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Gesichtserkennungs-Software : Jeder kann gefunden werden

Polizei und Zoll haben in Deutschland der Bundesregierung zufolge Zugriff auf 5,8 Millionen Gesichtsbilder. Das System des Bundeskriminalamtes kann Gesichter mit denen von 3,6 Millionen Straftätern vergleichen. Bundesinnenminister Horst Seehofer wollte die automatische Gesichtserkennung zudem im Januar in das Polizeigesetz aufnehmen, zog die Pläne aber nach einiger Kritik zurück.  

Was Gesichtserkennung inzwischen alles leisten kann, ist auch durch die weite Verbreitung in China oder wegen der Berichte über das Start-up Clearview AI klar, das ein ganz ähnliches Angebot wie Pimeyes hat, nur angeblich auch Bilder von Facebook oder Youtube verwendet. Auch die Datenbank von Clearview AI wird oder wurde von vielen Strafverfolgungsbehörden verwendet, um Verdächtige zu identifizieren. Inzwischen sieht sich das Unternehmen einigen privatrechtlichen Klagen gegenüber, auch amerikanische Strafverfolgungsbehörden haben Clearview AI im Visier.

Das chinesische Überwachungssystem greift auf hunderte Millionen Kameras zurück. Millionen Gesichter werden erfasst, gesuchte Personen können per Mausklick gefunden werden. Selbst Emotionen sollen so analysiert werden können.

Muss der Gesetzgeber tätig werden?

Einige Digitalpolitiker nehmen die neuerlichen Berichte zum Anlass, neue regulatorische Maßnahmen zu fordern. So bezeichnet Tankred Schipanski, digitalpolitischer Sprecher der Union im Bundestag, das Pimeyes-Angebot gegenüber netzpolitik.org als „unhaltbar“. Und kündigt neue Gesetze an: „Wenn (eine Regulierung) auf Ebene der EU zeitnah nicht gelingen sollte, müssen wir hier als nationaler Gesetzgeber tätig werden.“

„Hochgefährlich“ findet Anke Domscheit-Berg, netzpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, die Pimeyes-Datenbank. Sie warnt vor den Möglichkeiten, Frauen zu identifizieren, auch wenn diese sich anonym im öffentlichen Raum bewegen wollten. Diese könnten belästigt werden. „Wenn diese App keine Rechtsgrundlage hat, wie sie die DSGVO vorschreibt, müssen daher entsprechende Sanktionen verhängt und eine Verbreitung der App schnellstmöglich unterbunden werden“, sagte sie in Richtung des Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber. Dieser will sich nun an seine polnischen Kollegen wenden.

Auch amerikanische Tech-Konzerne nutzen Gesichtserkennungs-Technologie, sind in letzter Zeit aber verstärkt auf Distanz gegangen, auch aus Reputationsgründen. IBM will die Software aus Sorge, sie könnte für Überwachung, rassistische Diskriminierung oder Menschenrechtsverletzungen genutzt werden, ganz zurückziehen. Amazon teilte im Juni mit, man wolle seine Software der Polizei ein Jahr lang nicht zur Verfügung stellen. Organisationen, die etwa nach vermissten Kindern suchen, die Opfer von Menschenhändlern geworden sein könnten, dürften die Software „Rekognition“ aber weiter nutzen. 

Die Politik solle sich in der Zeit Gedanken über die Regulierung der Technologie machen, fordert Amazon und schließt sich damit einer Forderung von Microsoft an. Das Unternehmen bietet ebenfalls Gesichtserkennungs-Software an. Google scheute dagegen davor zurück, es zählte die Technologie schon vor einem Jahrzehnt zu denen, die der Konzern aufgrund von ethischen Erwägungen, sozialer Verantwortung und Gründen der Sicherheit nicht bauen werde.

Auch Facebook betreibt mit Deepface ein Gesichtserkennungssystem, Apple hat im Jahre 2016 das Start-up Emotient übernommen, das eine Software betreibt, die angeblich minimale Gefühlsregungen im Gesicht deuten kann. Angeblich hat Disney damit schon analysiert, wie Menschen auf seine Filme reagieren.

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