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Deutscher Musikmarkt wächst : „Musik ist unter jeden Umständen ein gefragtes Gut“

Harry Styles ist mit seinem Album „Harry’s House“ seit 10 Wochen in den deutschen Charts vorne mit dabei. Bild: AFP

Der deutsche Markt für Musikaufnahmen ist im ersten Halbjahr um 5,5 Prozent gewachsen. Deutlich schwächer als noch in 2021, aber nicht nur der Europa-Chef von Universal Music zeigt sich zufrieden.

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          Der deutsche Markt für Musikaufnahmen hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,5 Prozent zugelegt. Der Umsatz von 967 Millionen Euro sei ein „stabiles Wachstum und zeigt, wir sind weiterhin auf Kurs, obwohl das Wachstum nach dem coronabedingt besonders starken Ergebnis im Vorjahr etwas schwächer ausfällt“, sagte Florian Drücke, der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), der F.A.Z.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mitte des vergangenen Jahres hatte noch ein deutliches Plus von 12,4 Prozent für die ersten sechs Monate des Jahres zu Buche gestanden. Auch vor der Pandemie in 2019 war das Halbjahresergebnis mit 7,9 Prozent etwas besser ausgefallen als in diesem Jahr. Frank Briegmann, Europa-Chef des Marktführers Universal Music, verwies zur Vorlage der Zahlen auf das im Zuge des Ukrainekrieges und dessen Folgen auf das schwierigere Umfeld: „Der deutsche Musikmarkt zeigt sich auch in wirtschaftlich und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten weiterhin stabil“. Die Bilanz zeige: „Musik ist unter jeden Umständen ein gefragtes Gut“.

          Auf ein krisenbedingt mögliches Abschwächen des Wachstums hatte zuletzt die Nummer drei der Branche, Warner Music. im Zuge der Vorlage der Quartalszahlen hingewiesen und etwa die schwächere Entwicklung des Werbemarktes angeführt. Zwar sind die Einnahmen über die Abogelder von Spotify und Co der deutlich wichtigere Part, werbefinanzierte Angebote spielen aber ebenfalls keine unbedeutende Rolle und sind zuletzt deutlich gewachsen. Auch Spotify hat für das abgelaufene Quartal ein Plus von 31 Prozent für das noch vergleichsweise kleine Werbegeschäft vermeldet. Der Umsatz des Streamingmarktführers überstieg insgesamt mit einem Plus von 23 Prozent auf 2,86 Milliarden Euro die Prognose, aber auch Spotify verweist wenig verwunderlich auf potentielle Risiken ob der unsicheren ökonomischen Lage.

          Plus für Streaming und Vinyl, Minus für CD

          Das Audio-Streaming ist und bleibt der Wachstumstreiber für die Branche – global wie in Deutschland. Zum Halbjahr stieg der Anteil am Gesamtumsatz um 9,1 Prozent auf nunmehr 73,3 Prozent. Zusammen mit den kleinen Posten Downloads oder Video-Streaming stammen in Deutschland so nunmehr 80,2 Prozent der Umsätze aus dem Digitalen. Auch im physischen Bereich setzten sich die bestehenden Trends fort. Die CD verliert weiter an Boden und kommt auf einen Anteil von 12,8 Prozent. Mit 6,5 Prozent hat sich das Minus im Vergleich zu 2021 (16,4 Prozent) aber verlangsamt. Die gewöhnlich deutlich teureren Schallplatten gewinnen weiter hinzu und kommen mit einem Plus von 12,3 Prozent auf 6,2 Prozent des Halbjahresergebnisses.

          Die Streamingdienste – ob Spotify, Youtube Music, die Anbieter von Apple und Amazon oder Deezer – schütten grundsätzlich jeweils rund zwei Drittel ihrer Einnahmen an die verschiedenen Rechteinhaber in der Musikindustrie aus. Der deutlich größere Teil fällt auf die Rechte an der Aufnahme ab. Was letztlich bei Interpreten und Songwritern ankommt, ist maßgeblich abhängig von den individuellen Verträgen mit Label, Verlag oder Vertrieb. Angesichts großen und weiterhin wachsenden Bedeutung des Streaming wird über die Verteilung der Einnahmen wie auch über die Abrechnung der Dienste rege diskutiert. Als Alternative zum gegenwärtigen Abrechnungssystem, in dem die Gelder nach dem jeweiligen Marktanteil der Werke verteilt werden, wird etwa ein nutzerzentriertes System ins Spiel gebracht. In diesem würden die Gelder eines Nutzers nur noch unter den von ihm gehörten Werken verteilt.

          Verfassungsbeschwerde gegen Urheberrechtsreform

          Während die Debatte etwa in Großbritannien längst auch auf politischer Ebene angekommen ist, ist es in Deutschland bislang im Vergleich deutlich ruhiger. 500.000 Euro will die Ampelkoalition nun für eine Studie zum Musik-Streaming zur Verfügung stellen. Diese Untersuchung mache „sicher Sinn, um die Debatte auf Basis von Fakten zu versachlichen“, so BVMI-Chef Drücke. „Aber für einen fundierten und faktenorientierten Blick auf das komplexe Streamingbusiness muss sichergestellt werden, dass die gewählte Methodik keinen Bias hat und auch die diversen Beteiligten entsprechend beteiligt und gehört werden“. Bislang seien keine Details bekannt, der BVMI stehe für einen Austausch aber natürlich bereit.

          Mit Blick auf die Koalition beklagt er generell fehlendes Engagement für die Branche: „Ein wirkliches Interesse an der Musikwirtschaft und der Kreativwirtschaft hat sich in der aktuellen Regierungskoalition über den Text des Koalitionsvertrages hinaus leider bislang noch nicht manifestiert“, sagte Drücke. Im ersten Halbjahr ist zudem die angekündigte Verfassungsbeschwerde gegen die Urheberrechtsreform eingereicht worden. „Dies in der Überzeugung, dass die uns betreffende 15-Sekundenregel und der zusätzliche Vergütungsanspruch gegen deutsches Verfassungsrecht und gegen europäisches Recht verstoßen und dass insofern eine gerichtliche Klärung angezeigt ist.“

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