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Wettbewerbsfähiges Deutschland : Souveränität ist kein Geschenk

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Gerade in der Krise ist für Deutschland wichtig, die langfristige Tech-Herausforderung nicht zu vergessen. Bild: dpa

Wir müssen mit einer technologieorientierten Industriepolitik die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Wirtschaft steigern. Denn durch die Corona-Pandemie droht auch mittelfristig große Gefahr. Ein Gastbeitrag.

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          Der bedeutendste Rohstoff Deutschlands war und ist der Erfindergeist seiner Menschen. Die Lösungen und Innovationen, die hierzulande entwickelt werden, tragen wesentlich zu unserem Wohlstand bei und sind ein Exportschlager mit spürbaren Auswirkungen auf die globalen Wertschöpfungsketten. Das war so. Und das wird auch noch so sein, wenn wir die Herausforderungen der aktuellen Pandemie bewältigt haben.

          Doch aktuell stellen uns das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) und die dadurch ausgelöste Krankheit (Covid-19) vor enorme Herausforderungen: Drastische Einschnitte in unser aller Alltag sind vonnöten, um Leben und Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Dieser notwendige Schutz und diese wichtigen Einschränkungen führen auch dazu, dass das wirtschaftliche Leben in weiten Teilen zum Erliegen kommt.

          Bund, Länder und Kommunen haben in beispielloser Geschwindigkeit Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Zur Stabilisierung der Wirtschaft hat die Bundesregierung Hilfsmaßnahmen in nie dagewesenem Ausmaß mobilisiert.

          Doch auch wenn diese Maßnahmen greifen, bleiben erhebliche wirtschaftliche Risiken für die Bundesrepublik Deutschland und die Zukunftsfähigkeit der deutschen Unternehmen bestehen. In der Herzkammer der deutschen Industrie, dem Automobil- und Maschinenbau sowie der Chemieindustrie, brechen Zulieferer und Absatzmärkte weg. Unternehmen im Mittelstand erhalten weniger Aufträge.

          Reimund Neugebauer ist seit dem Jahr 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, die mittlerweile 28.500 Mitarbeiter hat.

          Um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten, aktivieren Firmen Reserven oder verschulden sich. Dies wird in den kommenden Jahren Liquidität binden, die für Innovationsprojekte fehlt. Mittelfristig führt dies zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsposition deutscher Unternehmen. Dies gilt gerade gegenüber Staaten in Asien, mit denen Deutschland schon hart im Wettbewerb steht: China, Taiwan oder Südkorea konnten die Hochphase der Krise früher überwinden. Sie besitzen einen zeitlichen Vorsprung beim „Hochfahren“ der Wirtschaft.

          Zudem sind wir nicht durchweg in der Lage – das hat die Krise schmerzlich gezeigt –, uns mit existenziell wichtigen Gütern zu versorgen: Die Produktion von Antibiotika, Schmerzmitteln oder Zytostatika, aber auch von Schutzmasken, wurde zum großen Teil ausgelagert. Nicht, weil dies hierzulande technisch nicht machbar wäre, sondern aus Kostenerwägungen. Auch die digitalen Lebensadern des Landes beherrschen wir nicht vollends selbst: Wenn es beispielsweise um den neuen Mobilfunkstandard 5G geht, existieren vielfältige Abhängigkeiten, denen wir adäquat begegnen müssen.

          Es ist daher von zentraler Bedeutung, mit einer technologieorientierten Industriepolitik die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der Wirtschaft in Deutschland und Europa zu steigern. Hierfür bieten sich verschiedene kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen an.

          In Krisen souverän entscheiden können

          Der konjunkturpolitische „Neustart“ der deutschen Wirtschaft muss in erster Linie eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit fördern, die gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit essenziell stärkt. Hier zu nennen sind die Förderung der Sektorkopplung und nachhaltiger Mobilitäts-Systeme, die Elektromobilität, die Markteinführung von Wasserstoff-Technologien und Kohlenstoffkreisläufen für eine nachhaltige Industrieproduktion, der überfällige Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland sowie – unabdingbar – die Etablierung einer echten Datensouveränität. Das Ziel ist nicht die Autarkie, sondern in Krisensituationen die souveräne Entscheidungsfreiheit zu sichern.

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