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MoviePass : Wie ein Start-up das Kino retten will

Werden die Kinosäle mit dem Modell von MoviePass künftig wieder voller? Bild: Evelyn Rois & Bruno Stubenrauch/

Viermal gucken – und nur zehn Dollar zahlen: Ein amerikanisches Start-up lockt Menschen zu extrem günstigen Preisen in die Kinos. Schon zwei Millionen Amerikaner haben ein solches Abo. Wie soll so ein Geschäft funktionieren?

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          Angesichts des Erfolgs von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime halten viele den Untergang des Kinos nur noch für eine Frage der Zeit. Für den Preis von meist gerade mal einem Kinoticket bekommen Film- und Serienjunkies in den Datenbanken unbegrenzten Zugang zu tausenden Originaltiteln und aufwendigen Eigenproduktionen – und müssen dafür nicht einmal die Komfortzone ihres eigenen Sofas verlassen, überteuerte Cola kaufen oder in der Ticketschlange stehen.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine kleine Rechnung: Ein Kinoticket kostete 2017 in Deutschland durchschnittlich 8,63 Euro. Eine fünfköpfige Familie müsste also knapp 45 Euro bezahlen, um einen einzigen Film zu sehen. Bei Netflix kostet das Premium-Abo monatlich 13,99 Euro. Auf vier Geräten kann dann gleichzeitig geschaut werden, so viel und so lange, wie es beliebt. Der Abgesang des Geschäftsmodells Kino hat nicht ohne Grund begonnen. In Amerika wurden im vergangenen Jahr insgesamt 1,24 Milliarden Kinotickets verkauft – die schlechteste Bilanz seit 25 Jahren.

          10 Millionen Dollar Umsatz, 150 Millionen Dollar Verlust

          „Das Kino ist tot, lang lebe das Kino“, haben sich da wohl die Gründer des amerikanischen Start-ups MoviePass gedacht. Das „Netflix der Kinowelt“ möchte die Menschen wieder zurück in die Kinosäle locken und die Filmbranche retten. Was bei Spotify und Co. funktioniert, muss doch auch für das Kino möglich sein: Eine Flatrate, die unbegrenzten Kinospaß ermöglicht und sich mit einem Preis für 10 Dollar im Monat pro Person schon nach dem ersten Kinobesuch lohnt. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Für Filmfans und Kinobetreiber erst mal nicht, für den Abodienst allerdings schon.

          Die Idee lautete so: Für knapp 10 Dollar im Monat können Abonnenten jeden Tag einen Film im Kino anschauen. Sie erhalten eine Pre-Paid-Karte und Zugang zu einer App, über die sie Film und Kino auswählen können. MoviePass kauft dem Kino das Ticket ab und der Kunde muss es sich nur noch am Ticketschalter abholen. Doch die Rechnung ging nicht auf. In Amerika kosten Kinotickets durchschnittlich neun Dollar. MoviePass machte also schon nach dem ersten Kinobesuch Verlust. In manchen Kinos bekommt das Unternehmen die Tickets zwar mit einem kleinen Preisnachlass. Aber von einem erfolgreichen Geschäftsmodell konnte nicht die Rede sein. Die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres bescheinigen dem Start-up eine niederschmetternde Bilanz: Im Jahr 2017 nahm der Mutterkonzern Helios & Matheson 10,4 Millionen Dollar mit seiner Kino-Flatrate ein. Verlust: 150,8 Millionen Dollar.

          Daten der Kunden vermarkten?

          Bislang versucht MoviePass vergeblich, ein Stück vom Kuchen der Kinobetreiber abzubekommen. Das Argument: Eine größere Besucherzahl bedeutet auch mehr verkauftes Popcorn, mehr Umsatz für die Kinos und die Möglichkeit, teurere Film-Lizenzen zu kaufen, die wiederum mehr Menschen in die Kinos locken. Im Lager der Kinobetreiber hält man jedoch wenig von diesem Vorschlag. Insbesondere die große amerikanische Kinokette AMC wehrt sich vehement, MoviePass am zusätzlichen Geldregen zu beteiligen. Kurzzeitig schloss MoviePass zehn beliebte AMC-Niederlassungen von der App aus. Es sei nur ein „Test“ gewesen, lautete die offizielle Erklärung. Amerikanische Medien interpretierten die Aktion aber als Rachefeldzug gegen AMC-Chef Adam Aron. Dieser hatte das Geschäftsmodell von MoviePass öffentlich als „nicht nachhaltig“ beschrieben und den Niedergang des Start-ups prophezeit.

          Um den Verlusten entgegenzuwirken, hat MoviePass das System nun radikal geändert: Seit Mitte April sind die Kinobesuche auf vier im Monat begrenzt, die Flatrate scheint Geschichte. Zudem versucht das Unternehmen, es Facebook, Google und Co. nachzumachen und die gesammelten Daten zu Geld zu machen. Bei einer Konferenz in Hollywood traf der Geschäftsführer Mitch Lowe im März folgende bemerkenswerte Aussage: „Wir bekommen eine enorme Menge an Informationen. Weil wir die Mitgliederkarten per Post zustellen, kennen wir deine Adresse, wissen über Kinder, Altersgruppen und Einkommen Bescheid. Wir beobachten dich, wie du von zu Hause zum Kino fährst und wo du danach hingehst, und welche Filme du dir anschaust.“

          MoviePass ist heute schon für 6 Prozent der Kinoticketverkäufe in Amerika verantwortlich.
          MoviePass ist heute schon für 6 Prozent der Kinoticketverkäufe in Amerika verantwortlich. : Bild: AP

          Klingt unheimlich? Die potentiellen Risiken für die eigene Privatsphäre haben Fans des MoviePass bislang nicht abgeschreckt. Innerhalb eines Jahres sind die Nutzerzahlen von 20.000 auf zwei Millionen gestiegen. Bis zum Jahresende sollen sich die Anmeldung noch mehr als verdoppeln. Schon 91 Prozent der rund 6000 amerikanischen Kinos machen bei MoviePass mit. Ende 2018 wird das Start-up laut Lowe für 20 Prozent der Kinoticketverkäufe in Amerika verantwortlich sein. Derzeit liege der Anteil bei 6 Prozent.

          Das Unternehmen ruderte indes wenige Wochen nach Lowes umstrittener Aussage zurück und versicherte, keine persönlichen Daten weiterzugeben. Man nutze die Informationen lediglich dazu, Besuchern ein besseres Kinoerlebnis zu ermöglichen. So wolle man den Abonnenten etwa Partner-Restaurants im Umkreis der Kinos empfehlen und personalisierte Filmempfehlungen aussprechen.

          „Unser Ziel ist es, den Kinobesuch wieder zu beleben“, sagte Lowe. 50 Prozent der Abonnenten seien „Millennials“, also jene Gruppe, die dem Kino besonders abgeschworen haben. Das zeigt: Nicht das Prinzip Kino an sich ist out. Tatsächlich hat ein Kinobesuch vielen Fans zufolge der Netflix-Erfahrung einiges voraus. Man muss zum Beispiel nicht ewig darauf warten, einen neuen Film zu sehen und kann gleich mitreden. Und auch die Atmosphäre eines prall gefüllten – oder romantisch leeren – Kinos hat seinen besonderen Charme. Es bleibt abzuwarten, ob MoviePass ein Geschäftsmodell auf die Beine stellen kann, das sich auch für das Unternehmen selbst bezahlt macht. Bislang profitieren nur die Kinobetreiber und Filmfans. Ob die Aufkündigung des Flatrate-Modells dabei der richtige Schritt war, wird sich zeigen.

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