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Aus „Drive By“ wird „Miles“ : Ein neuer Star am Carsharing-Himmel?

Carsharing wird in Deutschland beliebter. Bild: Picture-Alliance

Ein Berliner Start-up will unter dem neuen Namen „Miles“ den großen Carsharing-Anbietern BMW und Daimler Kunden abspenstig machen. Für Verbraucher lohnen könnte sich das gänzlich andere Preissystem.

          3 Min.

          Weniger Autos in den Städten machen das Leben lebenswerter. Das ist zumindest die Meinung von Timo Nührich, der mehr als zehn Jahre für die Autoindustrie gearbeitet hat, erst bei Toyota, dann bei Audi. Jetzt ist Nührich geschäftsführender Gesellschafter der Drive By Mobility GmbH, einem jungen Carsharinganbieter in Berlin.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Das ist eigentlich nichts Besonderes, denn wie die vor der Fusion stehenden Marktführer Car2Go (Daimler) und Drive Now (BMW) setzen auch die Berliner auf das sogenannte Free Floating, also auf das Prinzip, Autos nicht an festen Leihstationen, sondern im gesamten Stadtgebiet bereit zu stellen. Nur das Tarifmodell ist ein ganz anderes. „Bei uns wird nach gefahrenen Kilometern abgerechnet, nicht nach Minuten“, sagt Nührich im Gespräch mit der F.A.Z. Um diesen Unterschied herauszustellen, will das vor zwei Jahren gegründete Start-up-Unternehmen seinen Namen ändern: „Aus Drive By wird Miles.“

          Meilen statt Minuten, so bringt Nührich den Unterschied zur Konkurrenz auf den Punkt. Für den Kunden könne sich das je nach Verkehrslage durchaus lohnen. Wer im Berufsverkehr in einem „Miles“-Auto sitzt, den belastet die Wartezeit im Stau nicht finanziell.

          „Minutentarife setzen Fahrende unter Druck“

          Ganz generell stört sich Nührich an der bisher üblichen Abrechnungspraxis im Carsharing. „Die Minutentarife setzen die Fahrenden mehr oder weniger stark unter Stress“, sagt der 35 Jahre alte Manager. „Wir sagen dem Kunden dagegen: Du musst nicht rasen, um Geld zu sparen.“ Und noch etwas unterscheidet sein Unternehmen von der Hersteller-Konkurrenz. Während etwa Daimler und BMW glauben, junge Fahrer mit attraktiven Carsharing-Autos eines Tages zum Autokauf bewegen zu können, verfolgen die Berliner das genaue Gegenteil. „Wir wollen den Fahrzeugbestand in den Städten reduzieren“, sagt Nührich. „Sharing-Kunden sind keine Besitztypen und werden es vermutlich auch in Zukunft nicht sein.“

          Drive By vermietet seine Fahrzeuge seit 2017 ausschließlich in Berlin. Zum Auftakt war es nur eine Handvoll Autos, inzwischen sind es 125 Fahrzeuge und 15 Transporter. Mehr als 25000 Nutzer haben sich nach Unternehmensangaben registriert. Jetzt steht das Unternehmen, das derzeit 15 Mitarbeiter beschäftigt, mitten in Verhandlungen mit Investoren über eine Finanzierungsrunde, die einen Millionenbetrag in die Kasse spülen soll. Damit soll eine Expansion eingeleitet werden. Mit der Stadt Hamburg laufen Nührich zufolge bereits Gespräche über einen Marktstart noch in diesem Jahr, 2019 soll es in München weitergehen.

          Keine Festlegung auf eine Automarke

          Parallel dazu soll die Fahrzeugflotte erweitert werden. Derzeit vermietet Drive By vor allem den Kleinwagen Audi A1 und das Kompaktmodell A3, also Fahrzeuge von Nührichs früherem Arbeitgeber. Auf eine Automarke wolle er sich aber nicht festlegen, beteuert der ehemalige Audi-Projektmanager. Wichtiger seien umweltfreundliche, sparsame Motoren. Mit diesem Angebot sieht er sich keinesfalls in der „Müsli-Ecke“. Das Carsharing sei der Öko-Szene längst entwachsen. Aber die eigene Geschäftsphilosophie solle sich klar absetzen von Drive Now und Car 2 Go. „Unter dem neuen Namen Miles wollen wir als hip und cool wahrgenommen werden“, sagt Nührich und sieht sich nicht chancenlos im Spiel gegen David gegen Goliath, Miles gegen Drive Now und Car 2 Go.

          Bereits im kommenden Jahr soll eine weitere, noch größere Finanzierungsrunde das Unternehmen weiter voranbringen, auch europäische Metropolen sind dann im Visier. Nührich und seine beiden Mitgründer, die jetzt noch die Mehrheit in dem kapitalintensiven Start-up halten, sollen dann zu Minderheitsgesellschaftern werden. Wichtig ist für ihn, dass dem Unternehmen die Finanzierung gelingt. Der Berliner Carsharinganbieter Spotcar, der erstmals aus Kilometerbasis Autos vermietet hat, war genau daran gescheitert.

          Die Fusion von Drive Now und Car2Go sieht Nührich dagegen positiv. Sie werde dem stark wachsenden Carsharingmarkt noch mehr Aufmerksamkeit bringen. Für BMW und Daimler wiederum ist die Zusammenlegung ihrer Carsharinganbieter von hoher strategischer Bedeutung. Ziel der beiden Autokonzerne ist es, als europäischer Anbieter Konkurrenten aus Amerika und Asien wie etwa Uber und Didi Chuxing etwas entgegenzusetzen.

          Die neuen Wettbewerber wollen Mobilität ganz neu zu organisieren, indem sie neue Arten von Taxi- und Mitfahrgelegenheiten populär machen. Daimler und BMW wandeln sich ebenfalls behutsam in digitale Mobilitätsdienstleister, weil sie wissen, dass sie sich künftig nicht mehr allein am Verkauf von Fahrzeugen messen lassen müssen, sondern an der Zahl der Kilometer, die ein Kunde darin zurückgelegt hat.

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