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Digitalisierung : Wieder eine Chance vertan: Die deutsche Corona-Warn-App

  • -Aktualisiert am

Bundeswehr-Soldaten hatten die ursprüngliche Corona-Warn-App getestet. Bild: AFP

Die Diskussion um die Corona-Warn-App ist ein weiteres trauriges Kapitel in der deutschen Digitalisierungs-Geschichte. Halbwissen hat sich durchgesetzt. Ein Gastbeitrag.

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          Derzeit wird viel über die Corona-Warn-App gesprochen. Viele beklagen sich über mögliche Überwachung, andere über vergebene Möglichkeiten, die Pandemie schneller in den Griff zu bekommen. Unbestritten ist, dass die Corona-Warn-App die Zeit zwischen einem positiven Test und dem Warnen von anderen verringert. Heute brauchen Gesundheitsämter Tage, wenn nicht Wochen, um mögliche Infektionskandidaten zu informieren und Infektionsketten zu unterbrechen.

          Weiterhin könnten Virologen für zukünftige Pandemien lernen, um Maßnahmen zur Einschränkung oder Lockerung punktgenau und lokal optimal einzusetzen. Die Frage bleibt also: Warum gibt es diese App nicht schon?

          Anfang März hat das Robert-Koch-Institut (RKI) das Fraunhofer HHI beauftragt, eine Corona-Warn-App für Deutschland zu erstellen, um bei der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie zu helfen. Dabei gab es von Anfang an die Vorgabe, den Datenschutz und die Privatsphäre aller zu gewährleisten.

          Mit Hilfe von Institutionen wie dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und weiteren Firmen wurde dann in kurzer Zeit eine App entwickelt, die Mitte April fertiggestellt wurde und auch europaweit Anklang fand. Zeitgleich hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weitreichende Zugriffe auf Bewegungsdaten der Mobiltelefone von Corona-Patienten eingefordert. Auch wenn Letzteres nichts mit der Entwicklung der App zu tun hatte und nicht mit den Entwicklern abgesprochen war, führte dies zu einer hitzigen Diskussion über die App unter der Federführung Halbwissender. Es wurde eine Diskussion über dezentrale und zentrale Ansätze geführt – und dabei viele Diskussionspunkte miteinander vermischt.

          Damit der Leser sich sein eigenes Bild machen kann, wird im Folgenden die Arbeitsweise der ursprünglich hierzulande entwickelten App kurz beschrieben: Die Corona-App wird auf dem Handy auf Basis von Freiwilligkeit installiert und sendet von da ab virtuelle Kennungen, sogenannte IDs, über Bluetooth aus. Die IDs ändern sich mit der Zeit, um keine Rückschlüsse auf Personen, Geräte oder Orte zu ermöglichen. Die virtuellen IDs werden von einem Server bezogen, mit dem sich die App alle zwei Tage verbindet. Die Corona-Warn-App fragt weder nach persönlichen Daten, noch fasst sie ungefragt andere Daten vom Endgerät ab. Parallel empfängt sie virtuelle IDs von Geräten, die sich in der Nähe aufhalten und speichert diese für 14 Tage auf dem eigenen Telefon verschlüsselt ab.

          Für den Fall, dass man positiv getestet wird (und nur dann), wird die Liste der virtuellen IDs zum Server hochgeladen. Auf dem Server wird danach berechnet, wer potentiell einer Gefahr durch das neuartige Coronavirus ausgesetzt war. Anschließend werden diese Personen über deren App informiert, die dann freiwillig in Quarantäne gehen oder sich sogar testen lassen.

          Nun mit Google und Apple

          Der Vorteil einer App liegt auf der Hand, indem mögliche Ansteckungsherde sofort eingedämmt werden. Wichtig ist, dass auf dem Server zu keiner Zeit persönliche Daten vorhanden sind und der Server immer nur andere Apps, aber nie Personen kontaktiert. Daher ist auch der Name „Person Tracking“ irreführend, es werden keine Leute getrackt, sondern nur informiert.

          Hier bricht leider eine deutsche Schwäche hervor, gut gemeinte Ansätze durch kryptische Namen wie PEPP-PT einzuführen. Vielleicht wäre die Corona-Warn-App unter dem Namen „United Against Corona“ besser angekommen. Trotz des sperrigen Namens war die vorgeschlagene Lösung ein sehr guter Start, der die Privatsphäre und die Gesundheit der Menschen geschützt hätte.

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