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Fabrik in Deutschland : Elon Musks Pläne sollten sehr ernst genommen werden

  • -Aktualisiert am

Elon Musk investiert in der Nähe von Berlin. Bild: AFP

Ja, Tesla muss noch beweisen, auf Dauer Gewinne erzielen zu können. Doch gerade in jüngster Zeit hat das Unternehmen berechtigte Hoffnungen geweckt.

          3 Min.

          Es war ein Moment ganz nach dem Geschmack von Elon Musk. Der amerikanische Unternehmer hatte eine Galaveranstaltung mit Spitzenvertretern der deutschen Autoindustrie in Berlin gewählt, um eine spektakuläre Ankündigung zu machen: Der von ihm geführte Elektroautohersteller Tesla wolle sein nächstes großes Werk in der Nähe der deutschen Hauptstadt errichten.

          Es wäre nach einer gerade fertiggestellten Produktionsstätte in Schanghai erst die zweite sogenannte „Gigafactory“ des Unternehmens außerhalb seines amerikanischen Heimatmarktes. Die deutsche Autoindustrie kann Teslas Entscheidung für Berlin als Kompliment und Kampfansage gleichermaßen verstehen. Musk wagt sich auf das Revier der Marken, an denen er sich selbst gerne misst. Und genau diese Hersteller bereiten ihrerseits große Offensiven in der Elektromobilität vor, die Tesla das Leben erschweren könnten. Mit seiner Standortwahl gibt Musk ein selbstbewusstes Signal, dass er die Herausforderung annimmt.

          Die Versuchung liegt nahe, dem Tesla-Chef sogar Größenwahn zu unterstellen. Er ist schließlich bekannt für seinen Hang zur pompösen Inszenierung, und oft genug haben sich seine Versprechungen nicht oder erst mit gewaltiger Verzögerung erfüllt. Neue Modelle kamen viel später auf den Markt als erhofft, wiederholt wies Tesla trotz anderslautender Vorhersagen von Musk Verluste aus. Bis heute steht der Autohersteller auf keinem stabilen finanziellen Fundament.

          Unnötige Ablenkung

          Aber gerade in jüngster Zeit hat Musk berechtigte Hoffnungen geweckt, zumindest auf gutem Weg in diese Richtung zu sein. Und damit auch Argumente geliefert, warum seine kühnen Pläne in Deutschland sehr ernst genommen werden sollten.

          Es mag Musks Naturell widersprechen, aber Tesla wirkte zuletzt wie ein verwandeltes Unternehmen. Noch im vergangenen Jahr schien das blanke Chaos zu herrschen, Musk hatte daran mit zeitweise erratischem Verhalten einen großen Anteil. Er beschimpfte Analysten und gab Interviews, die Sorgen um seinen Gesundheits- und Gemütszustand weckten. Er brachte sich und Tesla in Turbulenzen, als er öffentlich über einen möglichen Rückzug des Unternehmens von der Börse sinnierte und damit die Finanzmärkte und Aufsichtsbehörden in Aufruhr versetzte. All das war eine unnötige Ablenkung vom Geschäft in einer Zeit, in der Tesla ohnehin Herausforderungen genug hatte, etwa in der Fertigung seines jüngsten und wichtigsten Produkts „Model 3“.

          Nun aber scheint ungewohnte Ruhe und eine neue Disziplin eingekehrt zu sein. Musk macht in jüngster Zeit nicht mehr mit Eskapaden von sich reden, sondern mit Fortschritten im Geschäft. Tesla meldete gerade zum ersten Mal seit einigen Quartalen wieder einen Gewinn und gab dabei auch Anlass zur Hoffnung, profitabel bleiben zu können. Teslas Liquiditätspolster ist im Moment recht komfortabel, und Musk hob die Bedeutung von Kostenkontrolle hervor, was in einer Zeit, in der Technologieunternehmen wie Uber mit hohen Verlusten auffallen, an der Wall Street eine willkommene Botschaft ist. Im Moment gelingt es Musk sogar, sich an seine eigenen Zeitversprechen zu halten, denn er meldete, die ersten Produktionstests im neuen Werk in Schanghai seien früher als erwartet angelaufen.

          Es ist keineswegs gewiss, dass der jüngste Aufwärtstrend anhält. Tesla muss noch beweisen, auf Dauer Gewinne erzielen zu können. Auch besteht die Gefahr, dass die Kostensenkungen, die Musk selbst als „Hardcore“ bezeichnet hat, zu weit gehen. Sie könnten zum Beispiel die Qualität der Autos beeinträchtigen, über die es in der Vergangenheit ohnehin schon öfter Klagen gab. Tesla kämpft derzeit außerdem mit einer beunruhigenden Abschwächung des Geschäfts auf seinem amerikanischen Heimatmarkt, wo die Umsätze zuletzt deutlich gefallen sind. Das mag damit zu tun haben, dass die staatlichen Förderprämien für den Kauf eines Tesla-Modells in Amerika in diesem Jahr gesenkt worden sind. Anfang 2020 werden sie sogar ganz wegfallen, was die Nachfrage nach Autos von Tesla zusätzlich belasten könnte. Deutschen Herstellern könnte das Anlass zur Hoffnung geben, dass Tesla auf seinem eigenen Revier angreifbar ist.

          Es unterstreicht nicht nur die globalen Ambitionen von Tesla, in China und in Europa eigene Werke zu errichten. Die gegenwärtigen Sorgen in Amerika zeigen, dass das Unternehmen dazu auch ein Stück weit getrieben wird. Ob sich Tesla langfristig als feste Größe im Automarkt etablieren kann, um ein so gewaltiges Vorhaben wie das Projekt in Berlin zu rechtfertigen, wird sich noch zeigen müssen. Zu unberechenbar war das Unternehmen in der Vergangenheit. Es gibt aber heute gewiss mehr Anlass als noch vor einem Jahr, daran zu glauben.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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