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Treuhänder für Daten : Lasst die Daten endlich arbeiten!

  • -Aktualisiert am

Blick in den Serverraum des Softwareunternehmens Compugroup Bild: Frank Röth

Während viele Menschen ihre Daten bereitwillig in sozialen Netzwerken oder beim Einkaufen preisgeben, bleiben große Datenbestände, die gesellschaftlichen Nutzen stiften könnten, der kontrollierten Nutzung weitgehend vorenthalten. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Daten sind das neue Öl – diese Metapher ist nicht totzukriegen. Dabei ist sie eigentlich nur in einem Punkt wirklich zutreffend: Ohne eine Vorstellung davon, was man damit machen will und wie man dies erreicht, sind sowohl Daten als auch Öl relativ wertlos. Öl ist erst einmal nur eine unangenehm riechende Pampe, der man keine ihrer vielen Möglichkeiten ansieht.

          Ein Datensatz ist erst einmal nur eine Sammlung von Informationen und ohne Kontext mäßig interessant. Beides braucht Verarbeitung, Veredelung und konkrete Nutzungsszenarien. Beim Datenschutz sind wir in Europa vorneweg. Bei der Datennutzung aber hintendran. Um etwas daran zu ändern, brauchen wir eine umfassende Lösung einer „europäischen“ Datenbereitstellung.

          Datenwertschöpfung entsteht durch Aggregation und Verknüpfung von Daten, durch moderne, automatisierte Analyseprozesse, Mustererkennung, Erkenntnisanwendung. Daten sind vor allem deshalb wertvoll, weil sie aus ihrer Fülle heraus neue Informationen generieren und so neue Prozesse und neue Wertschöpfung ermöglichen. Anders als Öl werden sie dabei nicht verbraucht, ihr Wert lässt sich auch nicht allein durch Angebot und Nachfrage bestimmen. Daten können als Grundlage eines völlig neuen Wirtschaftszweiges, eines innovativen Produktionsverfahrens, einer medizinischen Revolution vielfältige Werte schaffen.

          Große Datenbestände bleiben ungenutzt

          Im Moment machen jedoch vor allem internationale Großkonzerne satte Gewinne mit weitgehend unkontrolliert gesammelten und genutzten persönlichen Daten. Was dagegen vor allem hierzulande bislang ausbleibt, ist die medizinische, technologische und soziale Revolution, für die Daten das Potential bieten. Während viele Menschen ihre Daten bereitwillig in sozialen Netzwerken oder beim Einkaufen preisgeben, bleiben große Datenbestände, die gesellschaftlichen Nutzen stiften könnten, der kontrollierten Nutzung weitgehend vorenthalten.

          Zum Beispiel im Gesundheitsbereich: Für viele Anwendungen, von der Krebsfrüherkennung bis zur Rehabilitationsbegleitung, könnte es große Fortschritte bringen, Mustererkennungsverfahren mit großen Datenmengen vergangener Fälle zu trainieren. Doch die Datenbestände bleiben verschlossen, ihre Nutzung ist zumindest außerhalb der Wissenschaft stark eingeschränkt. Gesundheitsdaten, so der Konsens, sind die sensibelsten Daten, die es gibt. Sie dürfen nicht in falsche Hände fallen. Das gegenwärtige Konzept des Datenschutzes verhindert aber, dass sie überhaupt in Hände fallen – dass sie systematisiert verknüpft und angewandt werden.

          Parallel bauen die großen Techkonzerne über Praxissoftware, Apothekenangebote und Gesundheitsdienstleistungen ihren eigenen Datenpool auf – kommerzialisiert, monopolisiert und intransparent. Wichtige Fragen der menschlichen Gesellschaft liegen damit exklusiv in den Händen dieser Konzerne.

          Führt der Weg zum gesellschaftlichen Datennutzen also zu einem rigoros gestutzten Datenschutz? Nein, so muss es nicht kommen. Doch die unregulierte Datennutzung findet schon statt: Wo ihr Fokus anfangs nur auf der vermeintlich harmlosen Auswertung von Konsumverhalten lag, sind heute Themen wie die Auswertung und kommerzielle Verwertung des individuellen Genoms längst in Reichweite geraten.

          Die Kontrolle über unsere Daten behalten wir deshalb am besten dadurch, dass wir ihre Nutzung regeln – ein Schluss, zu dem in den letzten Jahren übrigens auch die Vereinigten Staaten und China kamen. Jahrelang haben diese „Datenstaaten“ wirtschaftliches Wachstum dadurch ermöglicht, dass sie Grundlagen des Datenschutzes ignorierten. Jetzt entdecken sie zunehmend die Bedeutung einer Regulierung, die sich mittlerweile auf europäische Standards zubewegt.

          Öffentlicher Treuhänder für Datenverwaltung

          Trotz dieser Vorbildfunktion ist der europäische Versuch, Fortschritt und Wertschöpfung durch Daten zu ermöglichen, noch immer angstgebremst. Viele Bürger sind misstrauisch, und auch Unternehmen ist die Vorstellung geteilter Datenpools eher suspekt. Die Bereitstellung von Daten, richtig gemacht, ist aber kein Verrat am Datenschutz, sondern garantiert erst ein nachhaltiges Wirtschaften mit Datenschutz.

          Dazu plädieren wir für das Modell eines öffentlichen Treuhänders, der die Nutzung sensibler persönlicher Daten exklusiv ermöglicht und verwaltet. Dieser Treuhänder prüft Anträge, gewährt den Zugang und garantiert die Einhaltung der dafür aufgestellten Regeln. Zuvor anonymisiert er die Daten, sodass Rückschlüsse auf Einzelpersonen unmöglich sind.

          Vorbilder auf nationaler Ebene könnten in vielen Aspekten das estnische Gesundheitsinformationsaustauschnetzwerk und die finnische Datenbehörde sein. Solche Institutionen sind unabdingbar, denn Europas Strukturen sind national. Für die Zukunft brauchen wir aber zusätzlich eine europäische Lösung. Denn bei Daten kommt es neben der Qualität auf die Menge an. Der EU-Markt ist groß genug, um starke Anreize für wirtschaftliche Tätigkeit und Innovation zu schaffen. Auf europäischer Ebene lässt sich durch gemeinsame Standards, Schnittstellen und Zugangswege und mit einer schlanken Koordinierungszentrale als EU-Institution ein integriertes Modell schaffen: reguliert, kontrolliert, offen für innovative Nutzung, aber der kommerziellen Monopolisierungstendenz entzogen.

          Das wäre besonders wichtig für das deutsche Wirtschaftsmodell, denn damit stünden Datennutzungsmöglichkeiten für die Breite der Wirtschaft und des Mittelstands zur Verfügung, nicht nur für einzelne Hightech-Leuchttürme. Entsprechend klar reguliert und niederschwellig sollte das Datenzugangsmodell organisiert sein. Die Angst vor dem Verlust von Betriebsgeheimnissen ist eine mittelständische Tradition, der nur die Kombination aus niedriger Zugangsbarriere, klarem Rechtsrahmen und evidentem Nutzen beikommen wird.

          Wie Daten sogar noch wertvoller werden als Öl

          In der Wissenschaft gibt es umfangreiche Erfahrungen mit Forschungsdatenzentren, die es unter Gewährleistung des Datenschutzes auch externen Wissenschaftlern ermöglichen, mit ihren Daten zu arbeiten. Aber gerade Datenverknüpfungen sind selbst im geschützten Bereich der Wissenschaft noch immer schwieriges Terrain. Ein regulierter Treuhänder könnte dafür über die akademische Forschung hinaus klare Regeln und Möglichkeiten schaffen.

          Man muss sich diesen Treuhänder keineswegs als große zentrale Datenburg vorstellen. Schließlich sind die Möglichkeiten des Computing mittlerweile so weit entwickelt, dass eine dezentrale Datenhaltung bei den Besitzern selbst möglich ist. Das macht das System weniger anfällig für virtuelle Angriffe, da kein Datenschatz im Ganzen erbeutet werden kann. Und es würde echte Datensouveränität erlauben: Denn nur wenn eine individuelle Einwilligung vorliegt, wäre die Datennutzung überhaupt möglich.

          Viele Anwendungsfelder

          In modernen, technologisierten, wissensbasiert wirtschaftenden Gesellschaften sorgen Daten für effizientere Prozesse, sie sparen Kosten, ermöglichen neue Wertschöpfung. Neben der Medizin gibt es viele weitere Anwendungsfelder wie Produktion, Logistik, Verkehrsplanung, Bildung.

          Dies zu verstehen und zu vermitteln, daraus ein überzeugendes Fortschrittsnarrativ zu entwickeln und mit einer öffentlichen Datentreuhandschaft ein wichtiges Werkzeug bereitzustellen – das ist für die Wertschöpfung und den Wohlstand der Zukunft nötig. Und auch dafür, Arbeitsplätze der Zukunft in Deutschland und Europa zu schaffen. Daten sind nicht das neue Öl. Sie sind etwas viel Besseres, Sinnvolleres und Nachhaltigeres – wenn man weiß und klarstellt, was man damit machen und wie man dies erreichen will.

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