https://www.faz.net/-gqe-a12iv

Unterricht per Video : Verschreckt die Lehrer nicht

Ungewohnte Situation: Die Lehrerin ist über eine Videokonferenz mit den Kindern in Kontakt. Bild: dpa

Nur wenige Lehrer trauen sich, den Unterricht als Videokonferenz zu organisieren. Das ist auch kein Wunder, wenn man manchen Datenschützern so zuhört.

          2 Min.

          In diesen Wochen werden in der Schule wieder allerlei Noten vergeben, nicht nur in den Haupt- und Nebenfächern, auch im „Sozial- oder Arbeitsverhalten“. Das ist ein guter Zeitpunkt, um mal eine ganz andere Kategorie zu bewerten: die Lernstoffvermittlung über Videokonferenzen, eigentlich der natürliche Ersatz zum Präsenzunterricht in Corona-Zeiten. Im Berufsleben hat das leidlich funktioniert, wenn man von einigen Schwächen in der B-Note absieht: Da flog mal der eine, mal der andere aus der Leitung, im Hintergrund latschte der ignorante Nachwuchs durchs Bild, oder einer der Teilnehmer probierte bei den Ausführungen des Kollegen sämtliche Einstellungen seiner Kamera aus.

          Solche Anekdoten hätten Schüler sicherlich auch gerne erzählt. Allein, es hat sie kaum gegeben. Die Schüler, die in Deutschland täglich ihren Schulunterricht wie selbstverständlich zu Hause auf dem Sofa absolvierten, könnte man getrost in ein einziges Fußballstadion lassen, ohne dass die Abstandsregeln verletzt würden. Großer Jubel dürfte dort auch nicht aufkommen. Das ist ein Armutszeugnis.

          Dabei ist auch klar: Die Zurückhaltung der Schulen bei Videokonferenzen hat mehrere Gründe. Zunächst war da die schiere technische Überforderung. Selbst Lehrkräfte, die mittlerweile das Whiteboard elegant in die Schulstunde einbinden können, waren am Anfang überwältigt von der Fülle an Angeboten, die allesamt ihre Tücken hatten. Das muss man erst einmal sortieren. Noch dazu sind nicht alle Kinder mit technischen Mitteln ausgestattet. Doch Fernunterricht nur für den privilegierten Teil der Klasse ist indiskutabel.

          Die Angst vor dem Datenschutz

          Ein weiterer Grund war die Angst vor Datenschutzverstößen. Schon seit geraumer Zeit sorgt die europäische Datenschutzgrundverordnung für Wirbel bei so trivialen Vorgängen wie Einschulungsfeiern und Klassenfahrten. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die Einführung von Videokonferenzen von aufgeregten Diskussionen begleitet wurde. Sehr zu recht: Datenschutz ist eine Materie, mit der sich Anbieter von technischen Hilfsmitteln meist erst dann eingehend beschäftigen, wenn sie müssen. Doch leider ist die Schule nicht der Ort, an dem die Grenzen des Möglichen ungeniert ausgetestet werden dürfen. Die Verantwortung der Schulen ist immens: Sie haben Minderjährige unter ihren Fittichen, die besonders verletzlich sind. Wenn dort Fehler passieren – Zoom-Konferenzen gehackt werden, Daten nach außen dringen –, wiegt das schwerer als Pannen bei einem Webinar zur Weiterbildung des Betriebsrats. Deshalb war es gerade zum Anfang der Pandemie wichtig, dass Datenschützer Diensteanbieter wie Zoom und Microsoft genau unter die Lupe nahmen. Das hat die Dienste verbessert und diente damit letztendlich auch den Unternehmen selbst.

          Die Berliner Datenschutzbeauftragte allerdings ist in ihrem Aktivismus kaum zu bremsen. Schon seit Monaten zieht sie gegen Anbieter mit einer Vehemenz zu Feld, die ihresgleichen sucht. Am Freitag veröffentlichte sie nun die Ergebnisse ihrer Kurzprüfung, die für die Unternehmen verheerend ausfiel: Fast überall nur rote Ampeln, kaum ein Anbieter scheint den strengen Vorgaben zu genügen. Dabei ging es hier vor allem um die „Auftragsverarbeitungsverträge“, die die jeweiligen Verantwortlichen mit den Unternehmen schließen. Nicht ganz unwichtig, aber auch nicht gerade die Kernfrage, die es beim Einsatz von Videokonferenzsystemen zu klären gilt. An die Verantwortlichen in den Schulen wird jedoch einmal mehr die Nachricht gesandt: Finger weg von dieser Technologie.

          Manchem Lehrer mag da noch die Warnung des thüringischen Datenschutzbeauftragten in den Ohren klingen, der bei Verstößen mit Bußgeldern von bis zu 1000 Euro drohte. In einem Land, in dem Lehrer den Vorschuss für eine Schulfahrt aus ihrem privaten Vermögen vorstrecken und für Klassenräume eigenhändig Besen kaufen, ist das der blanke Hohn. Lehrer sollten nicht abgeschreckt, sondern ermutigt werden, Videokonferenzen zu nutzen. Sie könnten noch sehr hilfreich sein. Selbst viele Datenschützer haben dagegen kaum noch tiefgreifende Bedenken.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Lebertransplantation im Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

          Organspenden : Es hakt in den Krankenhäusern

          Nicht nur die Einstellung der Bevölkerung, sondern Engpässe in Krankenhäusern sind der Grund für die geringe Zahl der Organspenden. Die Politik hat daraus Konsequenzen gezogen – aber die wirken bisher kaum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.