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Kolumne „Auf einen Espresso“ : Seltsame Nachrichten

Nicht alles, was auf einem Bildschirm steht, ergibt auch Sinn. Bild: dpa

Mein Umfeld will es so: Nach einer Umschulung zum Lagerarbeiter mit spirituellem Einschlag denke ich darüber nach, eine „freie Frau“ zu werden.

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          Die Künstliche Intelligenz ist noch lange nicht so weit, wie sie sein sollte. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht es weder ein quälendes Gespräch mit einem Chatbot noch die unbrauchbaren Ergebnisse einer Diktat-App. Zuweilen reicht ein Blick in die eigenen digitalen Kanäle. Der Jobvermittler Stepstone etwa hat mir diese Woche eine Stellenanzeige geschickt, die zu mir „passen könnte“. Ich soll Lagerarbeiter werden. Ein ehrenwerter Beruf, zweifellos. Trotzdem rätsele ich seit Tagen, welche Qualifikation ich besitze, die mich fürs Lager befähigt.

          Christoph Schäfer
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Während ich grübele, ist mein Facebook-Account schon weiter. Die berühmte Facebook-KI, die Werbung doch angeblich zielgruppengenau ausspielt, schlägt mir vor, Mitglied in der Gruppe der „Spirituellen Singles“ zu werden. Eine ehrenwerte Gruppe, zweifellos. Allerdings ist jemand, der seit 14 Jahren glücklich verheiratet ist, mit seiner Frau drei Kinder und drei Bausparverträge hat, vom Single-Leben recht weit weg. Und selbst wenn ich Single wäre, würde ich vor „spirituellen Singles“ Reißaus nehmen. Nichts für ungut, vielleicht steht KI ja nicht für Künstliche Intelligenz, sondern für KEINE Intelligenz.

          Zugegeben: Die Treffgenauigkeit der menschlichen Intelligenz ist bisweilen auch nicht höher. Frau Burger, eine PR-Frau aus Frankreich, schickte mir diese Woche eine Mail. Allerdings keine schnöde Nachricht. Laut Betreffzeile erhielt ich „eine Botschaft der Freude, des Lebens und der Freiheit für alle Frauen und Männer!“. Weiter heißt es in der Botschaft der Freude: „Wir sind alle freie Frauen, auch die Männer, aber das vergessen wir!“ Tatsächlich hatte ich mich als heterosexuelles Wesen mit einem X- und einem Y-Chromosom (vulgo: alter weißer Mann) bislang keinen Tag meines Lebens als „freie Frau“ gefühlt. Nach meiner Umschulung zum Lagerarbeiter mit spirituellem Einschlag denke ich aber darüber nach.

          „Bereit, für uns zu kämpfen!“

          Ganz nach dem Schrotflinten-Prinzip (irgendeine Kugel wird schon treffen) arbeiten derweil die Marketing-Abteilungen dieser Welt. Mein Spam-Ordner quillt über mit sämtlichen Angeboten, die eine ausdifferenzierte Industriegesellschaft produziert. An­geboten wird mir ein Treppenlift (ich bin 41 Jahre), eine Krebsversicherung, ein Hörgerät, eine Hämorrhoidensalbe – und Gott sei Dank auch ganz unverdächtige Dinge wie Druckerpatronen, Lotto-Lose und ein iPhone. Natürlich ist E-Mail-Marketing be­liebt, um mit potentiellen Kunden in Kontakt zu kommen. Allerdings scheint die Sache außer Kontrolle zu geraten. Von den 319 Milliarden Mails, die derzeit weltweit pro Tag verschickt werden, gehören Schätzungen zufolge 57 Prozent zum unerwünschten Spam. Auch darüber lohnt es, einmal nachzugrübeln.

          Zu den seltsamen, wenn auch lustigen Nachrichten dieser Woche zählt ein Inserat von Greenpeace. Die Umweltschützer suchen eine „Klimakanzler:in“. Die Stelle ist vorerst auf vier Jahre befristet, Hauptarbeitsplatz ist Berlin. Kernaufgabe: „Sie bringen Deutschland mit ambitionierten Sofortmaßnahmen auf 1,5-Grad-Kurs.“ Zum gewünschten Profil gehört unter anderem eine „ausgezeichnete Resistenz gegenüber Lobbyist:innen mit zukunftsfeindlichen Interessen“. Von wegen, Ökos hätten keinen Humor!

          Eine weitere seltsame SMS ist derweil vom Fußballtrainer meines Sohnes gekommen. Er schreibt: „Wir haben in den nächsten zwei Wochen sehr starke Gegner, und ich meine das ernst! Der erste hat seinen letzten Widersacher 14:1 zerstört.“ Nun gelte es, „Gas zu geben, um ein anständiges Ergebnis zu erreichen“. Aktive Teilnahme am Training sei Pflicht, denn er werde „zum Spiel nur Kinder mitnehmen, die bereit sind, für uns zu kämpfen!“. Vielleicht nimmt der Trainer unseres Achtjährigen (!) die Sache ein bisschen zu ernst. Als Einpeitscher eines kapitalistischen Betriebs (vulgo: Motivationstrainer) aber wäre er zweifellos zu gebrauchen. Um es mit Lothar Matthäus zu sagen: „Wir dürfen jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken.“

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