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Netflix-Konkurrent : Disney+ übertrifft alle Erwartungen

Disney+ ist gerade sehr gefragt. Bild: dpa

Der Disney-Konzern leidet unter der Coronakrise. Doch sein Streamingdienst boomt überall auf der Welt. Für Netflix, aktuell noch als Krisenprofiteur gehandelt, wächst damit ein mächtiger Konkurrent heran.

          3 Min.

          In grauer Vorzeit, als Corona noch ein Bier war, schauten viele gebannt auf die „Streaming Wars“. Apple, Amazon und Disney, um nur die wichtigsten zu nennen, fordern Netflix heraus, den Platzhirsch mit mehr als 150 Millionen zahlenden Abonnenten.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den vergangenen Wochen ist dieser Kampf um Marktanteile wegen der Coronakrise ein wenig in den Hintergrund geraten. Wenn über die Streaming-Anbieter berichtet wurde, ging es entweder darum, wie sie helfen, das Zuhause-Bleiben erträglicher zu machen, oder dass sie ihre Streaming-Qualität senken, um zu verhindern, dass die Netze überlastet werden.

          Dabei setzen sich die Streaming-Wars unvermindert fort. Mitten in der Coronakrise, am 24. März, startete Disney+ in Deutschland. Während viele Produktstarts in Deutschland verschoben wurden, passt der Streamingdienst von Disney natürlich in die Zeit. Für den Konzern, der hart getroffen wird davon, dass Produktionen ausgesetzt und Kinos und Freizeitparks geschlossen sind, ist das ein Hoffnungsschimmer. Es könnte, wie in so vielen anderen Unternehmen, eine Beschleunigung der Digitalisierung des Geschäftsmodells bedeuten. Dass Disney+ nun so sehr an Bedeutung gewinnt, ist dabei nicht ohne Ironie: Schließlich hat erst Ende Februar Bob Chapek den Disney-Chefposten von Bob Iger übernommen und sich dabei gegen Kevin Mayer, der für Disney+ verantwortlich ist, durchgesetzt. Chapek leitete dagegen bisher unter anderem das nun geschlossene Freizeitparkgeschäft.

          Exponentiell verlaufende Nutzerzahl

          Disney+ dürfte der bisher gefährlichste Konkurrent für Netflix sein. Zwar haben auch Amazon und Apple tiefe Taschen, doch mit dem Umfang an weltbekannten Inhalten, die Disney zur Verfügung hat, können sie kaum mithalten. Wie gut der Dienst bisher ankommt, zeigen Zahlen, die der Konzern am Mittwochabend bekanntgegeben hat. Insgesamt kommt Disney+ nun schon auf mehr als 50 Millionen zahlende Abonnenten auf der ganzen Welt, damit hat sich die Zahl der Nutzer seit Anfang Februar fast verdoppelt. Damals vermeldete der Konzern 28 Millionen zahlende Nutzer. Ursprünglich hatte sich der Konzern zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2024 60 bis 90 Millionen zahlende Abonnenten für sich zu gewinnen. Langsam wird also klar, welches Potential in Disney+ steckt: Mit exponentiell verlaufenden Kurven kennen sich die Menschen inzwischen aus.

          Die Aktie des Disney-Konzerns legte vorbörslich mehr als 6 Prozent zu, Netflix notiert etwas schwächer. Allerdings ist Netflix an der Börse bisher einer der wenigen Gewinner der Coronakrise, während Disney drastisch verloren hat.

          Daten des App-Analyseunternehmens App Annie zufolge haben allein im März 16 Millionen Menschen Disney+ auf ihren Apple- oder Android-Geräten installiert. Ein Großteil davon geht dabei auf das Konto europäischer Nutzer: In den sieben Tagen nach dem Start in vielen europäischen Ländern am 24. März kommt der Dienst auf 11,3 Millionen Downloads. Auch in den deutschen App-Download-Charts landet Disney+ seit dem Start konstant auf den vorderen Plätzen.

          Zum Vergleich: Netflix hatte im dritten Quartal 2019 in Europa, dem Nahen Osten und Afrika insgesamt etwa 47 Millionen Nutzer. Wie genau sich die Coronakrise seitdem auf die Abo-Zahlen von Netflix ausgewirkt hat, ist noch nicht ganz klar. Erste Daten lassen vermuten, dass auch Netflix in der Coronakrise neue Nutzer für sich gewinnen kann.

          Boom in Indien

          Allerdings findet die bemerkenswerteste Entwicklung wohl gar nicht in Europa statt. Während etwa zwei Drittel der Netflix-Nutzer in Europa und Amerika leben, scheint Disney+ nämlich auf der ganzen Welt auf großes Interesse zu stoßen. Allein in Indien zahlen der Mitteilung zufolge inzwischen 8 Millionen Menschen für den Dienst, dabei ist Disney+ dort erst seit dem 3. April verfügbar. Netflix kam im dritten Quartal 2019 in der gesamten Region Asien-Pazifik nur auf etwa 15 Millionen Nutzer. In Indien hat Netflix sich zwar zum Ziel gesetzt, 100 Millionen Kunden für sich zu gewinnen. Zurzeit sind es Berichten zufolge aber eher 2 Millionen.

          Neben der gestiegenen Nachfrage nach Streamingdiensten spielt Disney+ in Europa ein weiterer Aspekt in die Hände: Werbeanzeigen zu schalten, ist gerade besonders günstig, weil viele große Unternehmen ihre Marketing-Ausgaben zurückgefahren haben, schließlich können sie gerade sowieso kaum Produkte verkaufen und müssen Geld sparen. Mit seinem Werbebudget erreicht der Streamingdienst damit viel mehr Leute, als er es sonst gekonnt hätte. So berichten Influencer-Manager, dass sie gerade vor allem von Streamingdiensten mehr Kooperationsanfragen bekommen. Auf vielen großen Influencer-Kanälen finden sich deshalb zurzeit vermehrt prominent platzierte Hinweise auf Disney+.

          Disney hat sich damit, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass sich der Markt so entwickeln wird, auf der richtigen Seite des Werbegeschäfts plaziert. Würde sich der Dienst nämlich nun über Werbeanzeigen finanzieren, wie es einige kleinere Streamingdienste handhaben, hätte er nun mit sehr viel niedrigeren Werbeerlösen zu kämpfen. Weil er sich aber über Abos finanziert, die noch dazu günstiger sind als die der Konkurrenz, sind die Einnahmen stabiler. So sehr der Unterhaltungskonzern als Ganzes also von der Krise getroffen wird, für seinen Streamingdienst könnte es der perfekte Sturm sein.

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