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Facebook : Zuckerberg wittert Verschwörung

Mark Zuckerberg spricht bei einer Anhörung. Bild: Reuters

Der Facebook-Chef verteidigt sein Unternehmen. Whistleblowerin Frances Haugen wirft Facebook vor dem britischen Parlament einen „Tanz mit Daten“ vor. Derweil leidet der Konzern unter neuen Datenregeln von Apple.

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          Nach einer Serie von Enthüllungsberichten hat Facebook-Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg sein Unternehmen mit Vehemenz verteidigt. In einer Telefonkonferenz nach der Vorlage von Quartalszahlen sprach er am Montag von einer „koordinierten Anstrengung“, ein „falsches Bild“ von Facebook zu zeichnen. Wenige Stunden vorher war die frühere Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen, die Quelle für diese Berichte war und interne Dokumente ans Licht brachte, vor einem Ausschuss des britischen Parlaments aufgetreten und hat abermals eine strengere Regulierung des Internetgiganten gefordert.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Diesen Turbulenzen sieht sich Facebook inmitten einer Abschwächung seines Geschäfts gegenüber, wie aus dem Quartalsbericht hervorging. Der Konzern meldete für die vergangenen drei Monate einen niedrigeren Umsatz als erwartet und zeigte sich auch mit Blick auf den Rest des Jahres vorsichtig. Er machte „erhebliche Unsicherheit“ rund um neue Datenregeln von Apple für seine zurückhaltende Prognose mitverantwortlich.

          Die neuen Apple-Richtlinien behindern das Sammeln von Nutzerdaten, die für das Werbegeschäft relevant sind. Geschäftsführerin Sheryl Sandberg sagte, damit sei es schwerer, Werbung auf einzelne Nutzer abzustimmen und den Erfolg von Werbekampagnen zu messen. Vor wenigen Tagen hatte schon Snap, der Mutterkonzern von Snapchat, Apples veränderte Konditionen für schwächer als erwartete Zahlen verantwortlich gemacht, insofern kamen die Nachrichten von Facebook nicht ganz überraschend. Der Aktienkurs notierte nachbörslich zunächst sogar leicht im Plus

          Haugen nimmt die Politik in die Pflicht

          Insgesamt meldete der Konzern für das dritte Quartal ein Umsatzwachstum um 35 Prozent auf 29,0 Milliarden Dollar, Analysten hatten im Schnitt mit 29,6 Milliarden Dollar gerechnet. Im zweiten Quartal hatte das Wachstum noch bei 56 Prozent gelegen, danach hatte Facebook schon vor einer Abschwächung im Rest des Jahres gewarnt. Für das Schlussquartal stellt das Unternehmen nur noch ein Umsatzplus zwischen 12 und 21 Prozent in Aussicht. Neben Apples neuen Regeln führte Facebook auch makroökonomische und pandemiebedingte Faktoren als Erschwernisse für sein Geschäft an.

          Seinen Nettogewinn steigerte Facebook im vergangenen Quartal um 17 Prozent auf 9,2 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie von 3,22 Dollar war etwas höher als von Analysten erwartet.

          Die Geschäftsergebnisse kamen wenige Stunden nach der Anhörung mit Haugen in London. Die Whistleblowerin war vor einigen Wochen schon vor dem amerikanischen Kongress aufgetreten. Sie sagt, Facebook seien die Risiken seiner Plattformen wohl bewusst, aber das Unternehmen tue nur wenig dagegen. In den vergangenen Tagen gab es eine Reihe weiterer Medienberichte auf Basis von internen Facebook-Dokumenten, die Haugen an die Öffentlichkeit gebracht hat. Unter anderem ging es darin um die Verbreitung von Falschinformationen rund um die US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr und den Sturm aufs Kapitol am 6. Januar, außerdem um die Folgen von Hasskommentaren auf Facebook in Indien.

          Vor dem britischen Parlament sagte sie zu ihrer Forderung nach einer strengeren Regulierung: „Wenn sich die Anreize nicht ändern, wird sich Facebook nicht ändern.“ Weiter sagte sie, die von Facebook oft genannten Statistiken dazu, wie viele schädliche Inhalte von seinen Plattformen entfernt würden, spiegelten nicht die Wirklichkeit wider. Das Unternehmen sei „sehr gut im Tanzen mit Daten“. Haugen spielte auch auf Facebooks jüngste Ankündigung an, 10.000 Stellen in Europa zu schaffen, um die Strategie von Zuckerberg rund um die Entwicklung eines sogenannten „Metaverse“ voranzutreiben.

          Der Facebook-Chef meint damit eine Art virtuellen Raum und beschreibt ihn als „die nächste Generation des Internets“. Haugen suggerierte jetzt, Facebook sollte diese Stellen lieber darauf verwenden, seine Dienste sicherer zu machen. Dagegen sagte Zuckerberg am Montag, jede „ehrliche Darstellung“ von Facebook müsse in Betracht ziehen, dass das Unternehmen gewaltige Fortschritte gemacht habe. Kein anderes Unternehmen in der Branche bekämpfe schädliche Inhalte so „effektiv“ wie Facebook.

          Namensänderung noch in dieser Woche?

          Inmitten all der Kontroversen denkt Facebook offenbar über eine symbolträchtige Veränderung nach. Medienberichten zufolge will das Unternehmen in dieser Woche verkünden, seinen Namen zu ändern. Facebooks namensgebender Stammdienst wäre dann nur noch eines von vielen Produkten.

          Zu einer möglichen Umbenennung wurde am Montag noch nichts gesagt. Das Unternehmen teilte aber mit, es wolle seine Finanzberichterstattung ändern. Künftig wolle es Ergebnisse für zwei Geschäftssäulen separat voneinander ausweisen: Zum einen soll das die „Familie von Apps“ sein, wozu Facebooks Stammdienst sowie Plattformen wie Instagram, Messenger und Whatsapp gehören. Daneben soll künftig die – vermutlich weitaus kleinere – Kategorie „Facebook Reality Labs“ stehen. Darunter fallen Aktivitäten rund um virtuelle Realität („Virtual Reality“) und erweiterte Realität („Augmented Reality“), die Zuckerberg auch als wichtige Bausteine in seiner „Metaverse“-Vision sieht. Auch andere Hardwareprodukte sollen in dieser Gruppe sein. Facebook hat zum Beispiel kürzlich zusammen mit der Brillenmarke Ray-Ban eine Computerbrille herausgebracht.

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