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Getrübte Bilanz : Nicht jeder Corona-App-Nutzer meldet Infektionen

Die deutsche Warn-App im App-Store eines Apple-Smartphones Bild: dpa

Ob aus Scham oder aus Versehen: Zurückhaltung beim Melden positiver Tests lässt die Warn-App unter ihrem Potential bleiben.

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          Die deutsche Corona-Warn-App sei „eine der erfolgreichsten weltweit“, freute sich zur 100-Tage-Bilanz am Mittwoch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und verwies darauf, dass die App fast 18,5 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Das ist im internationalen Vergleich tatsächlich ein hoher Wert. Doch auch wenn Spahn diesen gern ins Rampenlicht stellt, liegt die tatsächliche Zahl der App-Nutzer niedriger.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Fachleute gehen davon aus, dass lediglich 80 Prozent der Nutzer, welche die App einmal heruntergeladen und installiert haben, diese auch nutzen. Der Rest hat sie entweder wieder deinstalliert oder doppelt heruntergeladen. In der Schweiz, wo die Zahl der tatsächlich aktiven Exemplare der dortigen Tracing-App anders als in Deutschland veröffentlicht wird, zeigt die Statistik, dass sogar nur zwei Drittel der heruntergeladenen Apps auch aktiv sind.

          Ob die Warn-App bei der Eindämmung der Pandemie hilft, hängt neben der Zahl ihrer Nutzer vor allem davon ab, ob die Nutzer es auch in der App melden, wenn sie positiv auf das Coronavirus getestet werden. Wie viele das tun, kann man ob des strikten Datenschutzes in der deutschen App nur schätzen. Doch es gibt einige Daten, auf die man dabei stützen kann. Die Ergebnisse einer solchen qualifizierten Schätzung legen nahe, dass es bei weitem nicht jeder App-Nutzer meldet, wenn er oder sie erkrankt.

          87.308 Neuinfektionen seit Start der App

          Eine Beispielrechnung: Nimmt man großzügig an, dass 80 Prozent der heruntergeladenen Apps in Deutschland aktiv sind, kommt man auf 14,7 Millionen aktive Exemplare. Das heißt, 17,7 Prozent der Bundesbürger haben die App auf ihrem Smartphone. Vorausgesetzt, App-Nutzer infizieren sich genauso oft wie Nicht-App-Nutzer, müssten nun seit Einführung der App 17,7 Prozent der aufgetretenen Neuinfektionen über die App gemeldet worden sein, wenn jeder App-Nutzer bei einem positiven Test seine Infektion gemeldet hätte. Seit dem Start der App am 16. Juni gab es in Deutschland nach den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität 87.308 Neuinfektionen. 17,7 Prozent davon wären rund 15.450 Fälle.

          Um abzuschätzen, wie viele Fälle in diesem Zeitraum tatsächlich über die App gemeldet wurden, gibt es als Richtwert die Zahl der von der zur Corona-App gehörenden Hotline ausgegebenen Tele-Tans. Das sind Transaktionsnummern, die jemand mit einem positiven Testergebnis am Telefon bekommt, wenn sein Laborbeleg keinen QR-Code trägt, den er mit der App selbst einscannen könnte. Seit 16. Juni wurden laut Robert-Koch-Institut 4373 solcher Tele-Tans ausgegeben.

          Weg über die Hotline mit großem Abstand der gängigere

          Dazu kommen noch die per QR-Code gemeldeten Testergebnisse von Laboren, die an dieses System schon angeschlossen sind. Insgesamt haben bislang knapp 5000 Menschen ein positives Testergebnis in der App gemeldet, wie Spahn am Mittwoch selbst sagte. Das zeigt zweierlei: Zum einen ist der Weg über die Hotline immer noch mit großem Abstand der gängigere, egal wie viele Labore inzwischen an das System angeschlossen sein mögen. Vor allem entsprechen diese 5000 Infektionsmeldungen aber nur 32 Prozent der 15.450 Neuinfektionen, die in die App hätten eingegeben werden müssen, wenn jeder App-Nutzer ein positives Testergebnis gemeldet hätte. Dieser Schätzung zufolge ist es nur jeder Dritte.

          Fachleute, welche die von der App generierten Rohdaten analysieren, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Informatiker Michael Böhme der Universität Jena etwa hat eine Übersicht veröffentlicht, der zufolge in der vergangenen Woche 9 Prozent der neuen Corona-Infektionen in der App gemeldet wurden.

          Das ist wenig; zieht man jedoch in Betracht, dass entsprechend der Rechnung oben nur knapp 18 Prozent der Bundesbürger die App aktiv benutzen, deutet diese Schätzung darauf hin, dass zumindest jeder zweite App-Nutzer es meldet, wenn er oder sie positiv getestet wird. Es gibt aber auch andere Schätzungen, die teilweise zu weit niedrigeren Ergebnissen kommen. So oder so gilt: Dass es trotz Anonymisierung eindeutig nicht jeder App-Nutzer meldet, wenn er oder sie sich infiziert hat, ist ein ernstzunehmendes Hindernis auf dem Weg zu einer effektiven Kontaktnachverfolgung per App. Denn nur mit einer Meldung der Infektion können Kontaktpersonen wiederum über ihre App gewarnt werden.

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