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Neue Studie : Jeder Dritte ist digital abgehängt

Das geplante E-Rezept ist in weiten Teilen der Bevölkerung noch unbekannt. Bild: dpa

Viele Deutsche nutzen noch immer keine Onlineangebote, die das Leben leichter machen können. Das hat andere Gründe als oft gedacht, zeigt eine neue Analyse.

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          Wer in Finnland ein Rezept für Arzneimittel braucht, kann es elektronisch be­kommen. Wer in Estland eine Behördensache zu erledigen hat, macht das ganz selbstverständlich vom Sofa aus. Und in Deutschland? Da wird über diese Dinge zwar viel geredet, im Alltag dominieren aber häufig noch immer Zettelwirtschaft und Warteschlangen in der Stadtverwaltung. Das jüngste Beispiel für die schleppende Digitalisierung: Nach einer Dekade Planung wurde die Einführung des elektronischen Rezepts noch einmal kurzfristig verschoben, das Endlosprojekt soll nun im kommenden Jahr an den Start gehen.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Über die Gründe für den Rückstand in Deutschland wird viel spekuliert. Eine noch unveröffentlichte Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG), in der auf die Bereiche Gesundheit, Verwaltung, Bildung und Arbeit fokussiert wurde, gibt nun einen tieferen Einblick in das Verhältnis der Deutschen zu Digitalangeboten – und bricht mit vorherrschenden Vorstellungen. „Es sind längst nicht nur fehlende Infrastruktur und Datenschutzbedenken, die die Digitalisierung hierzulande bremsen. In der öffentlichen Debatte werden die Schwerpunkte falsch gesetzt, es hängt zum Beispiel auch davon ab, die Menschen zu überzeugen, damit sich Angebote etablieren“, sagt BCG-Senior Partner Olaf Rehse.

          Mythos Nummer eins sei also, dass der langsame Glasfaserausbau Onlineangeboten im Wege stehe und die Nutzer abhalte, sie zu nutzen. Als die BCG-Berater kürzlich 1500 repräsentativ ausgewählte Deutsche befragten, wurde dieses Hindernis jedenfalls nicht an prominenter Stelle genannt. Die Autoren der Studie erklären das damit, dass inzwischen fast 90 Prozent der Haushalte über Internet mit einer Geschwindigkeit von mindestens 100 Mbit je Sekunde verfügten. Den noch schnelleren Glasfaseranschluss können zwar nur 15 Prozent nutzen – doch auch die etwas langsamere Variante reiche zum Beispiel aus, um Videotelefonate zu führen. „Glasfaserleitungen werden zentral für die Angebote, die es in den nächsten fünf bis zehn Jahren geben wird“, sagt Rehse. „Aber aktuell spielt das keine entscheidende Rolle.“

          Überschätzter Datenschutz

          Mythos Nummer zwei ist der Studie zufolge die übergroße Sorge der Deutschen um die Sicherheit ihrer Daten. Zwar sagten 30 Prozent der Befragten, dass zu wenig auf Datenschutz geachtet werde. Fast zwei Drittel geben aber an, fast immer alle Cookies auf Internetseiten zu akzeptieren, 71 Prozent nutzen Anwendungen, bei denen der Standort getrackt wird, wie Google Maps. Und noch wichtiger: Auf die Frage, was am meisten dazu beitragen würde, digitale Anwendungen stärker zu nutzen, kommt ein umfassender Datenschutz erst auf Platz 7. Ganz oben steht dagegen, dass Anliegen, die per Mail oder App eingespeist werden, schneller – am besten in Echtzeit – bearbeitet werden. Ebenfalls sehr häufig genannt: Internetseiten müssen übersichtlicher und digitale Angebote einfacher zu finden sein.

          Wer aber ist das gute Drittel der Deutschen, das der Umfrage zufolge noch mit Online- und App-Angeboten fremdelt? Die Befragung brachte zutage, dass nicht nur die Älteren zu den Digitalisierungsmuffeln zählen. Bei den über 60-Jährigen ist der Anteil derjenigen, die bei Arbeit, Bildung, Gesundheit und Behörden keine digitalen Angebote nutzen, mit 50 Prozent zwar mit Abstand am größten. Genauso groß wie zwischen den Altersgruppen klafft die Lücke aber zwischen den Einkommensgruppen. Nur jeder Vierte mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 3000 Euro im Monat nutzt die Angebote nicht. Unter denjenigen, die weniger als 1500 Euro zur Verfügung haben, ist es dagegen jeder Zweite. „Es geht eine digitale Schere auf“, sagt Rehse.

          Die einfache Erklärung für diese Diskrepanz ist, dass die Ärmeren weniger Zugang zu Digitalangeboten haben und auch weniger Internetkenntnisse besitzen als die Besserverdienenden. Die Studie brachte aber einen weiteren, womöglich noch wichtigeren Zusammenhang ans Licht. Um diese Gruppe zu Digitalnutzern zu machen, braucht es demnach ganz andere Dinge als für die übrigen Nutzer: Weniger Fachbegriffe auf Internetseiten, persönliche, telefonische Hilfestellung, Aufklärung über die Gefahr von Viren, nannten die eher Ängstlichen in der Befragung als größtes Hindernis. BCG-Fachmann Rehse regt zudem an, gerade Kindern aus finanziell schlechter gestellten Familien mehr Angebote zu machen, damit sie digital nicht abgehängt werden. „Kostenlose Digitalschulungen sollten genauso selbstverständlich sein wie ein Gratis-Ticket für den Zoo“, fordert der Mitautor der Studie.

          Weniger Digitalisierungsmuffel

          Die Studie enthält aber auch eine positive Nachricht: Durch Corona hat die Digitalisierung einen enormen Schub erhalten. Vor der Pandemie war der Anteil der Digitalisierungsmuffel mit 74 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie heute: Im Homeoffice an Zoom- oder Skypemeetings teilzunehmen ist für neun von zehn Arbeitnehmern heute Standard.

          Auch die Schulen und Universitäten, die während der Pandemie viel kritisiert wurden, machen Fortschritte – wenn auch auf überschaubarem Niveau. 45 Prozent der Infoveranstaltungen werden dort heute online angeboten (vor Corona nur 12 Prozent). Keinerlei Digitalangebote macht heute etwa jede fünfte Bildungseinrichtung (vor der Pandemie mehr als ein Drittel). Zugelegt haben auch Videosprechstunden in Arztpraxen (von 4 auf 15 Prozent). In Zeitlupe geht es dagegen in vielen Bereichen der Verwaltung voran. Einen Anwohnerparkausweis beantragten seit Corona 5 Prozent der Befragten online, vor der Pandemie waren es mit 4 Prozent fast genauso wenige.

          Um die Digitalisierung schneller voranzubringen, ist aus Sicht von BCG unter dem Strich ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig: „Es gibt zu wenige Angebote, und die, die es gibt, sind oft nicht bekannt genug“, sagt Rehse. Es gebe an vielen Stellen große Potentiale, die mit wenig Geld gehoben werden könnten. „Letztlich geht es darum, die ganze Kette zu stärken.“

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