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Chinesische Smartphones : Vivo startet in Europa

Auch mit der Oberklasse will Vivo auf sich aufmerksam machen: X 51 5G Bild: Vivo

Das Handy-Unternehmen Vivo hat in Fernost schon den zweitgrößten Marktanteil. Nun drängt es nach Europa.

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          Erst China, dann Europa: Diesen Sprung haben chinesische Unternehmen wie Huawei, Xiaomi, Oneplus oder Oppo auf dem Smartphone-Markt schon mehr oder weniger erfolgreich gewagt. Nun macht sich Vivo auf den Weg.

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Chinesen hatten am Dienstag ihren ersten Auftritt in Europa auf einer virtuellen Pressekonferenz, um ihre Strategie und neue Produkte vorzustellen. Eigentlich hätte dies schon Ende Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona geschehen sollen. Aber da war Corona schneller und hatte Europa schon so infiziert, dass die Messe aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde.

          Seit dem abgesagten MWC ist über ein halbes Jahr vergangen. Die Konkurrenz hat in dieser Zeit turnusgemäß ihre Modelle vorgestellt, während Vivo den Markt beobachtete. „Wir haben keine Eile“, sagt Seon-Il Hwang gegenüber dieser Zeitung. Er ist Vice President von Vivo Europe. In China hat er sein Unternehmen auf Platz zwei geführt. Nur Huawei verkauft dort mehr Smartphones. Der Marktführer hat mit 45,2 Prozent allerdings einen deutlichen Vorsprung. Vivo kommt im zweiten Quartal auf 17,1 Prozent.

          Gegenüber Journalisten muss Seon-Il Hwang erst einmal mit einem Missverständnis aufräumen. Denn nicht nur Wikipedia verbreitet den falschen Hinweis, dass das Unternehmen zu BBK Electronics gehöre, einem chinesischen Konzern, der die Marken Oppo, Oneplus und Realme unter sich hat. Alle drei Hersteller haben den Markteintritt in Europa hinter sich.

          „Vivo ist ein unabhängiges Unternehmen und gehört keiner Muttergesellschaft an“, sagt Seon-Il Hwang. „Wir investieren in unsere eigene Forschung und Entwicklung und teilen weder die Software- noch die Hardwareentwicklung mit anderen Marken.“ Vivo habe mehr als 10000 Mitarbeiter, die sich auf neun Zentren in Asien und Amerika verteilten.

          Die Europa-Zentrale ist in Düsseldorf. Bilderstrecke
          Vivo : Markteintritt in Europa

          Schaut man zwei der drei Produkte an, die Vivo auf der Veranstaltung vorgestellt hat, steht das Unternehmen ohnehin nicht in direkter Konkurrenz zu den chinesischen Mitbewerbern Oppo, Oneplus oder Realme. Vivo hat vielmehr das untere Preissegment im Blick. Die Y-Serie besteht momentan aus zwei Modellen, die unter 300 Euro kosten. „Wir werden uns auf eine Reihe von erschwinglichen Geräten konzentrieren, die sich durch eine starke Batterie, eine Kamera und Designfunktionen auszeichnen“, sagt Seon-Il Hwang.

          Die Auswahl dieser Eigenschaften habe eine Umfrage unter 9000 Verbrauchern in Europa ergeben. Außerdem würde das Preissegment unter 300 Euro momentan um fünfzig Prozent wachsen.

          Gemäß den Zahlen des Marktforschungsunternehmens IDC werden in Deutschland zwischen 20 und 40 Prozent der Smartphones im unteren Preissegment verkauft. Im zweiten Quartal waren es 2,1 Millionen Geräte von insgesamt 4,6 Millionen, die weniger als 300 Euro kosteten. Jedes zweite davon stellt Samsung her.

          Dann folgt laut IDC Huawei mit einem Marktanteil von 21 Prozent. „Der Markt für günstige Geräte ist groß“, sagt Wafa Moussavi-Amin, Geschäftsführer und Analyst von IDC Deutschland, gegenüber dieser Zeitung. „Aber das Segment ist sehr stark besetzt von den großen Marken wie Samsung. Erst wenn man im hochpreisigen Segment erfolgreich ist, kann man im günstigen punkten.“

          Das Unternehmen zählt gern Premieren auf

          Das weiß Vivo auch. Deshalb beließen es die Chinesen nicht dabei, nur die günstige Y-Serie vorzustellen. Das X515G sei ein „wirklich leistungsfähiges Smartphone, das die neueste Innovation der Kameratechnologie mitbringt“, wirbt Vivo. Das 800 Euro teure Gerät hat als erstes Smartphone im Hauptobjektiv der Kamera ein Gimbal eingebaut, das besser als ein optischer Bildstabilisator die Bewegung der Hand kompensiert. Das Unternehmen zählt gern solche Premieren auf: Mit dem X5Max hatte Vivo das dünnste Smartphone der Welt, im X20Plus UD war das erste Mal ein Fingerabdrucksensor unter dem Bildschirm verbaut, und die Nex-Serie hatte als erste ein Display ohne Rand.

          Mit dem Konzept-Smartphone Apex 2020 zeigte Vivo Anfang des Jahres, wo die Reise noch hingehen kann: Gehäuse ohne Öffnung und Seitenkanten, Kamera unter dem Bildschirm und siebenfachen stufenlosen optischen Zoom.

          Selbst wenn sich Vivo in Deutschland und Europa als Marke etabliert, muss das Unternehmen mit der Y-Serie dennoch erst einmal Geld verdienen. „Das unterste Preissegment unter 150 Euro ist schwierig, weil die Margen gering sind. Erst so ab 250 Euro lohnt es sich richtig. Allerdings kommt man nicht über Margen von durchschnittlich fünf bis zehn Prozent. Gewinne werden eher im mittleren und oberen Preissegment gemacht“, sagt Annette Zimmermann, Vice President und Analystin bei Gartner Deutschland, gegenüber dieser Zeitung.

          Nicht nur die Corona-Pandemie und ihre negativen Auswirkungen auf die Kaufkraft der Deutschen könnten Vivo indirekt dabei helfen, dass die Nachfrage nach günstigen Smartphones steigt. Absurderweise könnten auch die Attacken des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegen chinesische Unternehmen dafür sorgen, dass Vivo immer mehr Kunden in Deutschland gewinnt.

          Denn aufgrund der immer noch geltenden Sanktion, dass auf Geräten von Huawei keine Anwendungen von Google laufen dürfen, werden dessen Geräte und auch die günstigen Smartphones der Tochtermarke Honor immer wertloser, die Verkaufszahlen sinken. Somit könnte das eine chinesische Unternehmen das andere ablösen. Huawei hat allerdings in allen Preissegmenten die Latte sehr hoch gelegt, was die technische Ausstattung der Smartphones angeht.

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