https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/mit-einer-guillotine-gegen-jeff-bezos-16927206.html

Wohlstand des Amazon-Gründers : Mit einer Guillotine gegen Jeff Bezos

Setzt auf Onlinehandel, Cloud und Weltraum: Amazon-Gründer Jeff Bezos Bild: AFP

200 Milliarden Dollar reich ist Jeff Bezos durch seine Börsenbeteiligung an Amazon. Die Kritik an seinem Wohlstand wächst – nicht nur auf der Straße.

          2 Min.

          Amazon-Gründer Jeff Bezos ist der erfolgreichste Unternehmer aller Zeiten, wenn man den Börsenwert seiner Beteiligungen als Maßstab gelten lässt. Das geht aus dem Bloomberg Billionaires Index hervor, der im Tagesrhythmus unter Berücksichtigung der Börsenentwicklung die Nettovermögen der 500 reichsten Personen dokumentiert. Stand 27. August hatte Bezos’ Nettovermögen den kaum noch begreifbaren Umfang von 200 Milliarden Dollar erreicht.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Nachricht ist nicht spurlos an der Öffentlichkeit vorübergegangen: Eine Gruppe von Datenfreaks, die sich Research Maniacs nennt, stellte folgende schlichte Rechnung an: Wer 100.000 Dollar je Jahr spart, braucht zwei Millionen Jahre, um den Vermögensstand des Unternehmers zu erreichen. Wer statt dessen jeden Tag 10.000 Dollar zurücklegt, braucht für die Wegstrecke dagegen nur 54.795 Jahre.

          Der linke Politiker Robert Reich, Arbeitsminister unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton, sagte, die Vermögensentwicklung zeige, dass der Kapitalismus aus den Fugen geraten sei. Er forderte Bezos auf, mehr für seine Arbeiter zu tun. Gerade in der Pandemie säßen Arme und Reiche in einem Boot. Trotz des gewaltigen Vermögens sehe sich Bezos offenbar nicht in der Lage, Lohnfortzahlung für Kranke zu gewähren, beklagte Reich.

          Der erste Billionär?

          Die Meldung provozierte Proteste vor Bezos’ Haus in Washingtons Edelquartier Kalorama. Ivanka Trump und Jared Kushner wohnen zum Beispiel dort und die Obamas. Bezos hatte dort ein ehemaliges Textilmuseum zu einem gewaltigen Wohnhaus für seine privaten Zwecke umbauen lassen. Die Arbeiten am 40-Millionen-Dollar-Projekt waren im Spätsommer fertiggestellt worden.

          Am Donnerstag stellten Demonstranten vor dem Wohnhaus eine Guillotine auf. Das ist jenes Hinrichtungs-Instrument, das sich während der Französischen Revolution einer gewissen Beliebtheit erfreute, wenn Mitglieder der alten Elite exekutiert werden sollten.

          Strippenzieher dieser Aktion, die von weniger als hundert Demonstranten unterstützt wurde, ist Christian Smalls, ein ehemaliger Amazon-Beschäftigter, der schlechte soziale und gesundheitliche Verhältnisse in Amazons Lagerhäusern anprangern will. Er forderte laut einem über soziale Medien verbreiteten Video vom Protest einen Mindestlohn von 30 Dollar pro Stunde, da doch Bezos 4000 Dollar in der Sekunde verdiene. Nach seinen eigenen Angaben war Smalls dieses Jahr gefeuert worden, weil er Amazons mangelnde Maßnahmen gegen eine Ansteckungsgefahr durch Covid-19 öffentlich kritisiert habe.

          Die Guillotine stand nicht zum ersten Mal vor Bezos’ Anwesen. Schon Ende Juni hat der gleiche Kern der Protestierenden das Hinrichtungsinstrument in den edlen Stadtteil gekarrt, um Bezos’ Geschäftspolitik symbolisch zu geißeln. Später am Donnerstag fand eine Guillotine ihren Weg vors Weiße Haus. Eine Stoffpuppe von Donald Trump wurde mit ihr symbolisch exekutiert. Es ist aber nicht klar, ob es sich um dasselbe Gerät handelte.

          Die wunderbare Vermögensmehrung des Jeff Bezos ist dem großen Aufschwung der Amazon-Aktie zu verdanken. Der Kurs des Wertpapiers kletterte in diesem Jahr allein um 80 Prozent. Es war damit eine der treibenden Kräfte hinter der Entwicklung des S&P-Indexes. Dieser erklomm trotz Rezession und Pandemie kürzlich ein Allzeithoch. Die Zeitung „USA Today“ zitiert aus einem Bericht des Marktforschungsunternehmens Comparisun. Dem zufolge ist Bezos’ Weg zum ersten Billionär der Geschichte vorgezeichnet. Das Unternehmen prophezeit, dass Bezos den Billionärs-Status im Jahr 2026 erklommen haben wird. Die Marktforscher haben für die Berechnung einfach die durchschnittlichen prozentualen Steigerungsraten von Bezos’ Vermögen der vergangenen fünf Jahre fortgeschrieben.

          Es kann allerdings auch ganz anders kommen: Zu den wenigen Themen, in denen es Übereinstimmung in beiden großen Parteien gibt, gehört die Sichtweise, dass die Silicon-Valley-Riesen einschließlich Amazon zu mächtig geworden sind. Zerschlagungsphantasien kursieren. Andererseits reift die Erkenntnis, dass ohne Amazons Lieferdienst die Zeit der verordneten Ausgangssperren wohl noch trüber ausgefallen wäre.

          Weitere Themen

          Ordnungspolitik für morgen

          FAZ Plus Artikel: Soziale Marktwirtschaft : Ordnungspolitik für morgen

          Wirtschaftliche Freiheit braucht Regeln. Die Anforderungen an eine gute Wettbewerbsordnung ändern sich, neue Fragestellungen werfen die Tech-Giganten, der Klimaschutz und geopolitische Konflikte auf. Wo Reformen ansetzen sollten. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Die Sonne geht auf: Blick auf die Commerzbank und den Main in Frankfurt

          Comeback der Commerzbank : Von wegen „alte gelbe Bank“

          Die Rückkehr in den Dax krönt die Sanierung des Kreditinstituts. Es gibt einen Platz für die Commerzbank, wenn sie ihren klaren Fokus behält, mutig ist und die verbleibenden Baustellen abarbeitet.
          Der chinesische Ballon am 4. Februar vor der Küste von South Carolina

          Chinas Ballonfahrt : Das Misstrauen wächst

          Der Vorfall mit dem chinesischen Ballon über Nordamerika wird das Verhältnis zwischen Washington und Peking weiter belasten. Die Folgen können bis nach Europa reichen.
          Vielen zu teuer: Für 49 Euro pro Monat im Nahverkehr in ganz Deutschland nutzen

          Deutschlandticket : Das 49-Euro-Ticket ist vielen wohl zu teuer

          Von Mai an sollen Bürger für einen Festpreis den ganzen Nahverkehr im Lande nutzen können. Doch Forscher erwarten, dass nur eine Minderheit vom Auto in Busse, U- und S-Bahnen umsteigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.