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Nach Anschlag in Halle : Welche Rolle Twitch spielte

Der Davidstern auf dem Dach der Synagoge in Halle Bild: dpa

Der rechtsextreme Täter von Halle hat mit einer Helmkamera seine Tat live im Internet gestreamt. Wie konnte es dazu kommen? Die Plattform Twitch erklärt sich.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Fünfunddreißig Minuten können elend lang sein. Diese Zeit dauerte der Livestream des rechtsextremen Täters von Halle, der seinen geplanten Anschlag auf eine Synagoge von seiner Helmkamera aus filmte und zeitgleich ins Netz übertrug. Zu sehen war das auf der amerikanischen Streamingplattform Twitch, die vor allem für Live-Übertragungen von Videospielen bekannt ist und dem Online-Händler Amazon gehört. In dem Video spricht der Täter mit seinem Publikum auf englisch, zwischendurch flucht er auf deutsch, er bezeichnet sich selbst auch als Loser, weil die Attacke offenbar nicht so ablief wie von ihm geplant.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Wie konnte es dazu kommen? Prinzipiell kann erst einmal jeder angemeldete Nutzer einen Livestream auf der Plattform starten. Die Reichweite ist dabei nur sehr gering ohne Follower, also Menschen, die sich das auch anschauen wollen. In mehreren Tweets hat sich Twitch am späten Mittwoch zu dem Vorfall geäußert. Der ursprüngliche Livestream der Tat sei nur von etwa fünf Personen angeschaut worden, teilte das Unternehmen mit. Das muss also etwa um die Zeit um viertel vor Eins am Mittag gewesen sein. Die Zuschauer müssen nicht zwingend Eingeweihte gewesen sein, doch dass jemand zufällig auf das Video stößt, ist etwas ungewöhnlich. Der Täter war als Twitch-Nutzer zuvor nämlich reichlich zurückhaltend: Der Account wurde nur zwei Monate vorher angelegt, die Livestream-Funktion laut Twitch nur einmal getestet.

          Der Täter hat allerdings eingestellt, dass das Video auch nach der Live-Übertragung noch abspielbar ist. So etwas wird häufig nach Übertragungen gemacht, damit die Inhalte auch Menschen erreichen, die zum Zeitpunkt der Übertragung nicht zuschauen konnten. In diesem Fall dauerte es weitere 30 Minuten, bis das Video der Tat von Nutzern gemeldet wurde. Bis dahin hatten sich laut Twitch etwa 2200 Menschen das Video angeschaut.

          Das Twitch-Logo

          Diese müssen vermutlich gezielt danach gesucht haben, weil das Video in keinen „Empfehlungs“-Listen aufgetaucht ist oder in sonstigen Bereichen beworben wurde. Zudem wurde es wohl auch über andere Internetseiten und Messengerdienste verbreitet. Hochgeladen hatte der Täter das Video im Bereich des Ego-Shooters CS:GO, einer Variante des Computerspiels Counter Strike, in dem Terroristen und Polizisten gegeneinander kämpfen.

          Twitch teilte auf Twitter mit, dass es den sogenannten „Hash“ des Videos, also eine im Video-Code liegende Identifizierungsmöglichkeit, an ein Industriekonsortium weitergereicht habe. Dadurch können auch andere Plattform erkennen, ob die Inhalte auf ihrer Seite hochgeladen werden. „Wir nehmen das extrem ernst und sind engagiert, mit Industrievertretern, Strafverfolgungsbehörden und anderen relevanten Teilnehmern daran zu arbeiten, unsere Community zu schützen“, teilte Twitch mit. In solchen Fällen tauchen die Videos meist schnell auch auf anderen Plattformen auf. Leider gibt es immer wieder Menschen, deren Sensationsgier groß genug ist, nach Gewalttaten zu forschen.

          In der Altstadt von Halle gedenken am Dienstagabend zahlreiche Bürger der Opfer.

          Die Politik und Inhalteanbieter debattieren schon länger darüber, wie etwa terroristische Inhalte schneller erkannt und entfernt werden können. Einem Entwurf der EU-Kommission zufolge sollen Anbieter innerhalb von 60 Minuten reagieren, falls Terrorinhalte hochgeladen werden. Wie das funktionieren soll, also beispielsweise mit Upload-Filtern, ist noch nicht klar. Unternehmen wie Facebook, Amazon, Google oder Microsoft arbeiten schon länger zusammen, um solche Inhalte zu entfernen, politisch unterstützt auch über das EU-Internetforum in Zusammenarbeit mit der europäischen Polizeibehörde Europol. Erst an diesem Montag hatte sich das Internetforum auf ein gemeinsames „Krisenprotokoll“ verständigt. Damit soll „die virale Verbreitung terroristischer und extremistischer Gewaltinhalte im Internet eingedämmt werden“. Daran arbeiten auch die amerikanischen Internetgiganten mit. Vorausgegangen war diesem Zusammenschluss der „Christchurch-Aufruf“ nach dem Attentat auf Muslime in der neuseeländischen Stadt.

          Die Reaktion der Streaming-Plattform Twitch ist im Vergleich zu früheren Videos von Amokläufen oder Attentaten recht transparent, wenngleich das Statement nur auf Twitter verfasst wurde. Eine weitere offizielle, vielleicht auch ausführlichere Stellungnahme etwa über einen Blogeintrag gibt es derzeit auf Anfrage nicht. In der Vergangenheit stand vor allem die Seite 4chan.org und auch die daraus einst entstandene Plattform 8chan immer wieder in der Kritik, weil auf den Plattformen Videos etwa von Terroranschlägen oder Amokläufen zu sehen waren. Manchmal wurden sie gar von den Tätern dort angekündigt. Die Plattformen rühmen sich, niemals Inhalte zu zensieren und begründen das mit einem hohen Anspruch auf Meinungsfreiheit. Das Video des Live-Streams wird wohl niemals ganz aus dem Netz verschwinden, weil es sich auch über Messenger-Dienste wie Telegram verbreitet. Die Extremismusforscherin Megan Squire hat in kurzer Zeit alleine 15.000 Accounts identifiziert, die das Video gesehen haben.

          Zuletzt – nach dem Amoklauf im August in El Paso, bei dem 22 Menschen erschossen wurden –  sagte selbst der Gründer von 8chan, Fredrick Brennan, dass man „die Seite dicht machen“ solle. Er arbeitet seit einigen Jahren nicht mehr mit dem Betreiber zusammen. Auch auf der deutschen Online-Plattform Pr0gramm war das Video aus Halle zu sehen. Diese Seite wurde schon im Januar 2014 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert, weil man dort pornografische und brutale Fotos findet. „Ein nachhaltiger Empathieverlust mit Opfern von Gewalttaten ist zu befürchten“, steht etwa im Prüfbericht. Anmelden kann sich dort nur, wer vorher eine Einladung bekommen hat. Eine homogene Gruppe hinter solchen Seiten auszumachen, ist nicht möglich, die Nutzer eint meist nur die Lust an der Provokation. Vor fünf Jahren versuchten sie einmal, die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ vom Langenscheidt-Verlag zu manipulieren.

          Twitch hingegen ist eine der meistbesuchten Seiten für gestreamte Videos. Mehr als 8,5 Millionen täglich aktive Nutzer zählt das Portal, für das Amazon 970 Millionen Dollar in Bar bezahlt hat. Die Nutzer mit der meisten Reichweite haben zwischen 7 und fast 15 Millionen Follower. Streams des amerikanischen Spieleentwicklers Riot Games wurden mehr als 1 Milliarde Mal angesehen.

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