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Alexander Armbruster (ala.)

Technik-Kommentar : Der deutsche KI-Weg

Die Ausstellung „Kunst und Künstliche Intelligenz“ läuft noch bis zum 19. August im NRW-Forum in Düsseldorf. Bild: William Latham

Deutschland soll der führende Standort für Künstliche Intelligenz werden auf der Welt, strebt unsere Regierung an. Ein großes Ziel – für das sie viel mehr tun muss.

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          Deutschland soll großartig werden in einer Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts: Die Bundesregierung möchte das Land zum führenden Standort für Künstliche Intelligenz (KI) des Planeten machen. So steht es im Eckpunktepapier, das gerade durch das Kabinett gegangen ist und aus dem bis Ende November eine fertige nationale KI-Strategie entstanden sein wird. Gegen ein überaus ambitioniertes Ziel ist zunächst einmal nichts einzuwenden, zumal in einer führenden Volkswirtschaft, die sich seit vielen Jahren erfolgreicher schlägt als die meisten anderen Länder und der sogar der amerikanische Präsident ihre herausragenden Maschinen und Luxusautos neidet – Wettstreit tobt immer um die Spitzenplätze, die hinteren strebt niemand an, sie ergeben sich automatisch.

          Positiv an dem Entwurf ist sicherlich, dass die Regierung damit offiziell anerkennt, welches Potential in diesem Teilbereich der Informatik steckt, der sich derzeit vor allem mit Begriffen wie dem maschinellen Lernen oder sogenannten künstlichen neuronalen Netzen verbindet. Hier geht es nicht um eine spezielle Erfindung wie die Spülmaschine oder den Wasserkocher, sondern um einen technischen Fortschritt, den Fachleute etwa mit der Elektrizität vergleichen.

          Das Internet der Menschen

          Leider leidet der im Anschluss an den Anspruch skizzierte Weg dorthin bislang wesentlich unter drei Dingen: Er ist oft unkonkret, unausgegoren und unsortiert. Beispielsweise soll durch KI der Wohlstand steigen (aha), der „Nutzen für Bürgerinnen und Bürger im Fokus“ stehen (wessen sonst?), IT-Systeme sicher sein (forderte schon mal jemand das Gegenteil?). Die Regierung stellt allgemein mehr Lehrstühle für KI in Aussicht „an ausgewählten Standorten“, eine bessere Ausstattung und höhere Gehälter, um talentierte Wissenschaftler in Deutschland zu halten oder aus dem Ausland anzulocken. Von Zusammenarbeit in Europa und zumal mit Frankreich ist die Rede, von ethischen Leitlinien, „menschenzentrierter KI“ (gibt es eine andere?), mehr Unternehmensgründungen und davon, wissenschaftliche Erkenntnis schneller zu gefragten Produkten zu machen. Wie all dies geschehen könnte, bleibt zu oft nebulös.

          In Panik brauchen die Deutschen nicht zu verfallen, wenn es um KI geht – unser Land hat einiges vorzuweisen. Dennoch drängt die Zeit. Die Internetunternehmen Alibaba, Baidu und Tencent sind die fernöstliche Antwort auf Amazon, Alphabet (Google) und Facebook; übrigens ermöglichte die Führung in Peking dies, indem sie die Dienste der amerikanischen Konzerne schlicht seit Jahren blockiert. Die Platzhirsche an der amerikanischen Westküste können das verschmerzen, nicht zuletzt, weil sie auch so regelmäßig Milliardengewinne melden und derzeit mit Abstand die wertvollsten an der Börse notierten Konzerne der Welt sind.

          Deutschland wiederum muss nicht den amerikanischen oder chinesischen Ansatz nachahmen. So bereitwillig, wie sich die Mehrheit der Chinesen durch ein mächtiges Kreditpunktesystem überwachen lässt, wollen das die Deutschen aus guten Gründen nicht. Dafür gibt es vielversprechende Alternativen, etwa im Gesundheitsbereich. Wenn der Staat hier einen Vertrauen stiftenden und sicheren Rahmen schafft, innerhalb dessen Patienten sensible Daten schnell teilen können, sind eine bessere und günstigere Versorgung leicht denkbar. Ein anderer Bereich mit gewaltigen Chancen ist die Industrie. Die gute Nachricht für die Deutschen lautet: Auf diesem Feld ist der KI-Wettlauf (noch) nicht entschieden, denn tatsächlich präsentieren die erfolgreichen KI-Anwendungen, für die Google und Co. stehen, wesentlich Werbung und Marketing und damit nur einen kleinen Teil der Weltwirtschaft. Das gerade entstehende Internet der Dinge ist viel größer als das Internet der Menschen.

          Natürlich sind zunächst die Unternehmen selbst gefordert. Wenn indes erfolgreiche Mittelständler Hilfe benötigen, um herauszufinden, was mit ihren Daten überhaupt möglich ist, und es eine gute Idee gibt, wie der Staat hier unterstützen kann, wieso nicht? Wenn öffentliche Ressourcen helfen, mehr privates Wagniskapital zu mobilisieren, lohnt sich das womöglich auch. Richard Socher, der Informatik in Leipzig und Saarbrücken studierte und KI-Chefforscher des amerikanischen Unternehmens Salesforce ist, sagte unlängst in der F.A.Z.: „Ich hätte in Deutschland vielleicht den gleichen Doktor machen können wie in Stanford, aber nicht die gleichen Geldgeber gefunden, um ein Unternehmen zu gründen.“

          Hoffentlich ist die im November fertige KI-Strategie der Bundesregierung konkreter und kürzer als die Eckpunkte. Gerne darf weniger von Ethik oder einem breitestmöglichen Diskurs die Rede sein und mehr von gezielten Maßnahmen, die sich schnell verwirklichen lassen. Wenn die Wahl lautet, entweder wenige Forschungszentren mit viel zusätzlichem Geld auszustatten oder viele mit wenig, dann ist Ersteres vorzuziehen – die akademische Konkurrenz ist international. Und wenn der deutsche KI-Plan Lücken lässt, ist das nicht schlimm: So, wie Software nie fehlerfrei auf den Markt kommt, sondern immer durch Rückkoppelung weiterentwickelt wird, kann das auch mit ihrer Strategie geschehen.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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