https://www.faz.net/-gqe-a7swi

Industriepolitik : Raus aus der Chipfalle

Ein pizzagroßer Silizium-Wafer für die Herstellung von Computerchips im Infineon-Werk in Dresden Bild: Foto Infineon

Chips sind heißbegehrt – so heiß, dass Amerika und China sie als Waffen in einem geopolitischen Handelskrieg einsetzen. Europa hat nichts zu melden.

          2 Min.

          Der Engpass an Chips in der Autoindustrie muss ein Weckruf für die Forschungs- und Industriepolitik Europas sein. Denn aus dem momentanen Mangel an Halbleitern auf der Angebotsseite könnte rasch ein strategischer Nachteil für die hiesige Wirtschaft werden. Diese Ansichten äußern führende Branchenfachleute: „Wir brauchen wieder eine leistungsfähige Mikroelektronik“, sagt Christoph Kutter, Direkter der Fraunhofer-Einrichtung für Mikrosysteme und Mitglied des Präsidiums des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE), in einer Videokonferenz. Die EU müsse hier endlich Gas geben.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit Infineon, ST-Microelectronics und NXP sind nach wie vor einige sehr erfolgreiche Konzerne auf dem alten Kontinent beheimatet. Der weltweit zweitgrößte Auftragsfertiger Globalfoundries hat sein größtes Werk in Dresden stehen. Auch hat Europa in Unternehmen wie der niederländischen ASML- oder der deutschen Zeiss-Gruppe recht potente Zulieferer. Doch die hiesigen Verbünde und Ökosysteme in der Mikroelektronik kommen an die der Konkurrenz in Übersee nicht heran. Während selbst im Krisenjahr 2020 in Asien und Amerika die Chip-Verkäufe gestiegen sind, gehen sie in Europa deutlich zurück.

          Kein normaler Markt

          Da mag auf den ersten Blick Corona eine Rolle spielen, ein hinreichender Grund aber ist die Pandemie für den Rückgang nicht. Denn schon 2019 kam Europa mit 40 Milliarden Dollar auf weniger als zehn Prozent der weltweiten Halbleiter-Nachfrage. Auf der Angebotsseite sieht es noch schlechter aus. Europa kam bei der Fertigung der wichtigen 300-Millimeter-Wafer-Chips schon 2014 auf kaum noch zwei Prozent der Weltproduktion. Es hat keinen eigenen Hersteller von Steuer- und Grafikprozessoren.

          Die Pandemie und ihre Folgen aber zeigten, wie abhängig man heute von moderner IT und ihren kleinsten Bausteinen sei, den Chips und Sensoren, betonte Hans Schotten, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für KI und Vorsitzender der Informationstechnologischen Gesellschaft im VDE. In China stehe Hochtechnologie ganz oben auf der Agenda, in Amerika gebe es seit Jahren den Hang zur technologischen Hegemonie. Europa dagegen sehe Branchen wie die Chipindustrie stets unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten.

          Montage einer Lithografie-Maschine von ASML zur Herstellung von Chips.
          Montage einer Lithografie-Maschine von ASML zur Herstellung von Chips. : Bild: Reuters

          „Sicherlich ist der Markt die Lösung“, sagt Schotten. Doch in einer Branche, deren Markt so von staatlichen Subventionen verzerrt sei, ziehe man da den Kürzeren. Von China und Amerika werde Hightech nicht erst seit der Corona-Pandemie als politisches Instrument eingesetzt, sagt Kutter. Angesichts dieser Spannungen brauche Europa einen Plan, um die Versorgung der hiesigen Industrie etwa mit Chips abzusichern. Und hier sei Brüssel gefordert.

          Was aber ist nun zu tun? „Wir haben große Stärken in der Forschung“, sagt Christian Schäffer, Professor am Lehrstuhl Hochfrequenztechnik an der Helmut-Schmidt-Universität. „Aber unser Problem ist, die Forschungsresultate in wirtschaftliche Ergebnisse umzusetzen.“ In China forciert das die Regierung, in Amerika milliardenschwere Risikokapitalgeber und staatliche Institutionen.

          Was nun zu tun ist

          In einem jetzt vorgelegten Positionspapier des VDE namens „Hidden Electronics II“ heißt es, es gebe zwar keinen europäischen Hersteller von Steuer- und Grafikprozessoren mehr. Doch Europa könne verlangen, dass zumindest Teile der „in Europa verbrauchten Chips auch in Europa gefertigt werden“. Zudem müsse die Forschungspolitik langfristiger als bisher angelegt sein: „In drei Jahren lassen sich evolutionäre Verbesserungen erreichen, für disruptive Innovationen ist ein Horizont von mindestens zehn Jahren notwendig.“

          Darüber hinaus bräuchten die Bildungssysteme mehr Geld und mehr Ressourcen. Und viertens gelte: „Der Staat soll nicht zum Unternehmer werden. Es geht vielmehr darum, dass im Hochtechnologiebereich staatliches Handeln für eine Marktwirtschaft extrem nützlich sein kann.“ Amerika und China haben gerade in der Förderpolitik ihrer heimischen High-Tech-Branchen nützliche Lektionen zu lehren. Das sollte bei Neubewertungen der Forschungs- und Industriepolitik zwischen Brüssel und Berlin im Zentrum stehen. Dann kommt Europa auch wieder raus aus der Chipfalle, in die es sich selbst hinein manöviert hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Kleinstadt Wohlen im Kanton Aargau am 20. Februar 2021

          SVP gegen Corona-Regeln : Die Schweiz, eine Diktatur?

          Die SVP gehört der Schweizer Regierung an. Das hindert die Führung der größten Partei des Landes nicht daran, es wegen der Corona-Politik als Diktatur zu bezeichnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.