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Zukunft von Tiktok : Opportunist Microsoft

  • -Aktualisiert am

Betreibt Microsoft künftig Tiktok? Bild: Reuters

Der Softwarekonzern hat die große Chance, eine aufstrebendes soziales Netzwerk zu kaufen, das ihm selbst noch fehlt. Doch das Werben um Tiktok ist nicht ohne Risiko.

          3 Min.

          Als der amerikanische Kongress sich in der vergangenen Woche mit der Dominanz großer Technologiekonzerne befasste, fehlte Microsoft. Sein Vorstandsvorsitzender Satya Nadella konnte als Unbeteiligter entspannt mitverfolgen, wie seine Kollegen von Apple, Amazon, Facebook und der Google-Mutterholding Alphabet von Politikern in die Mangel genommen wurden.

          Dass er in dieser komfortablen Position war, dürfte eine maßgebliche Erklärung sein, warum Microsoft jetzt reichlich unvermittelt vor dem Kauf von Tiktok steht. Präsident Donald Trump hat entschieden, die beliebte Smartphone-App wegen ihrer Verbindungen zum chinesischen Mutterkonzern Bytedance in den Vereinigten Staaten zu verbieten. Ein Verkauf an ein amerikanisches Unternehmen scheint ihre einzige Überlebenschance.

          Naheliegende Erwerber wären Betreiber großer Online-Plattformen wie Facebook oder Google. Aber weil sie wegen Sorgen um ihre Marktmacht unter verstärkter Beobachtung stehen, kommen sie nicht in Frage. Und so bot sich auf einmal eine Gelegenheit für Microsoft – ein Unternehmen, das früher selbst Gegenstand spektakulärer Kartellverfahren war, es aber geschafft hat, in der heutigen Wettbewerbsdiskussion weitgehend unter dem Radar zu bleiben, obwohl es ohne Zweifel in einer Liga mit den anderen Branchengiganten spielt.

          Diese Chance bietet sich nicht alle Tage

          Nadella hat beschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen. Die Transaktion ist bei weitem noch nicht unter Dach und Fach, es könnten noch andere Bieter auftauchen. Aber Microsoft hat die besten Karten, Tiktoks Geschäft in Amerika und einigen anderen Märkten zu übernehmen.

          Vermutlich hätte sich Nadella das bis vor kurzem selbst nicht vorstellen können. Doch angesichts des Drucks seitens der amerikanischen Regierung ist er auch was den Preis angeht in einer exzellenten Verhandlungsposition.

          Die Chance, ein aufstrebendes soziales Netzwerk zu kaufen, bietet sich nicht alle Tage. Microsoft weiß das aus Erfahrung. Vor vielen Jahren hatte der Konzern unter Nadellas Vorgänger Steve Ballmer Facebook ein Übernahmeangebot gemacht, ist aber abgeblitzt.

          Seitdem hat sich Microsoft freilich in eine Richtung entwickelt, die das Unternehmen nicht zu einem natürlichen Eigentümer einer vor allem von Teenagern genutzten Smartphone-App macht. Nadella hat Microsoft weg von Endverbrauchern gesteuert und den Schwerpunkt auf Unternehmenssoftware gelegt, insbesondere im wachstumsstarken Markt für „Cloud Computing“. Diese Strategie ging auf und hat geholfen, Kontroversen zu vermeiden.

          Sie war auch insofern sinnvoll, als Microsoft jenseits der Videospielekonsole Xbox in Endverbrauchermärkten viele Enttäuschungen erlebt hat. Produkte floppten, die Übernahme des Handygeschäfts von Nokia wurde zum Debakel. Zuletzt deuteten die Signale darauf hin, dass sich Microsoft noch weiter von Verbrauchern entfernt; im Juni kündigte der Konzern an, fast alle eigenen Geschäfte zu schließen.

          Gerade weil Tiktok Nadella gewissermaßen in den Schoß zu fallen scheint, stellt sich für ihn indessen nicht nur die Frage nach dem „Warum“, sondern auch nach dem „Warum nicht“ dieser Transaktion. Er hat im Moment privilegierten Zugriff auf eine der vielversprechendsten Online-Plattformen der vergangenen Jahre. Sie könnte dem bislang überschaubaren Werbegeschäft von Microsoft einen kräftigen Schub geben und eine Zielgruppe an den Konzern binden, die bislang nicht seine Stärke ist. Zudem gibt es mögliche Synergien, etwa mit dem Xbox-Geschäft.

          Ermutigend für Nadella ist auch, dass er bislang eine gute Bilanz mit Zukäufen hat. Das im Jahr 2016 übernommene Karrierenetzwerk Linkedin hat sich beispielsweise unter dem Dach von Microsoft prächtig entwickelt.

          Schaler Beigeschmack

          Und doch ist es ein gewagtes Manöver. Ob Tiktok seinen steilen Aufstieg fortsetzen kann, muss sich zeigen, zumal Facebook wie schon im Wettbewerb mit anderen Herausforderern versucht, die App mit ähnlichen Funktionen zu kopieren. Microsoft geht zudem ein erhebliches Reputationsrisiko ein.

          Soziale Netzwerke sind ein Minenfeld, der Konzern würde anfällig für Datenaffären, politische Einflussnahme und Kontroversen um Hasskommentare. Schon jetzt zahlt er mit seinem Werben um Tiktok einen politischen Preis, denn er hat sich Trumps Kapriolen ausgeliefert. Er unterwarf sich dem Präsidenten in einer schmeichelnden Mitteilung und musste zusehen, wie der sagte, ein Teil des Kaufpreises für Tiktok müsse an die amerikanische Regierung abgeführt würden.

          Das brächte Trumps Hang zum Interventionismus in eine ganz neue Dimension. Kommt die Übernahme zustande, wird sie einen schalen Beigeschmack haben. Nadella nimmt das offenbar in Kauf.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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