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Fortschritt der Technologie : Wer hat Angst vor der KI?

Der Roboter „Robothespian“ in der Ausstellung „Künstliche Intelligenz und Robotik“ im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn Bild: dpa

Die Deutschen stehen Künstlicher Intelligenz gar nicht so skeptisch gegenüber, wie häufig gedacht. Aber auch hierzulande gibt es große Lücken im Umgang mit der Technik.

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          Als die beiden Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne in einer breit angelegten Studie im Jahr 2013 schrieben, dass Computer und Roboter im Laufe von ein bis zwei Jahrzehnten allein in Amerika knapp die Hälfte aller Jobs übernehmen könnten, sorgte das nicht nur auf der ganzen Welt für Schlagzeilen, sondern auch für viele Fragen, Ängste und Befürchtungen. Kein Wunder: Der Wohlstand Hunderter Millionen Menschen stand auf dem Spiel.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Heute sieht die Lage etwas anders aus. Die Welt bekämpft die Ausbreitung eines fatalen Virus, ringt um wirksame Impfstrategien und den sozialen Zusammenhalt. Internet und Computertechnik halten trotz Kontakt- und Ausgehverboten wichtige Teile von Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen. Die Politik dringt auf die rasche Digitalisierung vieler Lebensbereiche; Unternehmen bringen ihre technische Infrastruktur auf Vordermann; und Wissenschaftler räumen mit ein paar alten Vorurteilen auf.

          So sagten Analysten am World Economic Forum (WEF) schon im Herbst, dass KI-Systeme mehr Jobs schaffen als abschaffen werden. Das Beratungshaus PwC stellte in seinem „Global CEO Survey“ bei einer Befragung von 1300 Vorstandschefs fest, dass in Amerika, Asien und Westeuropa die Hälfte der befragten Unternehmen schon KI im Alltag einsetzt. Die Marktforscher von Gartner hielten fest, dass trotz der derzeitigen Pandemie ein Drittel der relevanten Unternehmen ihre KI-Investitionen hochfahren wolle, um Schritt mit der Entwicklung zu halten.

          Kaum Sorgen um den Job

          Während die Kapitalseite weiter aufrüstet, gibt sich die Seite der Arbeit zumindest hierzulande eher gelassen. So haben einer neuen Untersuchung zufolge in deutschen Unternehmen rund drei Viertel aller Beschäftigten keine oder nur wenige Sorgen, dass der Einsatz von KI ihre Arbeitsplätze auf mittlere Sicht gefährde. Wie es in der „Artificial Intelligence (AI) Trendstudie 2021“ der IUBH-Hochschule in Erfurt heißt, korrigiert dieses Befragungs-Ergebnis die weitverbreitete Vorstellung, dass Deutsche besonders skeptisch gegenüber KI seien.

          Die Autorin der Trendstudie, Ulrich Kerzel und Thomas Zöller, sind Spezialisten für Data Science und Künstliche Intelligenz. „Die große Überraschung ist die positive Einstellung zu KI bei den Mitarbeitern ohne Führungsfunktion“, schreiben sie in einer Mitteilung vor Veröffentlichung der Studie. Offenbar sei in Deutschland die Angst der Beschäftigten vor dem Einsatz dieser Technik im beruflichen Alltag bislang überschätzt worden. Dabei gebe es auch hierzulande durchaus einige Lücken im Umgang mit der Technik.

          Obwohl sich drei Viertel der befragten Manager schon mit KI und deren konkreten Einsatzmöglichkeiten beschäftigten, sei das Wachstumspotenzial dieser Technik noch immer nicht voll erkannt. Nur etwas mehr als 14 Prozent erklärten, bei ihnen werde KI schon verwendet. Auch meinte rund die Hälfte der befragten Führungskräfte, dass ihren Mitarbeitern bislang wichtige Fähigkeiten für den Umgang mit KI fehlten. Nur knapp 18 Prozent sagten, dass sie die notwendigen Kompetenzen im Unternehmen schon vorfänden. Jeder vierte Manager erklärte, dass es unter einem Teil der Mitarbeiter größere bis große Vorbehalte zu KI und deren Anwendungen gebe.

          Die zweite Wirtschaft

          Grundsätzlich hängen Einstellung, Umgang und Einsatz von KI von der Größe des Unternehmens ab: Je größer es ist, desto wahrschein­licher wird es, dass die notwendigen Ressourcen aufgebracht werden können, um KI zu verwenden. Auch die Bereitschaft, in die Weiterbildung der Mitarbeiter zu investieren, steige mit der Unternehmensgröße. Viele der eher besorgten Mitarbeiter arbeiteten in Bereichen wie der Personalabteilung, dem Verkauf oder der Logistik.

          Diese Berufsgruppen hatten schon Frey und Osborne in ihrem mittlerweile vielgelesenen und oft zitierten Aufsatz „The Future of Employment“ von 2013 weit oben in ihrer List der durch KI gefährdeten Berufsgruppen aufgeführt. Ein Jahr später machte der Technikberater Bernard Marr in einem Aufsatz für das WEF darauf aufmerksam, dass schon sehr viele Tätigkeiten komplett von Computern ausgeführt werden oder ausgeführt werden könnten. Der Ökonom Brian Arthur hatte dafür im „McKinsey Quarterly“ schon 2011 den Begriff der „Second Economy“ geprägt.

          Die Kuratorin Judith Spickermann steht in der Ausstellung: „Künstliche Intelligenz und Robotik“ vor einer Skulptur von Muharrem Batman.
          Die Kuratorin Judith Spickermann steht in der Ausstellung: „Künstliche Intelligenz und Robotik“ vor einer Skulptur von Muharrem Batman. : Bild: dpa

          Diese zweite Wirtschaft, eine Art Schattenreich, in dem ausschließlich Maschinen und Computer arbeiten und der Mensch faktisch außen vorsteht, könnte binnen zwanzig Jahren eine Leistungskraft entfalten, die der damaligen „First Economy“ gleichkäme. Das World Economic Forum hat in seinem „Future of Jobs Report 2020“ aber prognostiziert, dass KI bis 2025 zwar weltweit 85 Millionen Jobs komplett ersetzen; aber auch 97 Millionen neue Jobs schaffen werde.

          In Deutschland geht man davon aus, dass schon heute durch die gesamte Digitalisierung der Büros, Fabriken und Betriebe im Jahr rund 3,5 Millionen Menschen den Job wechseln oder wechseln müssen. Statistische Erhebungen, wie groß der Anteil von KI-Systemen an diesen Wechseln ist, gibt es bislang nicht. Klar ist nur: Die Technologie der smarten Algorithmen und klugen Systeme wird am Arbeitsmarkt schon bald für einigen Wirbel sorgen. Darauf sollte man vorbereitet sein.

          „Firmen aller Branchen müssen jetzt mit KI durchstarten, um die langfristigen Potentiale des Technologiewandels nicht zu verpassen“, warnen Kerzel und Zöller von der IUBH. KI werde in einer gar nicht so fernen Zukunft die innersten Kompetenzen vieler Unternehmen prägen. Je mehr diese sich auf externe KI-Dienste verließen, desto mehr Kernprozesse gäben sie aus der Hand – und das sei gefährlich.

          Wenn das Management eines Unternehmens annehme, dass es so Ruhe in seine Betriebe bekäme, sei das ein Trugschluss. Denn es verzögere nur jene wichtigen Entscheidungen, die ohnehin zu treffen sind. „Unternehmen müssen daher die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zum Thema KI energisch vorantreiben“, schreiben Zöller und Kerzel. 

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