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Technologischer Wandel : Fünf Punkte für eine zeitgemäße Förderpolitik

  • -Aktualisiert am

Marie Langer, Geschäftsführerin von EOS Bild: EOS

Amerika und China fördern strategisch wichtige Branchen umfangreich. Wir brauchen endlich eine Antwort darauf. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Die Covid-19-Pandemie zeigt: Globalisierung macht uns verwundbar. Eine stark arbeitsteilige Wirtschaft mit über die ganze Welt verteilten Produktionsstätten stößt bei globalen Schockereignissen schnell an ihre Grenzen. Produktionsabläufe in kritischen Industrien wurden in der Hochphase der Krise massiv gestört, weil Lieferketten und Versorgungsstränge für mehrere Wochen unterbrochen waren.

          Die Europäische Union, die Bundesregierung und viele Unternehmen haben daraus die richtige Erkenntnis gezogen: Unsere Volkswirtschaften müssen resilienter werden.

          Der Digitalisierung mit dem verstärkten Einsatz von Big Data, dem Internet der Dinge, Künstlicher Intelligenz, Robotik und industriellem 3D-Druck kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Damit können wir die Flexibilität von Produktionsprozessen erhöhen und die Abhängigkeit in Lieferketten verringern. Unsere Industrie wird dadurch unabhängiger von externen Schocks und nachhaltiger. So stärken wir die wirtschaftliche Souveränität Deutschlands und Europas. Damit die technologischen Potentiale voll ausgeschöpft werden können, ist eine zügige digitale Transformation auf Basis der 3D-Druck-Technologie unerlässlich.

          Deutsche und europäische Unternehmen stellt das vor enorme Herausforderungen. Denn gleiche globale Wettbewerbsbedingungen für die Entwicklung und den Einsatz dieser Technologien gibt es nicht und wird es nie geben. Vielmehr stehen einzelne Staaten, Kontinente und politische Systeme im scharfen Wettbewerb zueinander. Vor allem die Vereinigten Staaten und China fördern den Einsatz modernster Technologien massiv mit staatlichen Mitteln. Der politische Gestaltungswille dieser Länder konzentriert sich dabei auf die aus ihrer jeweiligen Sicht systemrelevanten Märkte und kritischen Zukunftstechnologien.

          Mehr Förderung in Amerika als im eigenen Land

          Ein gutes Beispiel aus meinem Verantwortungsbereich: 2016 waren deutsche Unternehmen nach einer Studie des Beratungsunternehmens EY global führend beim Einsatz von industriellem 3D-Druck. Dann hat China das Potential der Technologie entdeckt. Heute sind wir weit abgeschlagen, während die Technologie in Asien immer häufiger eingesetzt wird. Das Reich der Mitte fördert den Einsatz von industriellen 3D-Druckern gezielt, etwa mit erleichterter Kapitalbereitstellung und massiven Investitionen in Forschung und Entwicklung. Industrieller 3D-Druck nimmt in der langfristigen chinesischen Industriestrategie eine Schlüsselrolle ein. Eine ähnlich umfassende Förderung gibt es in Deutschland bislang nicht ­– trotz der Einstufung als „Schlüsseltechnologie“ in der „Nationalen Industriestrategie 2030“.

          Ein weiteres Beispiel: Amerikanische Plattformen und Digitalunternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Apple beherrschen die Weltmärkte. Nur dank des vielfach beschworenen wirtschaftspolitischen „Laissez-faire“ Washingtons und Steuererleichterungen auch in manchen EU-Mitgliedsstaaten? Mitnichten. Bis 2016 erhielten die genannten Unternehmen z.B. allein für den Bau neuer Datenzentren über zwei Milliarden Euro an staatlicher Unterstützung.

          Die diversen Anschubfinanzierungen der legendären Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), die für die amerikanische Regierung neue Technologien und Sprunginnovationen fördert, sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Auch unser deutsches Familienunternehmen hat in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten mehr Förderung als im eigenen Land erhalten. Das treibt mich um, seit ich es von meinem Team zum ersten Mal gehört habe.

          „Eine gute Erfindung steigert das Gemeinwohl“

          Auch nach vielen Gesprächen in Berlin meine ich: Es braucht in Deutschland konkrete Maßnahmen, um die „Nationale Industriestrategie 2030“ der Bundesregierung mit Leben zu füllen. Das Schreiben von Strategiepapieren genügt nicht. Neben einem In-Sourcing von systemrelevanten Industrien nach Europa und der Weiterentwicklung etablierter Produktionsverfahren, müssen wir daher vor allem unsere Förderpolitik neu aufstellen. Fünf Handlungsfelder sind entscheidend:

          Erstens: Wir müssen in Deutschland schneller, agiler und vor allem unbürokratischer fördern. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit für Projektanträge unseres Unternehmens bei staatlichen Stellen beträgt aktuell zwischen sechs und 16 Monaten. Das ist zu langsam. Hinzukommt: Die deutsche Förderpolitik ist viel zu kompliziert und kleinteilig im Vergleich zur Förderpolitik anderer Staaten. Eine Entschlackung, Vereinfachung und Verkürzung der Prozesse ist dringend notwendig. Ganz praktisch: Bis hierzulande ein Förderantrag von öffentlichen Stellen bewilligt ist, sind in China neue Produkte mit staatlicher Unterstützung bereits in Serienfertigung.

          Zweitens: Wir müssen mehr investieren. Sprunginnovationen brauchen massive Investitionsanschübe und umfangreiche Programme. Wir verlieren uns zu oft im Klein-Klein. Auch hier hilft der Vergleich mit den Vereinigten Staaten: Ohne Darpa-Unterstützung gäbe es heute kein Internet, kein Google und kein Smartphone. Das vom Staat eingesetzte Geld wird dabei gut investiert. Um es mit den Worten des Chefs der deutschen Agentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna de la Vera, zu sagen: „Eine gute Erfindung steigert das Gemeinwohl.“

          Keine lebensverlängernden Maßnahmen für sterbende Geschäftsmodelle

          Drittens: Wir müssen die Förderprogramme bedarfsgerecht gestalten. Große Konzerne können staatliche Antragsprozesse mit ihrem größeren Ressourcenpool und hochspezialisierten Mitarbeitern gerade noch bewältigen, obwohl auch für sie die dadurch verursachten Kosten zu hoch sind. Aber für die zahlreichen hochinnovativen, global agierenden Mittelständler sind viele deutschen Förderprogramme schlichtweg nicht zu bearbeiten.

          Viertens: Wir müssen uns auf technologische Game Changer fokussieren. Dazu gehört auch die additive Fertigung, das zeigt uns das Feedback unserer Kunden ganz klar. Es geht nicht darum, eine Planwirtschaft durch die Hintertür zu errichten, in der jede Branche und jedes Produkt staatlich finanziert wird. Wir benötigen vielmehr eine Bündelung der Förderprogramme im Hinblick auf echte Zukunfts- und Schlüsseltechnologien, die zentraler Bestandteil der industriellen Transformation sind. Unabhängig von ihrer praktischen Verknüpfung mit anderen Industriesektoren. Denn nur so sichern wir langfristig Wohlstand in Deutschland und Europa.

          Fünftens: Deutschland und Europa brauchen mehr Mut zum Risiko. Auch hier sollten wir dem Darpa-Ansatz folgen. Es geht um umfassende Investitionen in Zukunftstechnologien statt lebensverlängernder Maßnahmen für sterbende Geschäftsmodelle. Hätten sich in den Vereinigten Staten stets die Bedenkenträger durchgesetzt, gäbe es heute viele Technologien nicht, die für Milliarden Menschen selbstverständlich geworden sind.

          Kurzum: Um das Potenzial unseres Wirtschaftsstandortes voll auszuschöpfen und zukunftssicher zu machen, sollten auch wir uns bei der Ausgestaltung von Förderprogrammen mehr trauen. Mein Wunsch ist: Mehr Mut.

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