https://www.faz.net/-gqe-a9gov

Rechenzentren unter Feuer : Flammen wüten beim größten Cloud-Anbieter Europas

Löscharbeiten am Rechenzentrum am Mittwoch. Bild: Reuters

Beim größten Cloud-Anbieter Europas ist ein Feuer ausgebrochen. Viele Kunden haben Daten verloren und den Ausfall ihrer Websites zu beklagen.

          2 Min.

          Vier Rechenzentren hat der französische Cloud-Anbieter OVHcloud in Straßburg am Rheinufer angesiedelt. Sie beherbergen nicht weniger als 100.000 Server für verschiedenste Unternehmen, Behörden und sonstige Einrichtungen. In der Nacht zum Mittwoch ging kurz nach Mitternacht ein großer Teil der Rechenzentren aus noch ungeklärten Gründen in Flammen auf.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Eines der Datenzentren wurde ganz zerstört, ein anderes etwa zur Hälfte, die übrigen beiden mussten aus Sicherheitsgründen heruntergefahren werden. Verschiedene Fotos in den sozialen Medien zeigten, wie in der Nacht hohe Flammen und viel Rauch von der Anlage am Rhein aufstiegen. Erst am frühen Morgen hatten die mehr als hundert eingesetzten Feuerwehrleute den Brand unter Kontrolle. Menschen kamen nicht zu Schaden.

          Der Unfall ist aber eine Katastrophe für das französische Unternehmen, das sich mit seinen 30 Datenzentren weltweit als größter Cloud-Anbieter Europas und als einer der wichtigsten Akteure der Welt sieht. Gerade Anfang der Woche hatte OVHcloud Pläne für einen Börsengang bekanntgegeben, bei dem das Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet werden sollte. Diese Pläne dürften jetzt zurückgestellt werden. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende, Octave Klaba, begab sich unverzüglich zum Unfallort und gab die neuesten Erkenntnisse per Twitter weiter.

          Nicht alle Kunden haben Sicherheitsnetze

          Neben dem vollständig zerstörten Rechenzentrum konnten auch die anderen drei Zentren am Mittwoch nicht wieder hochgefahren werden. OVHcloud rief seine Kunden auf, Notfallpläne für die eigenen Daten und Websites in Gang zu setzen. Dabei werden verschiedene Dienstleistungen auf andere Datenzentren umgeleitet.

          Doch offenbar verfügen nicht alle Kunden aus Kostengründen über solche Sicherheitsnetze mit Kopien der Daten. OVHcloud macht verschiedene Angebote, deren Preise mit dem Sicherheitsniveau steigen. Die französische Gerichtsvollzieher-Kanzlei Leroi & Associés berichtete am Mittwoch, ihre E-Mails verloren zu haben. Der Computerspiel-Anbieter Facepunch meldete den Verlust vieler Daten für sein wichtigstes Spiel namens Rust; alle Server in der Europäischen Union seien „vollständig verloren“, hieß es. Weil OVHcloud in Frankreich absoluter Marktführer beim Beherbergen von Websites ist, sind am Mittwoch auch zahlreiche Internetauftritte zumindest zeitweise ausgefallen – von der Regierungsseite data.gouv.fr, die auch wichtige Informationen zur Coronavirus-Krise aufbereitet, über die Websites vieler Kommunen bis zum Online-Angebot des Centre Pompidou oder des Versicherers Maif.

          Das völlig zerstörte Datenzentrum in Straßburg hat fünf Etagen und ist 500 Quadratmeter groß. Es wurde 2012 eingeweiht und bietet Platz für 12.000 Server. Dort nahm das Feuer seinen Anfang. Dieses Datenzentrum beherbergt auch das strategisch wichtige OVH-Angebot „Hosted Private Cloud“, das sich vor allem an große Unternehmenskunden wendet.

          Den Großteil der Website-Beherbergung erledigt OVH für den französischen Markt zwar von seinem Stammsitz im nordfranzösischen Roubaix aus, wie eine Sprecherin berichtete. Doch von Straßburg aus werden viele Applikationen gesteuert. In welchem Umfang Daten unwiderruflich verlorengingen, konnte OVH am Mittwoch noch nicht sagen, doch Experten gehen von erheblichem Schaden aus. Die OVH-Sprecherin versprach völlige Transparenz bei der Aufklärung und der Schadensbemessung.

          Am Nachmittag gab Unternehmenschef Klaba über Twitter bekannt, dass zwei der betroffenen Rechenzentren am Montag, 15. März, wieder starten sollen und das dritte am darauffolgenden Freitag. Die Kunden könnten ihre Daten kostenlos auf anderen OVH-Servern speichern. Zudem wolle das Unternehmen in den nächsten drei bis vier Wochen 10.000 neue Server zur Verfügung stellen.

          OVH ist 1999 in Roubaix gegründet worden und gilt als eine französische Erfolgsgeschichte. Mehr als 2200 Mitarbeiter sorgen für einen Umsatz, der sich 2019 auf rund 600 Millionen Euro belief und heute deutlich höher liegen dürfte. Auf seiner Website berichtet das Unternehmen von 1,5 Millionen Kunden. Die Familie Klaba ist Mehrheitseigentümer, neben Octave Klaba arbeiten weitere Familienmitglieder an führender Stelle mit. Auch an der europäischen Cloud-Initiative Gaia-X ist OVH beteiligt. Im vergangenen November kündigte das Unternehmen zudem eine Kooperation mit Google an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin beobachtet im September 2019 eine Militärübung.

          Ukraine-Konflikt : Was will Putin wirklich?

          Mit seinem Truppenaufmarsch befördert Russland, was es angeblich verhindern will: dass die NATO ihre Ostflanke verstärkt und der Westen Waffen an die Ukraine liefert.
          Am Tatort: Spurensicherung

          Amoklauf in Heidelberg : Im Hörsaal getötet

          Ein Student dringt mit mehreren Waffen in einen Hörsaal ein, und eröffnet das Feuer. Eine Frau stirbt nach einem Kopfschuss. Hinter dem Angriff soll eine Beziehungstat stecken.
          Hauptsache dagegen: Mehr als Zweitausend Impfgegner, Coronaleugner und Querdenker demonstrieren in der Innenstadt von Frankfurt am Main gegen die Corona-Maßnahmen.

          Corona-Proteste : Wo bleibt der Widerspruch?

          Seit Wochen bestimmen die Aufmärsche der „Querdenker“ die Bilder und Nachrichten. Dabei kann die große Mehrheit mit der Radikalopposition der Bewegung nichts anfangen. Warum sind die Besonnenen und Vernünftigen im Moment so still?