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Projekt „Dragonfly“ : Der Google-Chef erklärt, warum China so wichtig ist

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Sundar Pichai erklärt, wieso Google nach China muss. Bild: EPA

Eine zensierte Suchmaschine? Bislang hielt sich Sundar Pichai eher bedeckt, wenn er sich zu den Plänen für den größten Internetmarkt der Welt äußerte. Nun ändert er offenbar seine Strategie.

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          Die Frage ist hoch brisant, gerade auch politisch: Kehrt der amerikanische Internetkonzern Alphabet nach China zurück? Und wenn ja, wie und wann? Spekulationen darüber hat es in den vergangenen Monaten viele gegeben – nachdem der Onlinedienst „The Intercept“ im August aufdeckte, dass innerhalb des Konzerns Mitarbeiter an einem Projekt namens „Dragonfly“ tüfteln. Darunter falle auch eine Suchmaschine, die sich an die Rahmenbedingungen im Reich der Mitte anpasse, hieß es schon damals, und das bedeutete: Ein Angebot, dass den Zensurregeln der chinesischen Führung folgt.

          Bislang hatte die Unternehmens-Führung öffentlich versucht, zu beruhigen und die Idee kleinzureden. Der Google-Vorstandsvorsitzende Sundar Pichai sagte beispielsweise, so ein Produkt stehe nicht unmittelbar vor der Einführung auf dem chinesischen Markt. Jetzt ist der Tech-Manager hingegen in die Offensive gegangen. Sehr vielversprechend seien die Tests mit einer auf China zugeschnittenen Suchmaschine, sagte Pichai auf der Jubiläumskonferenz des Technik-Portals Wired.

          „Wundervoller, innovativer Markt“

          „Es stellt sich heraus, dass wir fähig wären, 99 Prozent der Anfragen zu bedienen“, die Nutzer haben, erläuterte er. Zudem gebe es „viele Bereiche, in denen wir Informationen besser bereitstellen könnten als das, was verfügbar ist“. Damit hat Pichai nicht nur erstmals glasklar öffentlich eingestanden, dass es dieses Projekt gibt, sondern auch, dass es sicherlich mehr ist als ein bloßes Gedankenspiel. „Wir wollten lernen, wie das aussehen würde, wenn Google in China wäre, deshalb haben wir das intern konstruiert.“

          Zum Beispiel sei Googles Suchmaschinenangebot besser darin, Krebstherapien zu empfehlen. „Heute bekommen die Menschen entweder falsche Behandlungen oder sie bekommen tatsächlich nützliche Informationen.“ Das könnte ein Seitenhieb auf den chinesischen Suchmaschinenanbieter Baidu sein, der deswegen vor zwei Jahren in die Schlagzeilen geraten war.

          Anstatt das Ziel zu relativieren, auf den chinesischen Markt zurückzukehren, bekräftigte Pichai, warum das für das Unternehmen wichtig sei und zu seiner Kernmission gehöre. „Wir sind verpflichtet durch unseren Auftrag, jedem Informationen bereitzustellen und (China) steht für 20 Prozent der Weltbevölkerung.“ Er bezeichnete die Volksrepublik als „wundervollen, innovativen Markt“ – „gegeben wie wichtig dieser Markt ist und wie viele Nutzer es dort gibt, fühlen wir uns verpflichtet, hart über dieses Problem nachzudenken und eine langfristige Perspektive einzunehmen“.

          Tatsächlich ist China der größte Internetmarkt der Welt gemessen an der Nutzerzahl. Mehr als 800 der 1,3 Milliarden Chinesen sind im Internet. Außerdem nutzen die meisten von ihnen die Angebote viel intensiver als Menschen in den westlichen Industrieländern, etwa, wenn es um das mobile Bezahlen geht.

          Google bot schon einmal eine Suchmaschine in China an, im Jahr 2006. Nachdem es dem Unternehmen, das sich gerne freiheitliche Werte auf die Fahnen schreibt, im Jahr 2010 zu viel wurde mit der Zensur, zog es sich vom chinesischen Festland indes zurück. Seitdem sind Google, der E-Mail-Dienst Gmail, Google Maps und viele andere Produkte in China nicht ohne weiteres abrufbar. Googles Marktanteil an Internetsuchen sank von einst fast 40 Prozent auf nahezu null. Aktiv ist Google in China gleichwohl – durch einige Unternehmenszukäufe und nicht zuletzt durch einen Forschungsstandort für Künstliche Intelligenz.

          Damit zu rechnen, dass Google zeitnah ein neues Suchmaschinenangebot in China macht, ist aber wohl trotz der nun offensiven Rhetorik des Vorstandsvorsitzenden nicht. Das Projekt befindet sich weiterhin in einer „frühen Phase“, sagte Pichai.

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