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Magnus Östberg : Mercedes holt sich einen Software-Chef

Magnus Östberg ist der neue Mann bei Mercedes. Bild: Mercedes-Benz AG

Der Autohersteller macht Tempo in der Digitalisierung und setzt sich ein wichtiges Ziel: Ein eigenes Betriebssystem soll bis 2024 fertig sein.

          3 Min.

          Zwei Schlüsselthemen hat Vorstandschef Ola Källenius für Mercedes-Benz längst benannt: die Elektrifizierung und die Fahrzeugsoftware. Jetzt wird die Organisation des Autoherstellers noch stärker auf das Thema Digitalisierung ausgerichtet. Mercedes installiert einen „Chief Software Officer“, der die Gesamtverantwortung für das Fahrzeug-Betriebssystem MB.OS übernehmen soll. Der 48 Jahre alte Schwede Magnus Östberg, der nach seinem Masterabschluss in Elektrotechnik Karriere mit dem Schwerpunkt Fahrzeug-Software bei mehreren Zulieferern gemacht hat, wird die Position bei Mercedes zum 1. September übernehmen.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Einen Vorstandsposten wird Östberg allerdings nicht erhalten. Gefragt sei Östberg als ausgewiesener Software-Experte. „Es geht dabei um das Rückgrat des gesamten Fahrzeugs“, erläuterte ein Sprecher des Autoherstellers die übergreifende Bedeutung dieser Position. Östberg werde sowohl an den COO Markus Schäfer wie auch an den Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius berichten.

          Damit wird der Vorstand der Mercedes-Benz AG kurz vor der geplanten Aufspaltung des Daimler-Konzerns (in je ein Unternehmen für Personenwagen und für Nutzfahrzeuge) um ein Mitglied verkleinert. Während nämlich für Östberg die Position des Chief Software Officers neu geschaffen wird, gibt es künftig keinen „Chief Technology Officer“ mehr.

          In dieser Vorstandsposition hatte Sajjad Khan die Entwicklung in den Technikbereichen zu verantworten, die noch zu Zeiten von Daimler-Chef Dieter Zetsche unter dem Kürzel CASE (Connectivity, Autonomous, Shared & Services sowie Electric) zusammengefasst wurden. Diese „Schnellboote“ des technologischen Fortschritts brauche man gar nicht mehr, lautet die Logik des Umbaus: Mercedes selbst müsse nun ein Schnellboot sein. Eine Rolle bei der Neuordnung dürften indes auch zwischenmenschliche und fachliche Differenzen gespielt haben, die es vor allem zwischen Sajjad Khan und Markus Schäfer gegeben haben soll.

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          Der Pakistaner geht gleichwohl mit ausdrücklichem Lob und Dank vom Aufsichtsrat. „Sajjad Khan hat die Digitalisierung bei Mercedes-Benz entscheidend vorangebracht und das Produktportfolio maßgeblich geprägt. Mit MBUX hat er ein System geschaffen, das im Automobilsektor einen neuen Maßstab definiert“, wird Daimler-Aufsichtsratschef Bernd Pischetsrieder in einer Mitteilung von Mercedes zitiert.

          Der Stuttgarter Autohersteller unterstützt Khan auch bei seinem nächsten beruflichen Schritt in die Selbständigkeit als Investor. Der 47 Jahre alte Khan wird einen auf Technologie konzentrierten Venture-Capital-Fonds aufbauen und hat seinen bisherigen Arbeitgeber als einen maßgeblichen Geldgeber dafür gewonnen. Details seien noch nicht geregelt, heißt es in Stuttgart, doch: „Ich freue mich, dass wir ihn als Mercedes-Benz bei diesem innovativen Vorhaben als Angel Investor begleiten dürfen“, wird Vorstandschef Ola Källenius in der Mitteilung zitiert.

          Das Ziel heißt MB.OS

          Mit technologischer Expertise und strategischem Weitblick habe Sajjad Khan die Grundlagen für MB.OS gelegt, sagt Källenius. Das Kürzel steht für ein Betriebssystem – aber auch für eine grundlegende strategische Entscheidung von Mercedes: „Wir setzen auf eine eigene Software-Plattform für unsere Fahrzeuge.“ Langfristig plant Mercedes, mehr als 60 Prozent der Wertschöpfung im Bereich Software im Auto, auf Cloud-Ebene und bei weiteren Anwendungen aus eigener Entwicklung zu erzielen. MB.OS soll als eigenes, datengestütztes System vom Jahr 2024 an in die Mercedes-Autos eingebaut werden.

          Dabei geht es um die Verknüpfung aller elektronischen Anforderungen innerhalb eines Fahrzeugs. Bei Mercedes zieht man daher auch den Vergleich zum „zentralen Nervensystem“ im menschlichen Körper, ohne das die Komplexität der Funktionen nicht bewältigt werden könne, ganz gleichgültig, wie gut die einzelnen Funktionen sind. Dies bedeutet also, dass Mercedes sehr wohl auf die Expertise anderer Unternehmen im IT-Bereich zurückgreift. So könnte etwa der Zentralrechner von Zulieferern wie ZF oder Bosch kommen, für die Cloud-Dienste arbeitet Mercedes mit Microsoft Azure.

          Die intelligente Verknüpfung der unterschiedlichen Software- und Elektronik-Systeme wird bei Mercedes als entscheidender Erfolgsfaktor für digitale Innovationen gesehen. Im Auto der Zukunft soll ein „sicheres, komfortables, aber auch luxuriöses Kundenerlebnis“ geschaffen werden, lautet die Losung. Einen ersten Hinweis, in welche Richtung sich das Premiumauto entwickeln dürfte, gibt zum Beispiel der Hyperscreen, der in der neuen S-Klasse quer durchs Fahrzeug führt und eine intuitive Bedienung des Autos und all seiner Funktionen ermöglicht.

          Um die Transformation in Richtung Digitalisierung zu beschleunigen, will Mercedes 3000 Stellen in den Tech-Hubs an den Standorten Berlin, Tel Aviv, Seattle, Sunnyvale, Beijing, Tokio und Bengaluru neu schaffen. Allein 1000 zusätzliche Mitarbeiter will der Autohersteller in Sindelfingen einstellen. An dem Standort nahe Stuttgart, wo vor allem die Luxuslimousine S-Klasse sowie (in der voll vernetzten Factory 56) auch der elektrische EQS montiert werden, sind traditionell auch wichtige Teile der Entwicklung mit mehreren Tausend Mitarbeitern angesiedelt. Hier soll nun auf 65.000 Quadratmetern, etwa acht Fußballfelder groß, der zentrale Campus für das Betriebssystem MB.OS entstehen.

          Bis kommenden Sommer will man sich Zeit lassen, die besten Software-Experten zu finden. „Man braucht Leute, die die Komplexität eines Autos durchschauen“, kommentiert ein Mercedes-Sprecher die Bedeutung dieser Rekrutierungsaufgabe. Um solches Personal zu finden, hat sich Mercedes im Juni schon mit dem Betriebsrat darauf geeinigt, für die Mitarbeiter in der Software-Entwicklung andere Rahmenbedingungen zu schaffen als für das in den traditionellen Bereichen tätige Personal – mit mehr Eigenständigkeit und individuellem Gestaltungsspielraum und einer stärker leistungsorientierten Vergütung.

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