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Freiwilligenapp Letsact : Tinder für das Ehrenamt

Die Letsact-Gründer Paul Bäumler (l.) und Ludwig Petersen Bild: Letsact

Plattformen gibt es für alles: Ferienwohnungen und One-Night-Stands. Nur wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, ist oft noch im analogen Zeitalter unterwegs. Zwei Gründer wollen das ändern.

          4 Min.

          Wer schnell eine neue Liebschaft will, hat dafür eine App. Wer schnell ein Taxi braucht, hat dafür eine App. Wer schnell eine Ferienwohnung buchen möchte, hat dafür eine App. Wer sich schnell ehrenamtlich engagieren möchte – hat dafür keine App.

          Gustav Theile
          Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.

          „Das hat uns wirklich krass aufgeregt“, erzählt Paul Bäumler und meint sich und seinen Schulfreund Ludwig Petersen. Das war im September 2017. Im Februar 2018 gründeten sie Letsact – lasst uns handeln. Eine Art Dating-App für Freiwillige und Vereine. Auch hier heißt die erfolgreiche Vermittlung „Match“, nur ist das Ergebnis eben kein Date oder ein amouröses Abenteuer, sondern soziales Engagement.

          „Das Ehrenamt cooler machen“

          Auf der App finden sich unterschiedliche Angebote: Ein Verein sucht nach Freiwilligen für den Donnerstagnachmittag. Wer vier Stunden Zeit hat, kann Bedürftigen helfen, Fahrräder zu reparieren. Ein anderer sucht nach ehrenamtlichen Deutschlehrern. 3000 Freiwillige hätten sie schon vermittelt, sagt Petersen. Begonnen haben sie mit einem Pilotversuch mit 500 Freiwilligen in München. Gerade läuft die Expansion: Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart, Düsseldorf, Frankfurt.

          „Wir wollen das Ehrenamt cooler machen, neu positionieren“, sagt Bäumler. Unter seiner „Peergroup“ fänden das viele eher uncool. Man hört raus: Er hat mal Betriebswirtschaft studiert, in St. Gallen in der Schweiz. Die Universität dort wirbt auf ihrer Website mit einer „ganzheitlichen Sichtweise“. Sie wolle den Studierenden ein Verständnis geben vom „ethischen Umfeld des Wirtschaftens“. Drei Semester war er dort, bevor Letsact seine Arbeit wurde. 20 Jahre ist er alt. Seine Haare trägt er nach links geworfen im Seitenscheitel. Sie sind terrakottafarben wie seine Hornbrille.

          Die Letsact-App
          Die Letsact-App : Bild: Letsact

          Petersen ist ein Jahr jünger, einen halben Kopf kleiner als Bäumler, hat dunkelbraune Haare und Augen. Er wirkt erstmal fast schüchtern, fängt er an zu reden, wird er sehr bestimmt. Er war in München ein Semester lang in Mathematik eingeschrieben, hat genau wie Bäumler aber abgebrochen.

          Der Freiwilligensektor im digitalen Zeitalter

          Petersen rattert die Zahlen runter: „44 Prozent der Deutschen engagieren sich. 33 Prozent wollen sich engagieren, sehen aber nicht die richtigen Möglichkeiten.“ 600.000 Non-Profits gebe es, Organisationen also, die nicht gewinnorientiert sind: Vereine und andere zivilgesellschaftliche Gruppen. Und die hätten Probleme, Freiwillige zu finden, würden viel Zeit in die Suche investieren. Genauso gehe es den Freiwilligen selbst: Man müsse so viel machen, um sich zu engagieren. Er redet sich in Rage über die „schlechte Kommunikation über Email und Whatsapp“, zu zersplittert sei das. „Wenn man sich engagieren möchte, sollte dem nichts entgegenstehen“, findet Petersen. Deshalb würden sie den Freiwilligensektor ins digitale Zeitalter bringen wollen.

          Sie wären ja schon immer ehrenamtlich engagiert gewesen, berichtet Bäumler. Doch viele ihrer Freunde nicht. „Es liegt nicht wirklich daran, dass die Leute keine Lust darauf haben. Die meisten wissen einfach nicht, was für coole Sachen man machen kann.“ Deshalb müsse man den Zugang möglichst leicht machen.

          Es ist das gleiche Prinzip wie bei allen anderen Online-Plattformen: Das Match so einfach wie möglich machen. Airbnb und Couchsurfing bringen Touristen und Einheimische zusammen, auf Linkedin finden Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander, auf Uber Fahrer und Fahrgäste.

          Corporate Volunteering

          Im Gegensatz zu diesen Modellen lässt sich mit Freiwilligen jedoch nur schwierig Geld verdienen. Es ist ja gerade das Wesen des Ehrenamts, dass es nicht vergütet ist. Deshalb haben sich Bäumler und Petersen eine andere Lösung ausgedacht. „Wir entwickeln auch eine Plattform für Corporate Volunteering“, sagt Bäumler. Die könnten Unternehmen einsetzen, um ihre Mitarbeiter auf soziale Projekte aufmerksam zu machen. Sie führten schon Gespräche mit größeren Partnern. Petersen ergänzt, dass es Unternehmen häufig schwer falle, ihren Angestellten zu vermitteln, in welchen sozialen Projekten sie sich engagieren könnten. Petersen fügt an: „Es gibt ja einen riesigen Trend dazu, dass Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.“

          Viele dieser Plattformen haben vor allem in ihrer Anfangszeit mit einer Herausforderungen zu kämpfen: der Sicherheit der Nutzer. Fährt man mit Uber, verletzt man die eiserne Regel, nicht in das Auto Fremder zu steigen. Auf Couchsurfing kommt es immer wieder zu Fällen sexueller Belästigung. Und auf Airbnb sind viele Mieter und Vermieter chronisch unzuverlässig. Häufig ist das Wachstum die Lösung: Die Leute schreiben Bewertungen und warnen vor Übeltätern.

          Keine radikalen Gruppen

          Petersen und Bäumler wissen, dass auch Letsact davon betroffen sein könnte. Wenn Freiwillige Kinder unterrichten, dürfen die Kinder nicht in Gefahr geraten. Deshalb haben sie für heikle Aufgaben eine eigene Funktion eingerichtet: Vereine können von den Freiwilligen eine Bewerbung verlangen – mit Lebenslauf und polizeilichem Führungszeugnis. Ebenso würden sie auch die Organisationen unter die Lupe nehmen, erzählt Petersen. Jede Organisation müsse eine Ansprechpartner haben und gemeinnützig sein. So würden sie auch verhindern, dass radikale Gruppen die Plattform nutzen.

          Einen Investor haben sie bisher, erzählt Bäumler. Purple Orange Ventures, ein Fonds aus Berlin, der eigenen Angaben zufolge Unternehmensgründer unterstützt, die die „dringendsten Probleme der Welt lösen“ wollen. Wie viel sie bekommen haben, verraten sie nicht. Sie machen nur Andeutungen: Ein hoher fünfstelliger, eher ein sechsstelliger Betrag dürfte es sein.

          Petersen erzählt, am Anfang hätten sie ihr eigenes Geld zusammengekratzt. Auch jetzt klingt das Lebensmodell prekär. Ein Gehalt springt für Bäumler und Petersen noch nicht heraus. Mit ihnen habe das Team sechs Vollzeitkräfte. Dazu kämen zwei Werkstudenten und eine Handvoll internationale Freiwillige, sagt Bäumler. Manchmal würden sie aber auch Freelancer beschäftigen, wenn sie Sachen nicht selbst machen wollen.

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          Es ist eine Wette auf die nächste große Sache. Viele Gründer fangen unter ähnlichen Umständen an. Bäumler sagt, mehr als 80 Stunden arbeite er in jedem Fall. Petersen meint, es seien im Durchschnitt schon eher 90. Einen Tag in der Woche würden sie sich aber freinehmen wollen. Das gelänge aber nicht immer. Manchmal habe er schon kleinere Zweifel. Aber wenn er sich dann den gesellschaftlichen Einfluss vor Augen führe, dann sei die Motivation wieder da.

          Dieser gesellschaftliche Einfluss sei es auch, der ihre Eltern überzeugt habe. „Natürlich hätten die erstmal den risikolosen Weg bevorzugt“, erzählt Petersen. Bäumler meint: „Wir hätten ja auch ein Kasino gründen können oder so einen Schwachsinn.“

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