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Unternehmer in Not : Elon Musk, ein irrer Typ

Tesla soll nun doch an der Börse bleiben, sagt Elon Musk. Bild: AFP

Der Tesla-Chef hat seine Geldgeber getäuscht und den Kapitalismus verraten. Ein Abgesang.

          5 Min.

          Der 7. August 2018, ein Dienstag, hat für Elon Musk erstaunlich unspektakulär begonnen, wenn man seinen Ruf als Pionier, Milliardär und Visionär bedenkt. Er wachte in seinem Haus in Los Angeles auf, auch seine Freundin war da, die Musikerin mit dem Künstlernamen Grimes. Musk machte Sport, dann stieg er in sein Tesla-Elektroauto und fuhr zum Flughafen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Auf dem Weg dorthin, er selbst saß am Lenkrad, schrieb Musk seine Gedanken auf. Sie passten in acht Worte und eine Zahl. Er versendete sie über den Kurznachrichtendienst Twitter: „Am considering taking Tesla private at $420. Funding secured.“ Zu Deutsch: „Erwäge Tesla für 420 Dollar von der Börse zu nehmen. Finanzierung gesichert.“ Dann flog Elon Musk in seiner Privatmaschine zu seiner Batteriefabrik in Nevada, traf sich mit Fabrik-Managern und half ein wenig am Fließband aus. Erst danach flog er wieder zurück nach San Francisco und besprach die Sache mit seinem Management bis tief in die Nacht.

          Noch ganz bei Sinnen?

          So beschrieb er diesen Tag jüngst in einem aufsehenerregenden Interview mit der „New York Times“, das den Blick auf die bisher ungeahnten Abgründe einer Managerseele lenkt. Bis vor kurzem galt Musk als der charismatisch-verwegene Abenteurer, der mit seiner Beteiligung am Bezahldienst Paypal unfassbar reich geworden ist und nun mit seinen Elekroflitzern der Marke Tesla die Autobranche aufmischt und mit den Raketen seiner Firma Space X die Raumfahrt revolutioniert. Doch seit jenem Tag, der so ruhig begann, sind Investoren, Analysten, selbst Kollegen im Management irritiert. Die Börsenaufsicht ermittelt, Anleger klagen vor Gericht. Denn eine Entscheidung solchen Ausmaßes wird normalerweise in Pflichtmitteilungen an die Aktionäre bekanntgegeben.

          Als großer Elon-Musk-Fan, von denen es in dieser Welt einige gibt, kann man die Episode als die impulsive Geste eines Freigeistes werten, dessen unorthodoxe Herangehensweise nun einmal Teil seines Erfolgsrezeptes ist. Als Anteilseigner, Kontrolleur und unbeteiligter Beobachter muss man sich fragen: War das gedankenlos? Rücksichtslos? Oder gar ein großer Betrug? Und schließlich, bei aller Freude über unkonventionelle Führungsmethoden: Darf jemand ein Unternehmen leiten, bei dem Kommentatoren inzwischen ungeniert darüber spekulieren, ob er noch ganz bei Sinnen ist?

          Seit sieben Jahren keine Woche Urlaub

          Diese Fragen stellen sich nun besonders drängend, weil Elon Musk – mit 47 Jahren kein unerfahrener Heißsporn mehr – sich die Sache jetzt doch anders überlegt hat. In der Nacht zum Samstag kam die Meldung: War alles nicht so gemeint. Immerhin kam die Nachricht diesmal nicht im Telegrammstil, sondern ausformuliert in einem Blogeintrag, zwar wieder über Twitter, aber immerhin auf dem offiziellen Kanal des Unternehmens und nicht über sein privates Konto. Außerdem hatte Musk diesmal das Tesla-Management über seine Gedanken informiert – im Vorhinein. Er habe gewusst, dass der Rückzug von der Börse eine Herausforderung sei, schreibt er, aber nun sei klar, dass es noch zeitaufwendiger sei als ursprünglich gedacht.

          Noch mehr Arbeitszeit kann Elon Musk tatsächlich nicht gebrauchen. Das hatte er im besagten Interview mit der „New York Times“ schon klargestellt. 120 Stunden in der Woche arbeite er, seit sieben Jahren habe er keine Woche Urlaub genommen. Mit Urlaub allerdings hat er ohnehin keine guten Erfahrungen gemacht: Aus dem letzten kam er mit einer Malaria-Krankheit wieder. Deshalb behauptete er früher reichlich lapidar auch angesichts der Ferienwünsche seiner Mitarbeiter: „Urlaub bringt dich um.“

          Manchmal verlasse er seine Fabrik drei oder vier Tage hintereinander nicht, lamentierte Musk jetzt. Seinen Geburtstag am 28. Juni, so sagt er, habe er komplett dort verbracht – die vollen 24 Stunden. Ohne die Hilfe von Medikamenten sei an Schlaf gar nicht mehr zu denken. Und wenn selbst die nicht mehr hülfen, lenke er sich mit endlosen Twitter-Einsätzen ab. Zeit für Familie, er hat fünf Kinder aus erster Ehe, oder gar für Freunde bleibe da nicht. Kein Ende in Sicht.

          Ärger mit der Börsenaufsicht

          Seine Einsatzbereitschaft, ob für die eigene Firma oder den Rest der Welt, trägt geradezu manische Züge. Als im Juni das Schicksal einer jugendlichen Fußballmannschaft aus Thailand, eingeschlossen in einer Höhle, über Wochen die Schlagzeilen dominierte, eilte er höchstselbst zur Hilfe – mit einem kleinen U-Boot im Gepäck, das zwar technologisch fortschrittlich ist, aber für die Rettung gänzlich ungeeignet war. Die Kinder kamen auch ohne Musk wieder ans Tageslicht.

          Das alles klingt dramatisch, geradezu herzzerreißend, zeichnet es doch das Bild eines Mannes, der sich für unverzichtbar hält und an diesem Missverständnis zu zerbrechen droht. Doch die bittere Wahrheit ist: Das Mitgefühl wäre größer, würde Musk nicht immer wieder in die herrschaftliche Attitüde verfallen, die eigenen Mitarbeiter zu tyrannisieren, die Konkurrenz zu verhöhnen und andere – Börsianer, Analysten, Journalisten, selbst die Höhlenretter in Thailand – hemmungslos zu beschimpfen, wenn ihm etwas gegen den Strich geht.

          Das Ganze ist gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Da scheint nicht zu stören, dass Tesla zwar stetig steigenden Umsatz verzeichnet, aber gleichzeitig seit Jahren Verluste einfährt. Einen „Akt der Transparenz“ nennt Musk im Nachhinein seinen überstürzten Tweet zum Börsenrückzug – offensichtlich überzeugt davon, seine Gedanken seien es wert, selbst in unreflektierter Form in die Welt getragen zu werden. Die 420 Dollar, die er Investoren je Aktie in Aussicht stellte, hatte er mit der goldenen Händlerregel „Pi mal Daumen“ festgelegt. Nach dem Auf und Ab der vergangenen Wochen notierte der Aktienkurs am Freitagabend bei 322 Dollar (276 Euro) – also ziemlich weit weg von dem versprochenen Preis.

          Das bringt Ärger. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC stand gleich am Tag nach dem verhängnisvollen Tweet auf der Matte und bat um Informationen. Normalerweise können Unternehmen in solchen Fällen umfangreiche Pläne präsentieren, ausgearbeitet von Wirtschaftsanwälten und Investmentbankern. Aber solche Details fehlen nun einmal, wenn der Chef seine Ideen während einer Autofahrt ungefiltert ins Blaue schickt.

          Was nicht bedeutet, dass die Überlegungen zum Rückzug von der Börse spontan, aus einer Laune entstanden waren. Musk dachte schon länger darüber nach, die Woche zuvor hatte er das Vorhaben schon einmal intern besprochen. So ein Leben an der Börse ist ja auch anstrengend: nervige Investoren, die lästige Bekanntgabe der Quartalszahlen, die vermaledeiten „Shortseller“, die auf einen sinkenden Aktienkurs spekulieren. Dabei hatte die Börse auch unschlagbare Vorteile für Tesla, der Status als Börsenliebling hat zum Tesla-Mythos beigetragen, außerdem kam so auch immer wieder zusätzliches Geld hinein. Den „Shortsellern“ jedenfalls hat Musk mit seinem ersten Tweet das Geschäft gehörig versalzen, der Aktienkurs stieg dank der Worte „Funding secured“ erst einmal. Aber dann kam das offenherzige Interview, die Tesla-Aktie verlor 9 Prozent, und das spülte den „Shortsellern“ mehr als eine Milliarde Dollar in die Kasse.

          Darf Musk weiter Chef sein?

          Die Ermittlungen der Börsenaufsicht haben schnell an Schärfe zugenommen. Auch nach amerikanischem Aktienrecht ist es verboten, Investoren an der Nase herumzuführen. War der Tweet eine Finte, um den Kurs in die Höhe zu treiben? Dazu müsste die SEC nachweisen, dass Elon Musk es zumindest billigend in Kauf nahm, dass die Investoren hier fehlgeleitet wurden.

          Ein Problem könnte aber schon das Versprechen der „sicheren Finanzierung“ sein, also der Anlass für den großen Freudensprung des Aktienkurses. Womöglich war die Finanzierung ja schon damals alles andere als gesichert. Angeblich sollte ein großer Fonds aus Saudi-Arabien das Geld beisteuern. Tatsächlich aber war es wohl niemals fest zugesichert worden. Elon Musk jedenfalls sagt in seinem jüngsten Blogeintrag: „Mein Glaube daran, dass die Finanzierung für den Rückzug von der Böse ausreicht, wurde durch den Prozess bestärkt.“ Nun also „Glaube“, keine Sicherheit.

          Die Börsenaufsicht muss nun auch klären, ob Elon Musk sein börsennotiertes Unternehmen überhaupt noch weiter führen darf. Im Unternehmen selbst dürften die Bemühungen weiterlaufen, dauerhaft Ersatz für ihn zu finden. Kein einfaches Unterfangen, in jeglicher Hinsicht. Wie ersetzt man einen Unersetzlichen? Womöglich gelingt das nur mit einem durch und durch normalen Manager – der sein Leben im Griff hat.

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