich, Großbritannien, Schweden, Belgien und der Schweiz.

          Die Ökonomen sehen drei Gefahren

          Fitbit, ein kalifornisches Unternehmen, hat früh ein Fitnessarmband angeboten, inzwischen sind ihm aber nur noch drei Prozent des Marktes geblieben – weit hinter Apple mit fast 30 Prozent. Google will 2,1 Milliarden Dollar für das Unternehmen zahlen. Bis zum 23. Dezember muss die EU-Kommission entscheiden, ob sie das erlaubt. Zuletzt hatten mehrere Medien berichtet, nach neuen Zugeständnissen durch Google sei eine Erlaubnis wahrscheinlicher geworden. Das Unternehmen hatte unter anderem versprochen, dass Fitbit-Nutzer ihre Daten weiterhin anderen Unternehmen zur Verfügung stellen können. Außerdem habe Google zugesichert, die Daten der Fitness-Armbänder nicht für Werbung zu nutzen und dieses Versprechen strikt zu überwachen.

          Google verteidigt die Fusion: „Es geht um Geräte, nicht um Daten. Der Markt für Wearables ist sehr überlaufen, und wir glauben, dass die Kombination von Google und Fitbit den Wettbewerb in der Branche stärkt, den Verbrauchern nützt und die nächste Generation von Geräten besser und erschwinglicher macht“, hieß es vom Unternehmen. Google sei weiterhin bereit, andere Hersteller auf Android zu unterstützen, und formalisiere dieses Versprechen.

          Die Ökonomen halten die Vereinbarungen nicht für ausreichend. Sie sehen drei große Gefahren. Erstens könne Google Fitbit gegenüber anderen Fitnessarmbändern bevorzugen. Zweitens könne das Unternehmen die Gesundheitsdaten von Fitbit mit seinen eigenen umfassenden Daten kombinieren und sich so einen Vorteil auf dem Anzeigenmarkt und sogar auf den Märkten für Gesundheitsdienste und Krankenversicherungen verschaffen. Drittens werde es für andere Unternehmen schwieriger, ihre eigenen Betriebssysteme für solche Geräte zu etablieren.

          Auch der Datenschutz der Nutzer könne leiden. Es reiche sogar, wenn nur einige Fitbit-Nutzer Google erlaubten, ihre Daten mit den bestehenden Google-Daten zu kombinieren. Daraus könne das Unternehmen genug über die Gesundheit seiner anderen Kunden lernen, selbst wenn es deren Daten nicht kombinieren dürfe.

          „Google macht die Daten der Welt zu Geld“

          Google verteidigt die Fusion: „Es geht um Geräte, nicht um Daten. Der Markt für Wearables ist sehr überlaufen, und wir glauben, dass die Kombination von Google und Fitbit den Wettbewerb in der Branche stärkt, den Verbrauchern nützt und die nächste Generation von Geräten besser und erschwinglicher macht“, hieß es vom Unternehmen. „Wir haben mit der Europäischen Kommission einen neuen Ansatz ausgearbeitet, um die Erwartungen der Verbraucher zu schützen, dass die Daten von Fitbit-Geräten nicht für Werbung verwendet werden.“ Zudem sei Google weiterhin bereit, andere Hersteller auf Android zu unterstützen, und formalisiere dieses Versprechen. Fitbit-Benutzer könnten sich weiterhin mit Diensten anderer Unternehmen verbinden, wenn sie das wollen.“

          Die Ökonomen allerdings raten von dem Vorhaben ab. „Google wirbt gern damit, sein Ziel sei, die Information der Welt zu organisieren und sie allgemein zugänglich und nützlich zu machen“, schreiben die Ökonomen weiter. „Aber die Geschäftspraktiken der vergangenen Jahrzehnte legen eine genauere Zielbeschreibung nahe: dass Google die Daten der Welt zu Geld macht.“

          Wenn die Fusion trotz der Bedenken erlaubt werde, müsse eine Aufsichtsbehörde überwachen, dass Google keine Gesundheitsdaten mit anderen Daten für Werbezwecke kombiniere, empfehlen die Ökonomen. Außerdem müsse verboten werden, dass Google die Armbänder unter ihren Herstellungskosten anbiete. Die Experten nennen noch ein weitere Liste von Bedingungen, um die Folgen einer Übernahme zu mildern, sie resümieren aber: „Wir glauben nicht, dass es klare und realistische Mittel gibt.“

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