https://www.faz.net/-gqe-a2roy

Facebook klagt über Apple : Verteilungskampf der Tech-Riesen

Facebook und Apple liegen im Clinch. Bild: AFP

Apple bringt Facebook und die Werbebranche gegen sich auf. Der Vorwurf: Ein iPhone-Update hilft Apple im Geschäft mit App-Werbung.

          3 Min.

          Die Verteilungskämpfe zwischen Amerikas Tech-Konzernen spitzen sich zu und werden immer stärker öffentlich ausgetragen. Zum Streit um Apples Anteil an den App-Store-Einnahmen, in dem sich Microsoft und Facebook hinter den Spiele-Entwickler Epic Games stellten, kommen nun immer lautere Warnungen vor einem geplanten iPhone-Update, das die Geschäfte mit App-Werbung stark verändern und Apple einen entscheidenden Vorteil verschaffen könnte.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das neue Betriebssystem iOS 14 soll laut Apple im Herbst dieses Jahres ausgerollt werden. In der neuen Version wird Apple von den App-Betreibern verlangen, von den Nutzern in Zukunft eine Zustimmung einzuholen, dass sie mithilfe eines Werbe-Trackers namens IDFA nachverfolgt werden. Der „Identifier for Advertisers“ wird jedem Gerät zufällig zugewiesen und sammelt Daten über Interessen und das Verhalten des Nutzers, nicht aber persönliche Informationen. Diese Daten nutzt die Online-Werbebranche, um zielgenau solche Werbung auszuspielen, die den Nutzer besonders interessiert. Bisher hätten Nutzer dieses Tracking aktiv abschalten müssen, jetzt müssen sie zustimmen. Wenn Nutzer eine App neu öffnen, wird ein Fenster angezeigt, in dem sie der Nachverfolgung per IDFA zustimmen müssen. Apple plant dabei offenbar sogar, den Text für diese Fenster vorzugeben. Üblicherweise willigt nur ein kleiner Teil der Nutzer in die Nachverfolgung ein.

          Die Hälfte der Werbeeinnahmen in Gefahr

          Um wie viel Geld es in dem Streit insgesamt geht, ist schwer einzuschätzen: Analysen gehen von etwa 80 Milliarden Dollar aus, die allein dieses Jahr in Kampagnen gesteckt würden, die Nutzer dazu bringen sollen, Apps zu installieren. Die Werbung auf mobilen Geräten macht dem Branchenverband IAB zufolge 70 Prozent des Umsatzes der Onlinewerbung aus, Desktop-Werbung kommt nur noch auf 30 Prozent.

          Facebook hat nun in einem Blog-Beitrag vor den Folgen der neuen Zustimmungspflicht gewarnt. Denn diese dürfte einen Geschäftsbereich des Social-Media-Konzerns namens Audience Network empfindlich treffen – und Tausende App-Anbieter gleich mit. Mit dem Dienst können Werbekampagnen, die auf Facebook oder Instagram geschaltet werden, auf andere Apps ausgeweitet werden.

          Nach Darstellung von Facebook sehen mehr als 1 Milliarde Menschen einmal im Monat eine solche Werbeanzeige, jede dritte der 500 beliebtesten Apps im Google Play Store in Amerika nutze diesen Dienst. Wie viel Geld das Unternehmen damit macht, ist nicht bekannt – es dürfte aber bald deutlich weniger werden. Facebook geht davon aus, dass die Werbeeinnahmen der App-Betreiber um mindestens 50 Prozent sinken werden. Doch Facebook geht noch weiter: „Apples Updates können das Audience Network auf iOS 14 so ineffektiv machen, dass es möglicherweise keinen Sinn mehr ergibt, das auf iOS 14 anzubieten.“

          „Apples Initiative wirft Wettbewerbsfragen auf“

          Für Sprengstoff sorgt dabei, dass Apple sein eigenes Werbenetzwerk von diesen neuen Anforderungen ausnimmt. Demnach ist die Zustimmung zu Apples Werbenetzwerk voreingestellt. Die Argumentation des Unternehmens: Andere teilten die Daten mit Dritten, Apple selbst nutze diese jedoch nur selbst. Das könnten andere Anbieter genauso handhaben. Auf die Kritik durch Facebook will Apple auf Anfrage der F.A.Z. nicht eingehen. Stattdessen verweist ein Sprecher auf „weiterentwickelte Datenschutzfunktionen“, ein Argument, mit dem sich der Konzern schon lange von der Konkurrenz abheben will, der viele allzu leichtfertigen Umgang mit Nutzerdaten vorwerfen.

          Apple könnte sich mit dem Schritt einen deutlichen Vorteil verschaffen: Durch die zusätzlichen Informationen, die das Apple-Netzwerk dem Bericht zufolge sammeln darf, werden die einzelnen Werbeplätze wertvoller. Für App-Betreiber würde das Apple-Netzwerk attraktiver werden.

          „Apples Initiative wirft Wettbewerbsfragen auf“, kritisierten denn auch Branchenverbände aus dem In- und Ausland in einem Brandbrief an den Apple-Chef Tim Cook Anfang Juli. „Apples Werbedienste wie Apple Search Ads im App Store werden ihren Wettbewerbsvorteil ausbauen.“ In der EU würden viele Apps aufgrund der Datenschutzgrundverordnung schon Programme einsetzen, um die Einwilligungen einzuholen. Ihre Sorge: Die Apps könnten die gleiche Einwilligung bald mehrmals erfragen. Sie fordern in dem Brief deshalb von Apple, enger mit anderen Unternehmen der Branche zusammenzuarbeiten und vor der Einführung von iOS 14 zu untersuchen, wie stark die Änderungen des Betriebssystems den Rest der Branche trifft.

          Zudem solle Apple es Apps ermöglichen, den Text des angezeigten Fensters zu verändern. Sonst könnten sie nicht erklären, welchen Wert die Nachverfolgung habe, nämlich dass Dienste auf diese Weise Geld verdienten, die der Nutzer kostenlos verwende. Apple scheint kaum eine der Forderungen umgesetzt zu haben. Ein Gesprächstermin sei zwar in Aussicht gestellt worden, schreibt ein Sprecher des beteiligten Bundesverbandes Digitale Wirtschaft in einer E-Mail. „Noch ist aber kein Termin angesetzt, der zuständige Apple-Kollege ist offenbar noch im Urlaub.“

          Der aktuelle Streit zeigt dabei eindrücklich, wie das Geschäft mit IDs mit immer härteren Bandagen geführt wird. Die Werbebranche arbeitet aktuell an der Ablösung der Cookies – die in Browsern eine ähnliche Funktion haben wie der IDFA in Apps und aktuell viele Nutzer nerven, weil auf vielen Websites Cookie-Banner das Surfen unterbrechen. Auch da hatten die Betreiber der Plattformen die geplanten Änderungen erzwungen: Die Browser von Mozilla und Apple haben Cookies von Dritten auf Webseiten schon gesperrt, Google zieht gerade nach.

          Weitere Themen

          Die oberen 0,38 Prozent

          „Atlas der digitalen Welt“ : Die oberen 0,38 Prozent

          Wer befürchtet, dass Facebook, Google, Amazon und Co. zu mächtig geworden sind im Internet, weiß dank der Zahlen aus dem neuen „Atlas der digitalen Welt“ nun: Es ist noch viel schlimmer.

          Amerika kündigt Verbot von Tiktok und Wechat an

          Streit mit China : Amerika kündigt Verbot von Tiktok und Wechat an

          Die amerikanische Regierung will ihre Drohung wahr machen und Tiktok und Wechat verbieten. Damit platzt sie mitten in die Verhandlungen um eine Übernahme von Tiktok. Ist das Verhandlungstaktik? Und wie reagiert China?

          Topmeldungen

          „Das war in höchstem Maß frauenverachtend gegenüber meiner Kollegin und mit den Idealen der Stiftung absolut unvereinbar“: CSU-Staatsministerin Dorothee Bär über den Beitrag in „Tichys Einblick“

          Dorothee Bär über Sexismus : „Bei Tichy hat der verbale Ausfall System“

          Wegen Sexismus im Blatt des Stiftungsvorsitzenden Roland Tichy hat sich CSU-Staatsministerin Dorothee Bär aus der Ludwig-Ehrhard-Stiftung zurückgezogen. Ein Interview über alltägliche Frauenverachtung – und ihre Erwartungen an die Männer.
          Der Sarg der verstorbenen Supreme Court Richterin Ruth Bader Ginsburg vor dem Gerichtsgebäude

          Supreme Court : Keine Frage von Waffen und Abtreibungen

          Die bevorstehende konservative Dominanz am Supreme Court wird von liberalen Beobachtern vor allem mit Blick auf das Waffen- und Abtreibungsrecht gefürchtet. Dabei dürfte sie auf anderen Feldern schwerer wiegen.
          Vorstandschef, Großaktionär: Mathias Döpfner.

          Döpfner als Springer-Boss : Der neue Axel Cäsar

          Was sieht Friede Springer in Mathias Döpfner? Warum schenkt sie ihm Aktien im Wert von einer Milliarde Euro? Die Antwort ist ganz einfach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.