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Twitch : Das nächste Youtube

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Auf Twitch allerdings spielt sich inzwischen das komplette Leben ab – gut wie böse. Der Attentäter von Halle übertrug seine Bluttat live auf Twitch. Fünf Menschen hätten es live gesehen, in der folgenden halben Stunde kamen 2200 weitere hinzu, dann sei es gesperrt worden, so sagt es das Unternehmen. Andererseits feiern während der Corona-Pandemie selbst Schachspieler auf Twitch einen Publikumserfolg: Blitzschnell gespielte Partien ohne langes Nachdenken werden übertragen, Großmeister kommentieren – auch damit erreicht man gelegentlich mehr als 10.000 Zuschauer gleichzeitig.

Die Faszination der Fans ist der eine Teil des Erfolgs – die Begeisterung der Youtuber ist der andere. Die haben es auf Twitch viel einfacher als zuvor. Für ein Youtube-Video brauchen sie normalerweise mehrere Stunden an Arbeit, selbst wenn es hinterher nur 10 oder 15 Minuten dauert. Es muss geplant werden, ein Manuskript ist nötig, anschließend kommt der Schnitt, den man selbst machen oder bezahlen muss. Mit dem Live-Streaming fällt all diese Arbeit weg. Die Webcam geht an, und es geht los.

Live-Streams später auch bei Youtube

Auf ihre Youtube-Präsenz müssen die Streamer trotzdem nicht verzichten. Schon lange ist es üblich, dass Ausschnitte des Live-Streams nachträglich auf Youtube hochgeladen werden. Das erledigen die Youtuber selbst, oder sie lassen das Fans machen, mit denen sie sich die Einnahmen dann teilen. Lazaridis alias „inscope 21“ hat gleich drei davon. So wurden nur im Juli fast 40 Videos mit insgesamt 10 Stunden hochgeladen, in denen verschiedene Ausschnitte aus dem Live-Stream zu sehen sind. Dass schon generierte Inhalte einfach noch mal aufbereitet werden, erspart den Stars viel Arbeit und sorgt dafür, dass sie trotzdem weiterhin auf Youtube sichtbar bleiben.

So kann es passieren, dass der Umstieg aufs Live-Streamen für die Youtuber recht lukrativ wird. Die Stars machen weiterhin Werbeumsätze auf Youtube, schaffen sich aber gleichzeitig einen Finanzstrom von Twitch. Dort gibt es zwei Haupteinnahmequellen: Abonnements und Spenden. Grundsätzlich kann jeder dem Streamer kostenlos zuschauen. Darüber hinaus gibt es aber die Möglichkeit, den Stream zu abonnieren. Das kostet dann zwischen 4,99 und 24,99 Dollar im Monat. Welchen Betrag man wählt, kann man selbst entscheiden. Ein Abonnement verschafft dem Zuschauer mehr Rechte wie eine größere Auswahl an Emojis für den Chat. Die Hälfte des Geldes bleibt bei Twitch, die andere Hälfte geht an den Streamer.

Zuschauer überweisen Trinkgelder

Da kommen schnell Tausende Euro im Monat zusammen. Mitte April verkündete der Youtuber Justin Fuchs, dass er mehr als 6000 Abonnenten habe – macht mindestens 15.000 Dollar im Monat. Marcel Eris alias „Montana Black“ gab im vergangenen Jahr mehr als 35.000 Abonnenten an – das macht jährliche Einkünfte von rund einer Million Euro, selbst wenn alle nur das billigste Abonnement abgeschlossen haben.

Doch das ist nicht alles. Zuschauer können, wenn sie den Inhalt wertschätzen oder auch einfach nur Aufmerksamkeit erzeugen wollen, dem Streamer ein Trinkgeld überweisen. Dieser Betrag wird dann während des Live-Streams mit Name und Grußbotschaft eingeblendet. Das bringt zwar in Summe nicht mehr ganz so viel Geld – aber gelegentlich schon. So guckte der für seinen teuren Lebensstil bekannte Mode-Youtuber Justin Fuchs eines Abends ein Video über den verurteilten Ex-Milliardär Florian Homm und gab dazu im Twitch-Live-Stream seine Kommentare ab. Immer höher werden die Einnahmen, mehr als 1000 Euro kommen zusammen. „Womit habe ich das verdient?“, fragt er sich zweimal, doch bei 1000 Euro ist noch nicht Schluss. Am Ende erzählt er, dass er in einer Stunde und 20 Minuten von 15.000 Zuschauern 3655 Euro erhalten habe. Dann guckt er das Milliardär-Video nicht mehr weiter. Sondern nimmt seine Zuschauer mit auf eine Online-Shoppingtour, bei der er das Geld gleich wieder ausgibt.

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