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Musiker in der Krise : Der digitale Fanclub als Retter in der Not

Auch die Band Einstürzende Neubauten ist auf Patreon aktiv. Bild: dpa

Das Konzertleben steht weiterhin nahezu still. Viele Musiker sind daher auf neue Einkommensquellen angewiesen. Digitale Abo-Plattformen wie Patreon könnten ein Weg sein.

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          Die amerikanische Rockband Tigers Jaw steht vor demselben Problem wie unzählige Musikerkollegen verschiedenster Genres: Durch die Corona-Pandemie können keine Konzerte stattfinden. Für viele Künstler ist damit ihre wichtigste Einnahmequelle versiegt. Daher streamen die einen Auftritte aus leeren Räumen und bitten um Spenden, andere bieten etwa eigens angefertigte Fanartikel an. Tigers Jaw liebäugeln mit einer weiteren Option: „Wir überlegen, einen Patreon-Account anzulegen [. . .], würde euch das interessieren?“, fragte die Band Mitte Mai ihre gut 120.000 Facebook-Abonnenten.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf Patreon bieten Kreative jeglicher Couleur als Abo-Modell ihren „Patrons“ – also Fans oder Förderern – exklusive Einblicke, Produkte oder anderweitige Dinge an, für die es sich lohnen könnte, Geld auszugeben. Die Musiker von Tigers Jaw denken laut ihrem Facebook-Beitrag etwa über Frage-Antwort-Runden, Coversongs und Lernvideos nach.

          Manch anderer sammelt über Patreon etwa Geld für die Materialien seine Kunstwerke und bietet im Gegenzug einfach ein Treffen mit sich an. Was einem Nutzer zur Verfügung steht, richtet sich nach dem Abo, für das er oder sie sich entscheidet. Meist bedeutet das: Je teurer das Abo ist, desto mehr wird den Fans geboten. Künstler können neben dem monatlich zu bezahlenden Modell aber auch Geld für einzelne Werke verlangen.

          Mehr als 100.000 neue Anbieter seit Mitte März

          2013 vom amerikanischen Musiker Jack Conte gegründet, hat Patreon nach eigenen Angaben bis Ende 2019 eine Milliarde Dollar an Künstler ausgezahlt. Je Fan sollen es im Schnitt 12 Dollar im Monat sein, allein im vergangenen Jahr kamen so 500 Millionen Dollar zusammen. Wie die Fans können auch die Kreativen zwischen verschiedenen Modellen wählen. Wer zusätzliche Funktionen und gesondertes Coaching erhalten will, gibt in der Premiumversion 12 Prozent seiner über Patreon im Monat erzielten Einkünfte quasi als Provision ab. In der Basisversion sind es 5 Prozent.

          Mittlerweile tummeln sich rund 150.000 Künstler und mehr als 4 Millionen „Patrons“ auf der Plattform. Zu den Geschäftszahlen schweigt sich das Unternehmen aus. Im Zuge der Corona-Krise musste Patreon allerdings kürzlich 30 seiner gut 200 Mitarbeiter entlassen. Dabei verzeichnet die Plattform gerade wegen der Auswirkungen der Pandemie deutlichen Zulauf. So sind seit Mitte März mehr als 100.000 Anbieter hinzugekommen, wie Patreon Ende Mai mitteilte.

          Starke Abhängigkeit von Live-Geschäft

          Besonders die Zahl der Musiker habe stark zugelegt, sagt Ronny Krieger, der das Europa-Geschäft von Patreon leitet. „Durch das Wegbrechen des Live-Geschäfts sind viele gezwungen, neue Wege zu gehen“, sagt Krieger, der auch im Vorstand des Verbands unabhängiger Musikunternehmer (VUT) sitzt. Dieser fungiert als Interessenvertreter der kleineren deutschen Plattenunternehmen, Vertriebe und Verlage.

          „Wir profitieren natürlich davon, dass viele Bands nun schmerzlich erkennen, wie sehr sie von Konzerten abhängig sind“, sagt Krieger und wirbt für die Verdienstmöglichkeiten über Patreon: „Schon 100 Unterstützer auf Patreon können für einen Künstler im Monat mehr Geld einbringen als eine Million Streams auf Spotify.“

          Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ein Musiker diese stolze Zahl von Streams erst einmal erreichen muss: Ob diese Rechnung wirklich aufgeht, hängt von vielen Faktoren ab. Schon bei der Summe, die ein Musiker durch einen Abruf auf Spotify einnimmt, wird es kompliziert.

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