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Digitale Gefahr : Wie sich Hacker in der Telegram-App zusammentun

Geldtransfer ist ein attraktives Ziel: Wo viel zu holen ist, suchen Cyberkriminelle nach Opfern. Bild: Anna Jockisch

Wer auf der Suche nach illegalen Diensten im Internet ist, muss nicht mehr ins Darknet abtauchen. Hacker nutzen dafür mittlerweile ganz offizielle Kommunikationswege.

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          Das Angebot soll verlockend klingen: 1.000 Dollar am Tag kann man verdienen als Mitarbeiter der Zahlungsdienstleister Moneygram oder Western Union. Allerdings nicht, wenn man seiner eigentlichen Arbeit nachgeht, sondern wenn man als Mitarbeiter kriminell wird und Informationen über Kunden an Hacker weiterleitet.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Für Hacker sind sogenannte Insider, also abtrünnige Mitarbeiter von Unternehmen, besonders wertvoll. Computersysteme anzugreifen ist aufwendig und darauf zu hoffen, dass irgendjemand in einer Organisation versehentlich ein Schadprogramm aus einer E-Mail installiert, ist für die Kriminellen mühsam. Wer einen direkten Draht in ein Unternehmen hat, kommt viel leichter an Informationen und geht gleichzeitig auch ein geringes Risiko ein. Deshalb ist das Angebot für abtrünnige Mitarbeiter auch so hoch: Wo verdient man schon 1.000 Dollar am Tag?

          Die Hacker nehmen für ihre Rekrutierungsversuche nicht nur Zahlungsdienstleister in den Blick, sondern auch Telekommunikationsunternehmen oder Banken. Vielleicht stößt man auch dort auf verärgerte Angestellte, die offene Rechnungen mit Chefs haben oder Schulden, die sie nicht abbezahlen können, je verzweifelter oder gieriger Mitarbeiter sind, desto leichter haben es die Kriminellen.

          Konfliktpotenzial wird genutzt

          Angebote wie das an die Western-Union-Angestellten gab es früher vor allem in geschlossenen Foren im Darknet. Das ist ein Teil des Internets, den man nur mit besonderen technischen Hilfsmitteln erreichen kann. Es ist kein komplett verborgener Ort, doch gibt es einige Zugangsbeschränkungen. Das zieht vor allem Kriminelle an. Jedoch sind Strafverfolgungsbehörden in der Vergangenheit immer wieder erfolgreich gegen illegale Marktplätze im Darknet vorgegangen, auf denen Drogen, Waffen oder Hackerdienste angeboten wurden. Auch deshalb schließen sich zunehmend Hacker in der Kurznachrichten-App Telegram zusammen. Die ist vor allem dafür bekannt, besonders anonym zu sein und verschlüsselte Nachrichten zuzulassen. Außerdem ist sie viel einfacher zu erreichen, sie gibt es als Anwendung für praktisch jedes Smartphone. So ist es auch möglich, in Gruppen Nachrichten an unendlich viele Teilnehmer öffentlich zu verschicken und dann weitere Gespräche privat fortzuführen.

          Analysten des israelischen IT-Sicherheitsunternehmens Checkpoint sind auf einige dieser Gruppen gestoßen, die mitunter großen Zulauf haben. So habe der Kanal „Amir Hack“, der vor allem in Iran bekannt ist, mehr als 100.000 Nutzer. Auch auf anderen arabisch- und russischsprachigen Kanälen, deren Inhalte die F.A.Z. einsehen konnte, werden kriminelle Hacker-Dienstleistungen angeboten und gesucht. Das Angebot für die Moneygram-Mitarbeiter stammt aus dem Februar und wurde in der russischsprachigen Gruppe „Dark Job“ veröffentlicht. Dort werden auch Hacker mit vermeintlich verlockenden Angeboten rekrutiert: „Bist du es leid im Keller deiner Mutter zu wohnen?“, heißt es in einem Gesuch, „Mädchen mögen Jungs mit Geld“, in einem anderen. Die Angebote sind nach Farben gestaffelt – von Weiß für „risikolose Jobs“ bis zu Schwarz für besonders gefährliche Aufträge. Zusammen bilden sie einen Marktplatz abseits aller Öffentlichkeit.

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          „Hacking ist heute ein riesiges Geschäft geworden“, sagt Maya Horowitz, die das Analyseteam von Checkpoint leitet. „Doch heute braucht es für die meisten Attacken nicht nur komplizierte Technik, sondern auch viele Helfer.“ Deshalb bildeten sich heutzutage auch in der digitalen Unterwelt immer mehr soziale Gruppen. Wie Söldner finden sich Hacker mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen, um etwa Banken oder Telefonanbieter anzugreifen.

          Ob die Stellenbörse auf Telegram dann auch tatsächlich zu kriminellen Taten führt, ist für die Sicherheitsforscher nur schwer herauszufinden. Denn die Absprachen finden nicht in der Gruppe, sondern unter vier Augen statt. Die Kriminellen gehen auf jeden Fall ein Risiko ein. Typischerweise seien Gruppen wie „DarkJob“ nicht nur von IT–Sicherheitsunternehmen, sondern auch von Ermittlungsbehörden infiltriert, sagt Horowitz. So könnte es sein, dass für die Hacker am Ende nicht das schnelle Geld, sondern nur die Handschellen winken.

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