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Digitalisierung : Versicherer wollen keine Rechnungen auf Papier mehr

Geeignet oder nicht? Auch die Beratung zu Medikamenten gehört zum digitalen Service von morgen. Bild: mauritius images

Krankenversicherer haben oft mit Kunden zu tun und scheinen wie geschaffen für die Digitalisierung. Bleibt das Gesundheitswesen so bezahlbar – und was ist mit dem Traum von der Patientenakte?

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          Seit Jahren gab es keine Neugründungen in der Versicherungswirtschaft. Jetzt ändert sich das: Ein halbes Dutzend digitale Versicherer wollen in den Wettbewerb um Kundenbeiträge einsteigen. Ihr Ziel ist es, ihre Angebote stärker auf Kunden auszurichten und durch digitale Kommunikation und Arbeitsabläufe schneller zu machen. Nehmen sie Risiken auf ihre Bilanz, können sie eine attraktivere Marge einstreichen als digitale Vermittler.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dennoch hätten die wenigsten vorhergesehen, dass ausgerechnet ein digitaler Krankenversicherer die erste Bafin-Lizenz seit einem Jahrzehnt erwerben würde. Die Sparte hat nicht den besten Ruf: Sie leidet unter dem Niedrigzins und muss Beiträge überdurchschnittlich anpassen. Seit Jahren belasten sie öffentlich diskutierte Reformideen, die bis hin zu einer Abschaffung reichen. Viele Vertriebe haben sich wegen des schwachen Neugeschäfts abgewandt. Der Wettbewerb ist aus systemischen Gründen gering.

          Krankenversicherer wollen digitale Lösungen nutzen

          In einem solchen Umfeld wirkt es provozierend, wenn der neue Akteur, der digitale Versicherer Ottonova, verkündet: „Alle haben zwanzig Jahre lang die Vollversicherung vernachlässigt. Durch uns gibt es einen positiven Schub.“ Er kenne die Reserviertheit der Krankenversicherer gegenüber Innovationen und wisse, in welche Lücke er vorstoßen müsse, sagt Gründer und Vorstandschef Roman Rittweger. Mit digitalen Services will er sein Start-up zur Spinne im Netz der Gesundheitsversorgung machen. Doch aller Anfang ist schwer, die Etablierten sitzen auf großen Beständen und wollen diesen Schatz als Wettbewerbsvorteil nutzen.

          Wie verschlafen sind denn die privaten Krankenversicherer in der Digitalisierung? „Ziel von uns allen muss es sein, die häufig gegebene medizinische Überversorgung von Patienten durch Mehrfachuntersuchungen oder fehlende Informationen beim Arzt in den Griff zu bekommen. Hierfür müssen wir digitale Services nutzen“, sagt Thilo Schumacher, Vorstand für Krankenversicherung der deutschen Axa. „Wir müssen mit Partnern im Gesundheitsmarkt dafür sorgen, das Gesundheitssystem bezahlbar zu halten.“ Eine individuelle Gesundheitsakte müsse das Ziel sein: Würden alle Daten des Patienten gesammelt, würden zum Beispiel viele Röntgenbilder überflüssig. „Selbst wenn nur alle zehn Jahre ein Röntgenbild gespart wird, lohnt sich die Patientenakte schon“, sagt Schumacher. Vor drei Jahren gründete der französische Versicherer das Gemeinschaftsunternehmen Meine Gesundheit mit dem Softwareunternehmen Compu Medical. Seit vergangenem Jahr nutzen die App auch die Versicherer Debeka und Versicherungskammer Bayern.

          Keine Rechnungen auf Papier

          Die Axa wollte die Rechnungsstellung straffen. Früher wurde eine Rechnung beim Arzt erstellt. Aus diesem digitalen Datensatz wurde dann ein Papierdokument, der Kunde beglich die Rechnung und schickte sie an den Versicherer, wo sie eingescannt wurde. „Das ist volkswirtschaftlich überhaupt nicht sinnvoll. Warum wird die Rechnung erst zu Papier gemacht?“, fragt Schumacher. Mit einem digitalen Prozess könne der Versicherer viel schneller auszahlen. Außerdem lasse sich ein hoher Anteil der Belege dunkel, also vollautomatisiert, abrechnen. 60.000 Kunden nutzten die Plattform und deren beschleunigten Service.

          Auch in der Barmenia in Wuppertal wird viel über Dunkelverarbeitung gesprochen. Von den 1,4 Millionen Rechnungen eines Jahres würden 30 Prozent automatisiert bearbeitet, bis zum kommenden Jahr hält Vorstandschef Andreas Eurich 50 Prozent für machbar, langfristig auch mehr. „Wir investieren in regelbasierte Systeme, die Prüfungen der Gebührenordnung für Ärzte machen können und bewerten, ob eine Rechnungsstellung sachgerecht ist“, sagt Eurich. Überdies verspreche er sich viel von Künstlicher Intelligenz, etwa um ärztliche Gutachten auszuwerten. „Da stecken wir noch in den Anfängen“, sagt er.

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