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Digitalisierung : Wieder eine Chance vertan: Die deutsche Corona-Warn-App

  • -Aktualisiert am

Hierzu ein Beispiel: Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir ungefähr 12.000 positiv getestete Personen, die noch potentiell ansteckend sind. Wenn all diese Personen die App benutzt hätten und freiwillig ihre Daten hochgeladen hätten, dann hätte der Server nur diese 12.000 Patienten mit deren Kontakten in Verbindung gebracht. Wenn man gewarnt wird, heißt dies nur, dass man möglicherweise Kontakt zu einem Infizierten hatte, aber nicht mit wem, wann oder wo.

Dieser Ansatz wurde oft als „zentraler“ Ansatz beschrieben. Es ist aber eher ein hybrider Ansatz, bei dem die Daten dezentral gesammelt werden und zentral nur eine Teilmenge ausgewertet wird. Dies darf man unter keinen Umständen mit zentralen Ansätzen wie in China oder Südkorea gleichsetzen, wo alle App-Benutzer ständig ihre Daten, inklusive Ortsangaben, an einen Server hochladen. Ein komplett dezentraler Ansatz, das heißt komplett ohne Server, ist technisch sehr kompliziert und würde einen hohen Energieverbrauch auf den Endgeräten zur Folge haben, was wiederum zur Deinstallation der App führen würde.

Datenschutz versus Datenschatz

Durch die vielen Diskussionen hatte sich die Bundesregierung unlängst entschlossen, die Corona-Warn-App mit Hilfe von Google und Apple umzusetzen – und damit gegen die Lösung unter Federführung der Fraunhofer Gesellschaft. Mit weiterer Hilfe der Deutschen Telekom und SAP wird nun ein ähnlicher Ansatz ausgewählt, der sich einzig und allein durch ein Merkmal unterscheidet: Während die Vorgängerversion die möglichen Kontakte auf dem Server berechnet, sollen diese Berechnungen nun lokal auf dem Endgerät erfolgen.

Dies führt aber zu keiner Verbesserung der Situation, da der Server in keinem der beide Fälle je Kenntnis über Identitäten gehabt hätte. Andererseits wird der neue Ansatz dazu führen, dass mehr Datenvolumen und mehr Energie auf dem Endgerät verbraucht wird.

Einen Vorteil hat die neue Initiative aber auch: Apple-Nutzer können ihre App nun im Hintergrund laufen lassen, um parallel Daten zu sammeln. Das wäre ohne Unterstützung von Apple nicht möglich gewesen.

Trotzdem haben wir als Gesellschaft wieder einmal nicht gelernt,  den Unterschied zwischen Datenschatz und Datenschutz zu verstehen. Wir haben es versäumt, eine derzeit optimale Lösung zeitnah einzusetzen und während des Betriebes anzupassen. Wir haben uns nicht für eine europäische Lösung entschieden und alles so lange zerredet, bis wir unsere Daten nun über Googles und Apples APIs dediziert preisgeben. Wir haben versäumt zu lernen, was eine solche Initiative mit uns macht.

Digitalisierung muss erlernt und durch die gesellschaftlichen Aspekte einer Gesellschaft geformt werden. Man hätte dann einmal diskutieren können, welche weiteren Daten wir denn gewillt wären weiterzugeben. Warum zum Beispiel nicht die Postleitzahl? Die würde der Politik und den Virologen helfen. Die einen könnten Maßnahmen lokal begrenzt einleiten, die anderen für zukünftige Pandemien lernen.

Anhand dieses Beispiels erkennt man die Notwendigkeit, eine Diskussion über Datenschutz und Datenschatz zu führen, die nicht durch Fehlinformation und Halbwissen angetrieben wird, sondern durch transparente Informationspolitik und dem Willen, Dinge auch mal auszuprobieren. Digitalisierung will gelebt werden.

Frank Fitzek ist Professor an der TU Dresden, Koordinator des 5G-Labs und war Mitgründer des Unternehmens acticom, das die ursprüngliche App mit programmiert hat.

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