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Jugendschutz im Netz : Verbraucherschützer attackieren Tiktok

Die Videoplattform Tiktok bekommt viel Gegenwind. Bild: AFP

Kinder lieben die Kurzvideo-App Tiktok, doch Eltern und Verbraucherschützer sehen sie mit Argwohn. Jetzt muss die Europäische Kommission beurteilen, ob der Jugendschutz zu kurz kommt.

          3 Min.

          Die unter Kindern und Jugendlichen beliebte Kurzvideo-App Tiktok hat europäische Verbraucherschützer auf den Plan gerufen. Der europäische Verbraucherverband Beuc reichte am Dienstag eine Beschwerde bei der EU-Kommisson und dem Netzwerk europäischer Verbraucherbehörden ein. „Kinder lieben Tiktok, aber das Unternehmen versagt darin, sie zu schützen“, sagte Beuc-Generaldirektorin Monique Goyens.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Flankiert wurde die Beschwerde durch eine konzertierte Aktion von den Verbraucherschutzorganisationen in 15 EU-Staaten, die sich zusätzlich an die jeweiligen nationalen Behörden wandten. Auch der deutsche Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) ist daran beteiligt. In den vergangenen drei Jahren ist er schon mehrfach gegen Tiktok und den Vorgänger Musically vorgegangen und prüft nun abermals eine Abmahnung.

          Anlass für die aktuelle Beschwerde sind Vorwürfe, dass die Plattform Kinder und Jugendliche nicht ausreichend vor versteckter Werbung und potentiell schädlichen Inhalten schütze. Auch sei das Vorgehen bei der Verarbeitung persönlicher Daten irreführend. Mehrere Klauseln der Nutzungsbedingungen seien zudem unfair, so habe Tiktok das unwiderrufliche Recht, die Videos der Kreativen ohne eine Bezahlung weiter zu nutzen und zu verbreiten. Ins Visier der europäischen Verbraucherschützer ist außerdem die Möglichkeit geraten, dass Nutzer ihren Idolen virtuelle Geschenke zukommen lassen können, bei denen Kosten anfallen. Auch hierbei habe Tiktok weite Gestaltungsmöglichkeiten. Man erwarte, dass die Behörden die Praktiken von Tiktok umfassend untersuchten und dagegen vorgingen, forderte Beuc.

          Kinder vor einem Millionenpublikum

          Die aktuelle Beschwerde ist ein weiterer Schritt in dem weltweiten Bemühen, die App stärker zu regulieren. In den Fokus der öffentlichen Diskussion ist sie auch deshalb geraten, weil sie besonders unter jungen Menschen sehr beliebt ist. Viele Nutzer sind jünger als das von Tiktok selbst vorgegebene Mindestalter von 13 Jahren. Die Kinder nutzen die App dazu, eigene, kurze Videos zu produzieren und dann hochzuladen. Wenn dies geschieht, sind sie gleich für ein Millionenpublikum zugänglich, sofern das entsprechende Nutzerkonto öffentlich ist. Außerdem ist Tiktok für viele die einzige Informationsquelle und öffnet ähnlich wie die Internetplattformen Youtube, Facebook und Twitter das Tor für Falschinformationen und Verschwörungsmythen.

          In den Fokus kamen jüngst auch sogenannte „Challenges“, bei denen sich Nutzer gegenseitig Aufgaben stellen. Das tun allerdings auch Unternehmen, deshalb geraten diese „Challenges“ zu Werbemaßnahmen für Produkte, wie Beuc kritisiert. In jüngster Vergangenheit nährten diese Aufgaben zudem den Verdacht, dass diese nicht nur den Gemeinschaftssinn stärken sollen, sondern im schlimmsten Fall auch tragische Unfälle verursachen können. In Italien sorgte der Tod einer Zehnjährigen für Bestürzung. Dabei wurde die Vermutung geäußert, das Kind habe an einer Mutprobe teilgenommen, bei der sich Nutzer dabei filmen, wie sie sich bis zur Bewusstlosigkeit strangulieren. Inzwischen mehren sich die Zweifel, dass dies wirklich so war, die polizeilichen Untersuchungen laufen noch.

          Ärger in Amerika 

          Auch datenschutzrechtlichen Vorwürfen muss sich Tiktok immer wieder stellen, nicht zuletzt weil es dem chinesischen Konzern Bytedance gehört. Der frühere amerikanische Präsident Donald Trump fürchtete, die Daten amerikanischer Nutzer könnten an die chinesische Regierung weitergegeben werden. Deshalb forcierte er im vergangenen Jahr den Verkauf von Tiktok an die amerikanischen Unternehmen Oracle und Walmart. Nach dem Machtwechsel im Weißen Haus liegt diese Zwangsallianz allerdings auf Eis. Tiktok konterte diese Vorwürfe mit dem Hinweis, die Daten der Nutzer würden auf Servern außerhalb Chinas gelagert.

          Auch angesichts der neuerlichen Vorwürfe beteuerte Tiktok, man nehme die Sicherheit insbesondere der jüngeren Nutzer sowie die Einhaltung von Gesetzen sehr ernst. „Wir arbeiten jeden Tag hart daran, unsere Community zu schützen“, sagte eine Sprecherin. Sie verwies darauf, dass in den vergangenen Monaten schon alle Konten von Nutzern unter 16 Jahren standardmäßig auf „privat“ gesetzt worden seien. Außerdem könnten die jüngeren Nutzer nur sehr eingeschränkt Videos hochladen, lediglich ein ausgewählter Personenkreise dürfe ihre Inhalte kommentieren. Dem europäischen Verbraucherverband Beuc bot das Unternehmen ein Treffen an, um die Bedenken zu diskutieren.

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