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Sicherheitsüberprüfung mit KI : Der Computer entscheidet, wem Amerika vertraut

  • -Aktualisiert am

Das Hauptquartier der NSA in Fort Meade, Maryland Bild: Reuters

In einem Pilotprojekt will die größte Streitmacht der Welt Künstliche Intelligenz für ihre Sicherheitsüberprüfungen von Geheimnisträgern nutzen. Das soll die Arbeit der Behörden erleichtern – trifft aber auch auf große Skepsis.

          3 Min.

          Die Vereinigten Staaten sind ein großes Land mit großen Geheimnissen, die von vielen Geheimnisträgern gehütet werden. Doch wer taugt zum Geheimnisträger? Ab Herbst trifft diese Entscheidung in einem Pilotprojekt eine Künstliche Intelligenz (KI). Eine Podiumsdiskussion mit ranghohen Vertretern des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes NSA und weiterer Behörden bei der „Genius Machines“-Konferenz am Donnerstag in Pentagon City brachte dazu erstmals nähere Informationen.

          Sicherheitsüberprüfungen von Geheimnisträgern sollen verhindern, dass es zu Selbstmorden, Amokläufen, oder „Snowden-like-events“ – also Geheimnisverrat – kommt. Bisher werden die meisten Geheimnisträger bloß alle zehn Jahre auf ihre Verlässlichkeit überprüft, jene mit Zugang zu „streng geheim“-eingestuften Informationen alle fünf Jahre. Und selbst dabei fordert die Größe des riesigen amerikanischen Sicherheitsapparats seinen Tribut: Gegenwärtig gibt es einen Rückstau von 1,4 Millionen Personen, die überprüft werden müssen – die Behörde ist völlig überlastet.

          Mit Hilfe von KI soll es künftig möglich sein, jeden Geheimnisträger fortlaufend zu überwachen, um sogenannte „Mikroveränderungen“ im Verhalten zu registrieren. Und nicht bloß das: Ziel ist, nicht nur herauszufinden, wer Verrat begangen hat, sondern auch, wer es vielleicht in Zukunft tun wird.

          „Armselige“ Aufklärungsrate

          Mark Nehmer von dem Defense Security Service, der für die Sicherheitsüberprüfungen zuständig ist, erklärt: „Veränderungen in der Persönlichkeit finden über Zeit statt und entspringen vielen kleinen Ereignissen.“

          Ein Gedankenspiel: Angenommen, ein Geheimnisträger würde beginnen, jede Woche tausende Runden Munition zu kaufen, dessen Ehefrau zudem eine hochverschuldete Iranerin mit familiären Verbindungen zur Revolutionsgarde ist, der darüber hinaus in letzter Zeit häufig Reisen nach China mit Übergepäck unternimmt, einen Hauskredit aufgenommen hat und unter Spielsucht leidet, der in der Abendschule Russisch lernt und sich das 74-seitige Manifest des neuseeländischen Christchurch-Terroristen heruntergeladen hat – vermutlich wären die Behörden auch in der Vergangenheit da schon hellhörig geworden. Zwar ist das nur ein fiktives Beispiel, doch die Aussagen von Nehmer machen stutzig: Die bisherige Aufklärungsrate sei „niedrig, armselig, (…) nicht existent“.

          Umso tragischer erscheint der reale Fall von Aaron Alexis. Trotz einer Geisteskrankheit, die nicht erkannt worden war, hatte der amerikanische Reservist weiterhin die Sicherheitsfreigabe für einen Stützpunkt der Marine besessen. Dort tötete er im Jahr 2013 ein Dutzend Menschen.

          Keine Auskunft

          Das grundlegende Problem für die Geheimdienste ist heute, dass zwar riesige Datenmengen zur Verfügung stehen, es aber nicht genügend Kapazitäten gibt, um sie auszuwerten. Adam Cardinal-Stakenas von der NSA schätzt, es wären wohl „etwa acht Millionen Analysten notwendig, um alle Daten zu analysieren“. An dieser Stelle kommt die KI ins Spiel. 

          Durch die Auswertung des Internetverhaltens und aller anderen verfügbaren Informationen, die nun digital zusammenfließen, soll der Computer den menschlichen Analysten auffällige Muster zeigen, die sie dann weiter einschätzen. Ganz ersetzen kann die KI den Menschen also noch nicht, aber Cardinal-Stakenas prophezeit eine Verschiebung: „Die menschliche Vertrauensbeziehung zwischen Analyst und Vorgesetztem ist immer weniger ausreichend.“ Menschliche Fehler würden immer gefährlicher. Deshalb sei es notwendig, dass auch die Vorgesetzten die Denkprozesse der KI verstehen und nachvollziehen können.

          Die Aktivitäten in den sozialen Medien werden in dem Pilotprojekt noch nicht systematisch überwacht, heißt es zumindest aus dem Pentagon. Doch die Berechtigung dazu ist schon da. Auffallend bei der Podiumsdiskussion war, dass es allen Teilnehmern sichtbar unangenehm schien, über ihre Arbeit in Zusammenhang mit dem Projekt zu sprechen. Oft lautete die Antwort auf eine Frage, dass man darüber keine Auskunft geben könne.

          Schwer nachvollziehbar

          Besteht nicht die Gefahr des Missbrauchs durch die Analysten, die dank der KI mit so viel Kontrolle ausgestattet werden? Nehmer windet sich ein wenig und schiebt dann die Verantwortung weiter: „Ich weiß nicht, wie ich das beantworten soll. Wir geben ihnen Werkzeuge in die Hand. Ich kann bloß darüber sprechen, zu was wir sie befähigen.“ Die Frage nach der Privatsphäre wird noch brisanter, wenn es um zivile Arbeitgeber geht. Schon jetzt wird spekuliert, dass der neue Ansatz des Militärs zur Überprüfung ihrer Mitarbeiter auch die Personalentscheidungen ziviler Unternehmen wesentlich verändern könnte.

          In anderen Bereichen wird KI bereits verwendet, zum Beispiel in der Kreditvergabe. Doch die Entmenschlichung der Entscheidung, ob jemand kreditwürdig ist oder nicht, zeigt eine große Kehrseite: Die Angestellten und die Betroffenen können oft nicht mehr nachvollziehen, wie die Maschine zu ihrer Einschätzung gekommen ist und warum die Künstliche Intelligenz ihnen nicht mehr vertraut.

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